SuperMarkt: Wie wir lernten, die Bombe zu lieben

Müssen Betriebe hierzulande schlecht wirtschaften, um von der Bevölkerung geliebt zu werden? Der Fall Niemetz liefert eine klare Antwort. Die Verkaufsstellen sind seit Tagen an langen Warteschlangen zu erkennen.

SuperMarkt lernten Bombe lieben
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SuperMarkt lernten Bombe lieben
(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die erlösende Nachricht kam vergangenen Donnerstag um 12 Uhr 37: „Der Handel wird ab sofort wieder mit Schwedenbomben aus dem Hause Niemetz versorgt.“ Uff! Ein ganzes Land atmet erst einmal kräftig durch, auch wenn das Unternehmen noch nicht über den Berg ist. Aber zumindest die Produktion läuft wieder auf vollen Touren. Das wiederum ist nahezu ausschließlich einer Gruppe engagierter Bürger zu verdanken, die via Facebook seit Tagen zum Sturm der Geschäfte aufruft, um den Absatz des Wiener Traditionsbetriebes anzukurbeln und auf diese Weise eine wohlige Erinnerung aus ihrer längst verlorenen Kindheit in Sicherheit zu bringen.

Die Kampagne zeigt Wirkung, die Verkaufsstellen von Niemetz sind seit Tagen an den langen Warteschlangen einer plötzlich begeisterten Kundschaft zu erkennen. Offensichtlich müssen Unternehmer hierzulande erst mit dem Rücken zur Wand stehen, um die Brieftaschen der Österreicher zu öffnen. Das war schon bei zahlreichen Wiener Kaffeehäusern so, die für immer zusperren mussten, weil eben gerade jene Kunden so selten vorbeischauten, deren Leben ohne die Melange in vertrauter Umgebung plötzlich kaum noch vorstellbar war.


Ein österreichisches Phänomen. Dasselbe spielte sich beim Kino-, Metzger- und Bäckersterben ab. Ginge es nicht um viele Arbeitsplätze und Schicksale, man müsste laut auflachen: Ein Land beklagt mit großer Leidenschaft die untergehende Individualität des Angebots, nachdem es sein Geld jahrelang zu den Anbietern gleichgeschalteter Massenware getragen hat. Wegen des Preises, aber wohl auch wegen des besseren Gesamteindrucks. Bräuchten die Verbraucher nämlich eine auf vollen Touren laufende Schwedenbomben-Fabrik, wäre deren Umsatz im Vorjahr nicht um etwas mehr als ein Fünftel gesunken.

Überkapazitäten in dieser Größenordnung sind nicht lange zu verkraften, schon gar nicht in einem Hochkostenland wie Österreich. Einem Unternehmensstandort, der seit Jahren an Attraktivität verliert, wie jeder internationale Vergleich offenbart. Während heimische Arbeitnehmerorganisationen gerne das Bild der steuerlich privilegierten Unternehmen bemühen, zeigen sich Weltbank, World Economic Forum oder der Wirtschaftsprüfer PriceWaterhouseCoopers (PWC) ob der hohen Belastung der Betriebe besorgt. Wie der PWC-Studie „Paying Taxes 2013“ zu entnehmen ist, werden Firmengewinne vom heimischen Staat im Schnitt mit 53,1 Prozent belastet – das ist Platz 77 von 185 untersuchten Ländern, knapp hinter Aserbaidschan.

Diese Art der Darstellung zeigt nicht nur unverschleiert die Belastung der Gewinne mit Steuern und von den Unternehmen zu tragenden Sozialabgaben. Sondern auch, dass die Republik Österreich tiefer in den Taschen der Betriebe wühlt als die für ihre hohen Steuern berühmten Nordländer. In Dänemark sind von den Gewinnen 27,7 Prozent an Steuern und Abgaben abzuführen, in Finnland 40,4 Prozent, nur Schweden kann mit Österreich mithalten (53,1 Prozent).

Belastungen, die erst verdient werden wollen. Das gilt vor allem für die Lohnnebenkosten, die unabhängig von der Ertragslage anfallen. Dass heimische Anbieter nicht schon längst in hohem Bogen aus den umkämpften Weltmärkten geflogen sind, verdanken sie in erster Linie ihren produktiven Mitarbeitern. Unerfreulicherweise steigen aber auch die Lohnstückkosten seit 2002 deutlich schneller als im EU-Schnitt, womit die Visitenkarte der österreichischen Wettbewerbsfähigkeit zusehends an Glanz verliert. Hinzu kommt, dass zwar die Bruttolöhne in Österreich kontinuierlich wachsen, den Arbeitnehmern netto aber nicht wirklich mehr bleibt. Von einem Euro, den ein Unternehmer für seinen Mitarbeiter zu verdienen hat, landen laut OECD im Schnitt 51,6 Cent auf dem Konto eines heimischen Arbeitnehmers. Das ist um ein Fünftel weniger als im internationalen Durchschnitt.

Arbeitgeber und Beschäftigte stehen also vor folgender Situation: Die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Waren und Dienstleistungen sinkt, die Arbeitskosten steigen, während die Kaufkraft der Beschäftigten nur schwach wächst. Und das deshalb, weil der Staat über Steuer und Sozialversicherung immer größere Anteile des Produktivitätswachstums für sich beansprucht.


Gnadenloser Staat. Nun wäre es reichlich übertrieben, den Niedergang von Niemetz allein mit den verschlechterten Bedingungen zu erklären, die Produktionsbetriebe hierzulande vorfinden. Zuckerbomben machen sich in der heutigen Zeit eben nicht mehr besonders gut. Was freilich nichts daran ändert, dass die hohen Steuern und Abgaben all jenen zu schaffen machen, deren unternehmerische Initiative tagtäglich von einem gnadenlos durchgreifenden Beamtenstaat auf die Probe gestellt wird. Von einem Staat, dessen Verwaltung sich längst nicht mehr als Dienstleister begreift, sondern als hoheitliches Vollstreckungsorgan, das in erster Linie darauf ausgerichtet ist, seine überfrachteten Strukturen zu retten.

Nicht zuletzt deshalb wäre es erfreulich, den Schwung aus der Niemetz-Debatte mitzunehmen und auch jenen Unternehmen mehr Empathie zukommen zu lassen, die noch florieren. Den vielen innovativen Klein- und Mittelbetrieben das Leben zu erleichtern und ihnen mehr von ihrem wirtschaftlichen Erfolg zu überlassen wäre auch die deutlich bessere Strategie, als der Schwedenbombe nachzuweinen.

Der Kummer über die konstant schlechter werdenden Bedingungen am Standort Österreich lässt sich ja auch mit Mannerschnitten versüßen.

franz.schellhorn@diepresse.com


Franz Schellhorn
war bis 31. Jänner stellvertretender Chefredakteur dieser Zeitung und leitete von 2004 bis 2013 deren Wirtschaftsressort. Derzeit baut er die unabhängige Denkfabrik Agenda Austria auf. Bis zu deren Start wird an dieser Stelle seine Kolumne erscheinen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2013)

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