Wer hierzulande Woche für Woche seinen Lottoschein ausfüllt, hat es gut. Die Aussicht auf einen „Sechser“ sind zwar alles andere als berauschend. Wer aber tatsächlich den Jackpot knacken sollte, darf sich dreifach freuen: Erstens über ein arbeitsfreies Reichwerden. Zweitens über ein steuerfreies, arbeitsfreies Reichwerden. Und drittens über ein arbeitsfreies, steuerfreies und allgemein bejubeltes Reichwerden.
Ein Phänomen an den Lotto-Gewinnen ist nämlich, dass selbst der typisch österreichische Nachbar dem Glücklichen die Millionen von Herzen gönnt. Vermutlich deshalb, weil es ihn selbst ja auch einmal „treffen“ könnte – und das Geld schließlich nicht auf dem freien Markt verdient wurde.
Im Gegensatz dazu steht jemand, der als Selbstständiger unter hohem Risiko einen Millionengewinn einfährt, unter Generalverdacht. Wer dieses Kunststück zu Wege bringt, hat nämlich bestimmt eine kleine „Krumme“ gedreht. „Ehrlich“ verdienen – etwa mit einer blendenden Geschäftsidee – lässt sich so eine Summe ja bekanntermaßen nicht. Und wenn, dann nur unter Ausbeutung einer fleißigen, benachteiligten Arbeiterschaft.
Das Schlachtfeld der Moderne
Diese längst zum Mainstream gewordenen Vorurteile sagen eine ganze Menge über die durch und durch kaputte Beziehung der Österreicher zum Kapitalismus aus. Einem System, das nicht als Chance für den sozialen Aufstieg begriffen wird. Sondern als Schlachtfeld, auf dem „Schwache“ von „Stärkeren“ niedergemetzelt werden.
Wenn dann auch noch Vorzeigemanager einen Teil ihrer Vermögen in hübschen Köfferchen in die Steueroase Liechtenstein verbringen, ist es überhaupt aus. Die aufgehetzte Neidgesellschaft hat ihr Urteil bereits gefällt, als der Staatsanwalt gerade mit der Beweisaufnahme begonnen hat: Jene, die ohnehin Unsummen einsacken, sind sich nicht zu blöd, den Sozialstaat auch noch um Millionen zu prellen.
Derartige Fälle sind unerfreulich – und sie können nur in kapitalistischen Systemen passieren (weil in allen anderen alle gleich viel haben: nämlich nichts). Daraus den Befund abzuleiten, Bezieher hoher Einkommen hätten es mit dem Steuerzahlen generell nicht so, ist vergleichsweise kühn. Ebenso die Behauptung, Besserverdiener seien im Hochsteuerland Österreich gut bedient. So kam eine jüngst publizierte Studie zum überraschenden Ergebnis, dass hierzulande ein Jahreseinkommen von 100.000 Euro netto nur mit 38,5 Prozent an Steuern und Abgaben belastet sei.
Die Tücken der Statistik
Interessant. Zumal der „Brutto-Netto-Rechner“ des Finanzministeriums (www.bmf.gv.at) ganz andere Zahlen auswirft. Jemand, der in Österreich als Angestellter 100.000 Euro netto im Jahr verdient, hat zuvor 71.675,70 Euro an Lohnsteuer und Sozialversicherungsabgaben an den Staat überwiesen. Das ergibt wiederum ein Bruttoeinkommen 171.675,70, das mit 41,75 Prozent belastet wird (siehe Grafik).
Zählt man – korrekterweise – auch noch die 28.160,59 Euro an Arbeitgeberbeiträgen hinzu, kassiert der Sozialstaat 99.836 Euro an Steuern und Abgaben. Womit das 199.836 Euro schwere Bruttoeinkommen mit 50 Prozent an Steuern und Abgaben belastet wird.
Wie ein renommiertes Institut auf eine Steuerquote von 38,5 Prozent kommen kann? Indem Beiträge zur Kranken- und Pensionsversicherung kurzerhand nicht mehr als Abgaben gezählt werden. Weil sie Versicherungscharakter haben. So rechnet man sich eben eine hohe Steuerbelastung niedrig.
Ungeachtet dessen kommen „Reiche“ aus Sicht der Durchschnittsverdiener hierzulande in jedem Fall zu gut weg. Selbst Industrielle rufen nach höheren Steuern für Spitzeneinkommen.
Während Österreich also herzhaft darüber diskutiert, ob ein paar Tausend Einwohner mit mehr als 100.000 Euro netto im Jahr „unterbesteuert“ sind, verdienen 2,55 Millionen Bürger so wenig, dass sie keinen Cent an Lohnsteuer mehr entrichten. So etwas nennt man dann wohl eine Bankrotterklärung für den seit knapp 40 Jahre amtierenden Umverteilungsstaat.
Aber darüber spricht man nicht so gerne. Die ungeteilte Aufmerksamkeit gilt den „unverschämt hohen Gagen“ der 0,1 Prozent der Einkommensbezieher. Der Weg des geringsten Widerstandes führt eben immer noch direkt nach Österreich. In ein putziges Land, das der Reichtum von einigen wenigen deutlich mehr zu beschäftigen scheint als die niedrigen Einkommen von einigen Millionen.
franz.schellhorn@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2008)

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