SuperMarkt: Ein Volkstribun namens "Heini"

24.11.2012 | 18:02 |  von Franz Schellhorn (Die Presse)

Ein Schuhfabrikant aus dem Waldviertel hält das ganze Land in Atem. Und macht aus knallharten Regulierern überzeugte Marktwirtschafter. Hut ab!

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Heinrich „Heini“ Staudinger ist das, was man landläufig ein PR-Genie nennt. Der Fabrikant des ästhetisch nicht ganz unumstrittenen Schuhwerks „Waldviertler“ hat nicht nur die Herzen seiner Landsleute im Sturm erobert, sondern gezeigt, wie man eine unerfreuliche Erfahrung mit seiner Hausbank zur skandalumwitterten Staatsaffäre hochjapst. Das ist aber noch nicht alles: Der „Fall Staudinger“ hat aus glühenden Anhängern einer gnadenlosen Regulierung des Wirtschaftslebens durch den Staat im Handumdrehen Verfechter einer manchesterliberalen Wirtschaftsordnung gemacht – und aus Anhängern eines ungezügelten Laissez-faire-Liberalismus eiserne Proponenten einer knallharten Regulierung.

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Nicht schlecht. Gelingen konnte das nur, weil die „Story“ passt. Und die hätte man erfinden müssen, wäre sie nicht tatsächlich passiert: Obwohl seine Firma Gewinne schreibt, wird dem Unternehmer Staudinger von seiner regional verankerten Hausbank die Kreditlinie gekürzt. Woraufhin der Fabrikant von Banken nichts mehr wissen will und sich das benötige Geld einfach von seinen Kunden und Freunden leiht. Ohne Sicherheiten und sonstigen Schnickschnack. Die neuen Geldgeber bekommen vier Prozent Zinsen gezahlt, und das geliehene Kapital kann nach einer dreimonatigen Kündigungsfrist zurückgefordert werden.


Gnadenlose Aufsicht? Die Sache wird zum großen Erfolg, der findige Schuhfabrikant wird von privaten Kreditgebern geradewegs überrannt. Bis, ja bis der Wind die Waldviertler Nachbarschaftshilfe zur mächtigen Finanzmarktaufsicht (FMA) ins ferne Wien trägt. Die Behörde erlaubt sich den schüchternen Hinweis, dass derartige Geschäfte gesetzeswidrig und Banken vorbehalten seien. Andernfalls entstünde ein unregulierter Kreditmarkt, der es Gaunern ermöglichte, gutgläubige Kunden ohne Aufhebens um ihr Geld zu bringen.

Eine Argumentationslinie, die mittlerweile ein ganzes Land entsetzt. Tenor: Einem kleinen Schuhfabrikanten steigt die übermächtige FMA auf die Zehen, während sie bei großen Gaunern alle Augen zudrückt. Mit anderen Worten: Wenn man schon die großen Fische entwischen lässt, dann doch bitte auch Herrn Staudinger. Die Österreicher halten eben immer zum „Underdog“, und wenn ein kleiner Geschäftsmann im Auftrag großer Banken von der Finanzmarktaufsicht drangsaliert wird, ist völlig klar, wem hier Solidarität geschuldet ist.

Wie mehrheitsfähig diese Meinung ist, zeigt sich vor allem daran, dass sich nicht nur die Boulevardmedien und die versammelte Linke auf die Seite Staudingers geschlagen haben, sondern auch Christoph Leitl, Wirtschaftskammer-Präsident und verlässlicher Seismograf für den populären Mainstream. Leitl vermittelt seit Wochen zwischen Heinrich Staudinger und der FMA.


Heilende Marktkräfte.
Das führt zur paradoxen Situation, dass plötzlich jene, die gerne über zu strenge Regulierungen klagen (Banken), nun selbst nach ebensolchen rufen. Und dass jene, die für eine kompromisslose Regulierung der Banken durch den Staat eintreten, überhaupt kein Problem damit zu haben scheinen, dass derselbe Staat nun Schuhfabrikanten und anderen Unternehmern den Zugang zum Kreditgeschäft öffnet. Ohne Aufsicht, ohne Rechenschaftspflicht, ohne Sicherheiten – völlig unreguliert.

Die Wahl fällt nicht sehr schwer: Wirtschaftskammer-Präsident Leitl und die ihm assistierenden Deregulierer haben mit ihrem marktwirtschaftlich orientierten Ansatz völlig recht: Jedem Bürger dieses Landes sollte es unbenommen bleiben, sein auf Papier gedrucktes Eigentum zu verheizen, im nächstgelegenen See zu ertränken, auf grünen Casino-Tischen zu vernichten – oder eben dem Geschäftsmann seines Vertrauens auszuhändigen.

Das alles unter der Bedingung, dass die Allgemeinheit nicht belästigt wird, sollte sich Herr Staudinger mit den geliehenen Millionen aus dem Staub machen oder sein Betrieb pleitegehen. In diesem Fall wäre es eben sehr nett, würde dann nicht wieder nach Staatshilfen gerufen, um die bedrohten Arbeitsplätze in der strukturschwachen Region zu retten.


Vorbild für den Bankensektor. Dieses Prinzip der Eigenverantwortung ließe sich auf den ganzen Finanzsektor ausdehnen. Wer windigen „Investoren“, die mit zweistelligen Renditen werben, sein Geld leiht, soll auch die Folgen seines möglicherweise schlechten Urteilsvermögens tragen. Nicht die Allgemeinheit. Und wenn gut bezahlte Manager große Banken in den Ruin führen, sollten dafür die Eigentümer (Aktionäre) der betroffenen Institute mit dem Untergang ihres offensichtlich schlecht verwalteten Vermögens sanktioniert werden. Nicht die Allgemeinheit.

Schwer zu erklären ist auch, dass die Gemeinschaft der Steuerzahler für Spareinlagen zu garantieren hat. Diese generelle Haftung ist eine eklatante Wettbewerbsverzerrung und ein Blankoscheck für hasardierende Geldhäuser und Anleger. Wer sein Erspartes gesichert sehen will, wird es im Abtausch gegen niedrige Zinsen bei einer seriösen Bank deponieren. Wer höhere Renditen sehen will, wird es einem offensiveren Haus anvertrauen. Das Risiko bleibt derzeit aber bei der Öffentlichkeit – ein höchst eigenartiger Ansatz.

Das Befruchtende an der „Affäre Staudinger“ ist, dass der vom Volk verehrte Fabrikant nicht nur kostengünstig für sein Produkt geworben hat, sondern auch dafür, erwachsenen Menschen mehr Eigenverantwortung zuzugestehen. Das ist sehr erfreulich und längst überfällig. Auch wenn das vermutlich nicht der Zweck der Übung gewesen sein dürfte.

franz.schellhorn@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.11.2012)

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52 Kommentare
 
12

Wo war die FMA als die Banken zockten ???


Diese Anlassgesetzgebung ist zum Ko...!

Milliarden verschwinden auf STEUERZAHLERS Kosten u. Frau Schmidt wird MINISTERIN !!

(von wesens Gnaden ???)

Wer bringt diese bösartigen Funktionäre zur Strecke ???


0 0

Re: Wo war die FMA als die Banken zockten ???

Welche Anlassgesetzgebung? Für Bankgeschäfte braucht man schon länger eine Konzession...

Sorry to say.

look & feel

Es braucht nur einen ökokorrekten Biobobo-Kontext - schon wird aus der sozialen, sozial gerechten Solidaritäts-Behörde, die uns arme Hascherl mit gebenedeiter Regulierung vor dem bösen schwarzen Markt-Mann beschützt, selbst in radikaletatistischen Zirkeln die "Obrigkeit" und "der Feind".

Srsly, I lol'd hard.

das Traurige...

ist, dass gerade diejenigen, die jetzt "Rettet Staudi" schreien, bei einem Missglückten Projekt geschrien hätten: "der Staat muss dafür gerade stehen"... ich seh den Faymann schon im Interview: "Mir ist unerklärlich, wie die FMA das übersehen konnte, wir werden diesen Verbrecher zur Verantwortung ziehen! Wie man sieht, müssen wir noch mehr regulieren, damit die "Heuschrecken" vom Markt verschwinden..."

Mir graust davor!

Hoppauf Staudinger

Mir hat meine Hausbank (damals ca. 30 Jahre meine Bank) den Überzihrahmen gekürzt "weil ich über kein regelmäßiges Einkommen verfüge".
Dass ich kein Beamter bin sondern selbstständig bin war bei der Bank bekannt hat aber nix geholfen.
Ach so - danach war sie nicht mehr "meine Bank".

2 0

Re: Hoppauf Staudinger

Das wird's bei mir auch schön langsam werden.

Weil kein 'regelmäßiges' Einkommen dort eintrudelt ist die Kreditlinie auf 8 Tsd limitiert.
Meine Hinweise dass sie sich den Umsatz anschauen sollen werden geflissentlich überhört.

ad einlagensicherung

"gerettet"werden letztlich jen seriösen,systemrelevanten grossbanken,welche die mickrigsten zinsen zahlen...
Die einlagensicherung-ohne zinsen(!)und gedeckelt-ist nötig;
ebenso wären geschäfte a'la heini betragsmässig(je kunde/firma)so zu beschränken,dass niemandem grösserer schaden droht(quasi zwang zur streuung,auf die kleinanleger oft vergessen!)

4 0

FMA

Lass doch endlich die arme FMA in Ruhe, die sind nicht unfähig, die tun wirklich, was sie können.

Re: FMA

Die sind wahrscheinlich nicht unfähig nur sind die halt am Gängelband der Nationalbank. Und die wird u.a. von den einzelnen Geschäftsbanken und der Politik gegängelt.

Und die Politik wird wiederum von sehr einzelnen Interessensgruppen gegängelt.


---öffnet

betrügern tür und tor? Haben wir doch schon. die betrüger sind die banken.

Re: ---öffnet

das awd hat keine banklizenz!

teil 22

4.) so wie es GEA macht, scheint es schon fragwürdig zu sein: im Presse-Interview äußert er, dass er „keine 20-seitigen Verträge“ unterschreiben will und macht das Kreditgeschäft auf ein paar „Kaszetteln“, kein Gläubiger hat genauen Einblick wofür das Geld genau ausgegeben wird und wie das Unternehmen wirklich performt.

5.) Der Sinn des Anlegerschutzes ist eben, die Gläubiger vor Verlusten (absichtliche oder unabsichtliche) zu schützen. Wieviel Schulden hat GEA inzwischen in Summe? Welche Sicherheiten haben die Gläubiger – hat da jeder ein Pfandrecht auf die Fabrikhalle und die Maschinen, sollte es zu einem Konkurs und zu Zwangsversteigerungen kommen? Laut Presse sind mittlerweile 3. Mio. € an Schulden so vorhanden.
Bin mir sicher, dass die ersten die nach der FMA schreien, diese Privatgläubiger sein werden, sollte etwas schief gehen.

GEA und FMA, T3

6.) Aber weicht das Gesetz doch auf – dann möchte ich nicht wissen, wie leicht Betrüger Geld einsammeln gehen. Das ganze Pyramidenspielsystem (Bernie Madoff hat es „toll“ vorgemacht) funktioniert doch so. Nimm immer neue Schulden auf, mit denen werden Kreditzinsen bedient – das Geld wird ausgegeben und irgendwann kracht alles zusammen und die Gläubiger haben nichts.
Also Gesetzgeber, weicht das Gesetz auf – wenn es dann zu Schädigungen von Gläubigern kommt, sollten die aber nur privatrechtlich Schadenersatz einklagen können (ohne Staatshilfe) und selbstverständlich keine Sozialleistungen / Beihilfen vom Staat erhalten, wenn Vermögenswerte plötzlich weg sind.

Dann haben wir freies Wirtschaften mit freien Krediten und das volle Risiko (bis hin zum Todesrisiko durch Verhungern) für Gläubiger, so wie es doch alle Wünschen – oder nicht?

GEA und FMA, Teil 1

1.) Gesetze gelten für alle gleichermaßen - auch für Herrn Staudinger. was er macht ist offenbar illegal - unabhängig ob sein Lösungsweg gut ist

2.) Anlegerschutz ist wichtig, deswegen gibt es diese Gesetze, dass eben nicht jeder privat Kredite in unermesslichen Höhen aufnehmen kann. Die Kommentare zur FMA beweisen, wie wichtig der Konsumentenschutz ist - denn wenn Aktien an wert verlieren ist plötzlich die FMA Schuld, weil die armen "Kleinanleger" Hascherln ja nicht wissen, dass eine Aktie eine Unternehmensbeteiligung ist und der "Preis" an der Börse zu großen anteilen spekulativ gehandelt wird --- und ja der Preis an der Börse bzw. der Wert des Unternehmens kann fallen!

3.) Natürlich gibt es für GEA legale Möglichkeiten an Fremdkapital zu kommen – Anleihen ausgeben oder die Gründung einer GmbH – die Gläubiger sind am Unternehmen beteiligt und haben entsprechenden Einblick und Mitspracherechte – eine Aktiengesellschaft (ab 70000 € möglich) gründen, die Aktionäre haben mitspracherecht. Genauso möglich ist eine Genossenschaft – alle Mitglieder haben das gleiche Stimmrecht. Herr Staudinger könnte auch eine Bank gründen! Das alles ohne „Zinsen“ für Herrn Staudinger.

5 2

mein gott

der herr staudinger genießt eben mehr vertrauen als die banken! zu recht. er investiert das geld wenigstens in der region, in den dort lebenden menschen und schafft arbeitsplätze.
das kann man nicht von allen banken behaupten.

3 2

der unterschied...

der herr staudinger tut etwas für die region und schafft vertrauen und arbeitsplätze( ob zurecht wird sich weisen )-
die banken hingegen haben ihr vertrauen verspielt. jede woche darf jeder österreicher die hypo mit ein paar euro mehr fördern. vielleicht sollte dort die eigenverantwortung beginnen, wenn die verzinsung einen gewissen grenzwert überschreitet. je höher die verzinsung des kapitals, dest höher das risiko, desto mehr eigenverantwortung, dest weniger staatshaftung. wenn ich gold oder immobilien kaufe, übernimmt auch keiner das risiko einer blase.

oje oje

ein Volkstribun ist jemand, der vom Volk gewählt wurde. das ist dieser Heini nicht. der Autor des Artikel verkürzt in bester Haider Manier willkürlich und ziemlich ohne Zusammenhang. der Artikel ist befindlich und letzenendes larmoyant, vor allem aber schlichten Geistes.

1 8

Der Unterschied zwischen Bank und Schuhproduzent

Die Bank kann Geld schöpfen, und Geld beliebig weiter verleihen (und intransparent für die Sparer).

Der Schuhproduzent kann kein Geld schöpfen, und verwendet das Geld für etwas das die Kunden so wollen (vorausgesetzt er macht das transparent).

Ich sehe nicht, wieso für Banken und Schuhproduzenten dieselben Regulierungen gelten sollten. Mit Regulierung vs. Marktwirtschaft hat das alles übrigens nichts zu tun.

5 9

Re: Der Unterschied zwischen Bank und Schuhproduzent

ein Schellhorn-Gewäsch....

und der Schuhmacher betreibt kein Kreditgeschäft, das die FMA zu interessieren hat, solange er Geld nicht weiterverleiht und nur eine (seine) Firma damit finanziert.

beim diesem satz dachte ich sie meine die banken

"Andernfalls entstünde ein unregulierter Kreditmarkt, der es Gaunern ermöglichte, gutgläubige Kunden ohne Aufhebens um ihr Geld zu bringen" bei versicherungen könnte er natürlich auch gut passen!

Danke Herr Schellhorn,...

dass Sie mit Ihrem Artikel etwas mehr Objektivität in die Berichterstattung gebracht haben. Ich dachte schon "Die Presse" schlägt sich jetzt auf die Seite der Wirtschaftsanarchisten und als nächstes berichten Sie euphorisch über KMU Chefs die sich überArbeitszeitgesetze, Arbeitnehmerschutz, Betriebsgenehmigungen, etc. hinwegsetzen und der Obergscheitl Leitl dafür Partei ergreift. Viel Glück all jenen Geldgebern die dem Heini Geld leihen und, nachdem die Sache wieder in der Berichterstattungsversenkung gelandet ist, weniger Schuhe gekauft werden und die Firma Zahlungsschwierigkeiten bekommt.

Gute Analyse


und Lösung!

In der Schweiz gibt es diese Eigenverantwortung!
Da ließt auch jeder den Vertrag, den er unterschreibt!


5 2

Auf den Punkt gebracht!

Der Heini lebt seine Philisophie, das macht ihn sympatisch und seine auf die "Waldviertler Schuhe" übertrage Sparsamkeit, wird dem Unternehmen auch das Überleben schenken (soferne zumindest einige Österreicher weiterhin "Waldviertler Schuhe" kaufen = ein hervorragendes Produkt).

Aber im Hintergrund wetzen bereits die Gauner ihre Messer um jede Art der Liberalisierung zu nutzen und Menschen anzuzocken.

Und damit ist nur noch die Frage zu beantworten: Eigenverantwortung mit allen Konsequenzen oder gesetzliche Regulierung?

0 0

Re: Auf den Punkt gebracht!

Dem seine halb in Ungarn gefertigten klobigen Bock kaufe ich sicher nicht. Und jetzt erst recht nicht.

Re: Re: Auf den Punkt gebracht!

Gehen Sie nicht ein bisserl am Thema vorbei?

0 5

sein umsatz hat sich in den letzten monaten VERDREIFACHT und sogar WIR haben uns aus solidarität einige Waldviertler zugelegt. die schuhe sind nicht schlecht!


 
12

Hobbyökonom

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