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Der Kammer-Staat im Verfassungsrang

12.10.2007 | 18:52 |  FRANZ SCHELLHORN (Die Presse)

Verfassungsreform. Die drei wichtigsten Kammern des Landes werden laut einem Gesetzesentwurf von Rot-Schwarz in den Verfassungsrang gehoben. Womit auch die Pflichtmitgliedschaft einzementiert wird.

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Besonders heikle Anliegen haben eines gemeinsam: Sie werden in höchster Diskretion vorbereitet. So auch in diesem Fall. Das überrascht nicht sonderlich, es geht ja auch um eine ganze Menge: Das österreichische Kammern-System soll nämlich in der Bundesverfassung festgeschrieben werden. Bei einem derart wichtigen Vorhaben könnte eine breite Diskussion freilich stören. Zumal ja nicht allen Kammern das Verfassungs-Privileg zuteil wird, sondern „nur“ den folgenden: Der Arbeiterkammer, der Wirtschaftskammer und den Landwirtschaftskammern.

Nicht „betroffen“ sind Rechtsanwälte, Ärzte, Notare etc. Es geht um die „Sicherung der Vertretung der Interessen der gewerblichen Wirtschaft, der Arbeitnehmer und der Land- und Forstwirtschaft“, wie im Entwurf der rot-schwarzen Expertengruppe zum Bundesverfassungsgesetz zu lesen ist.

Was das heißt? Vor allem einmal, dass die drei genannten Kammern nur mehr über eine Zweidrittelmehrheit im Parlament in Frage zu stellen wären (bisher über einfache Mehrheit). Deren Existenz wäre damit de facto pragmatisiert – und damit auch das System der Zwangsmitgliedschaft. Konkret wird den drei erwähnten Kammern nämlich die Erlaubnis zur Selbstverwaltung erteilt. Allein aus diesem Titel würde sich Juristen zufolge auch ein Auftrag zur Pflichtmitgliedschaft ableiten lassen.

Während sich die Arbeiterkammer über eine Absicherung der Pflichtmitgliedschaft auf Verfassungsebene bereits erfreut zeigt, sei das laut Wirtschaftskammer nicht das zentrale Thema: „Wenn unsere Mitglieder die obligatorische Mitgliedschaft nicht haben wollen, hilft uns auch keine Verfassung“, meint Anna Maria Hochhauser, Generalsekretärin der Wirtschaftskammer. „Es geht vielmehr um die Absicherung, dass wir weisungsfrei vom Staat die Interessen unserer Mitglieder vertreten können“, so Hochhauser weiter.

Freilich hat sich die rot-schwarze Expertengruppe auch zur Finanzierung etwas überlegt: „Die Erfüllung der Aufgaben der Selbstverwaltungskörper ist durch Beiträge ihrer Mitglieder oder durch sonstige Mittel sicherzustellen“, wie es wörtlich heißt. Weshalb auch Hochhauser einräumt, dass mit der Absicherung der Kammern in der Verfassung wohl auch die obligatorische Mitgliedschaft „mitgehen werde“.


Eine Frage der Vertragsfreiheit

Kritiker haben hinter dem in aller Stille vorbereiteten Verfassungsentwurf ein taktisches Kalkül ausgemacht: Einer wieder aufflammenden Debatte um die Pflichtmitgliedschaft soll präventiv die Grundlage entzogen werden. Erst im Vorjahr wurde in Slowenien die Pflichtmitgliedschaft mit einfachem Gesetz gekippt. Soweit soll es hierzulande offenbar nicht kommen.

„Wenn die große Koalition nur dazu da ist, Interessensgruppen abzusichern, dann gute Nacht“, meint etwa Böhler-Uddeholm-Chef Claus Raidl, der seit Jahren gegen die Pflichtmitgliedschaft Sturm läuft. Womit er nicht ganz allein ist. Seit Monaten rumort es in der Industrie. Die großen Unternehmen des Landes stoßen sich wieder auffallend heftig an der Höhe der Pflichtbeiträge und dem eher überschaubaren Reformwillen ihrer Organisation. Das Kernproblem sieht Raidl darin, dass die Kammerfunktionäre nicht den Druck des freien Marktes spüren – im Gegensatz zu den zwangsverpflichteten Mitgliedern. Während also die Wirtschaftskammer dem freien Wettbewerb das Wort redet, wird dieser im Falle der Interessenvertretungen per Verfassung eliminiert.

Jedenfalls wird Arbeitnehmern, Unternehmern und Bauern die Möglichkeit, sich ihre Interessenvertreter frei auszusuchen, laut aktuellem Entwurf per Verfassung entzogen. Ein Umstand, der weder in der SPÖ noch in der ÖVP für größere Diskussionen sorgt. In der Ruhe liegt eben die Kraft, wie schon ein altes Sprichwort besagt.

franz.schellhorn@diepresse.com
AUF EINEN BLICK

Verfassung. Laut Entwurf der rot-schwarzen Expertengruppe zum Bundesverfassungsgesetz werden die Arbeiter-, Wirtschafts-, und Landwirtschafskammer in den Verfassungsrang gehoben. Damit soll die Unabhängigkeit der Kammern vom Staat per Verfassung abgesichert werden.

Unmut. Herbe Kritik hagelt es von Böhler-Uddeholm-Chef Claus Raidl: Die große Koalition sei nicht dazu da, die Interessensgruppen per Verfassung abzusichern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2007)

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11 Kommentare
Gast: Südafrikaner
15.10.2007 10:35
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Ist es denn möglich?

Kann bitte einmal in Österreich freier Wettbewerb Einzug halten?
Die Kammern als freie Vereine führen und schon steigt deren Leistungsbereitschaft und die Betroffenen können sich aussuchen, ob sie zahlen wollen oder nicht.

Schmeggs
14.10.2007 11:38
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Nicht mehr bestreitbar

Jetzt kann aber wirklich niemand mehr erstlich bestreiten, dass aus der Alpenrepublik endgültig eine Bananenrepublik werden wird. Das ist ja Kommunismus pur.

Wahrscheinlich werden die Landwirte bald auch Bananenplantagen mit genmanipulierten Bananen bewirtschaften.

Damit kann auch keiner mehr sagen: Österreich fehlt zur Bananenrepublik nur noch die Bananen.

Antworten Gast: Graf Gudenus
14.10.2007 17:37
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Agrargesindel wird immer geringer,

der Landwirtschaftsindustrielle entwickelt sich.

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Ständestaat in Sichtweite!

Still und heimlich mache sie die wirklichen bösen Sachen… das ist eine Katastophe für die Österreicher!
Klar haben die Roten nichts dagegen: Das spielt ihnen doch in die Hände bei ihrer jahrelangen sozialen Entmündigung der Staatsbürger!
Wir dürfen uns das nicht gefallen lassen! Hat uns jemand gefragt, ob wir das wollen? Nein!

Antworten Solon
13.10.2007 13:59
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Rettung für den Ständestaat

Das ist doch nur die Notbremse um den Ständestaat zu retten.Denn eigentlich gehört das Land den Landhabenden (Bauern) und Rechthabenden (Beamten)- die unheilige Dreifaltigkeit : Molterer -J.Pröll-Neugebauer hat
den Staat doch längst zum Versorgungsverein für B.u.B. umfunktioniert- jetzt sollen halt AK und BWK daran erinnert werden,daß sie eh noch da sind.

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Ständestaat in Sichtweite!

Still und heimlich mache sie die wirklichen bösen Sachen… das ist eine Katastophe für die Österreicher!
Klar haben die Roten nichts dagegen: Das spielt ihnen doch in die Hände bei ihrer jahrelangen sozialen Entmündigung der Staatsbürger!
Wir dürfen uns das nicht gefallen lassen! Hat uns jemand gefragt, ob wir das wollen? Nein!

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Ständestaat in Sichtweite!


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Die Wichtigkeit dieses Themas

übersteigt die aller anderen, die derezit breit getreten werden, bei weitem. Danke, dass sich unter tausend lausigen Journalisten endlich einer damit befasst, statt ständig über das Arigona-Thema (welches auch dem Fleischhacker offenbar ein riesiges Anliegen ist) zu schwadronieren.

Gast: ökono-mist
13.10.2007 03:38
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Kammerstaat im Verfassungsrang + Ausschaltung des Parlaments durch den mörderischen Klubzwang einer 70%-Verfassungsdampfwalze = ständestaatliche Diktatur!!!

Eine unerläßliche Präzisierung!

Antworten Gast: ökono-mist
13.10.2007 12:54
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Re: Kammerstaat im Verfassungsrang + Ausschaltung des Parlaments durch den mörderischen Klubzwang einer 70%-Verfassungsdampfwalze = ständestaatliche Diktatur!!!

Tippfehlerberichtigung zu Kommentar (unten): "(...)in deN Verfassungsrang erhebt."

Weiters gehört natürlich noch die eiserne Koalitionsdisziplin erwähnt, die die parlamentarische Demokratie endgültig zur Farce macht! Nun sogar jeweils für fünf Jahre, und nicht nur für vier!!

Bei solchen VORDEMOKRATISCHEN Zuständen wäre wohl eine einzige Verfassungsänderung vordringlichst: Abstimmungen im Parlament hätten grundsätzlich GEHEIM zu erfolgen, um wenigstens einen Rest an parlamentarischem Korrektiv aufrechtzuerhalten! Sonst wird sich der Deckel von Dollfuß' Sarg nämlch bald zu heben beginnen.

Vollständigkeit ist eben nicht garantiert, wenn man in der ersten Wut drauflosschreibt.


Gast: ökono-mist
13.10.2007 03:23
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Kammerstaat = ständestaatliche Diktatur!! Achtung: rotschwarze " 'Ndrangheta" in Gründung!


! WER VORSÄTZLICH VERFASSUNGSWIDRIGE, ANTIDEMOKRATISCHE SACHVERHALTE IN DER VERFASSUNGSRANG ERHEBT, IST FÜR MICH NICHTS ANDERES ALS EIN VERBRECHERISCHER WIEDERBETÄTIGER !

Die derzeit am Ruder befindliche Politische Klasse hält das Volk anscheinend bereits für so ohnmächtig und die demokratischen Institutionen für so geschwächt, daß ihr die Zeit reif erscheint, der Demokratie lautlos die Todesspritze anzusetzen! Nehmt ihnen diesen Staat auf demokratischem Wege aus der Hand, diesen alten Retro-Haberern, bevor sie in trauter Eintracht das Land wieder mit dem Leichentuch des ständestaatlichen Gesinnungsterrors überziehen können!