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Wohlstand: Österreich und sein Problem mit den „Reichen“

22.02.2008 | 18:27 |   (Die Presse)

Hohe Einkommen verzeiht der Österreicher seinen Landsleuten nur sehr schwer. Und das, obwohl jemand, der hierzulande 100.000 Euro netto verdient, zuvor 99.836,28 Euro an den Sozialstaat abgeliefert hat.

Wer hierzulande Woche für Woche seinen Lottoschein ausfüllt, hat es gut. Die Aussicht auf einen „Sechser“ sind zwar alles andere als berauschend. Wer aber tatsächlich den Jackpot knacken sollte, darf sich dreifach freuen: Erstens über ein arbeitsfreies Reichwerden. Zweitens über ein steuerfreies, arbeitsfreies Reichwerden. Und drittens über ein arbeitsfreies, steuerfreies und allgemein bejubeltes Reichwerden.

Ein Phänomen an den Lotto-Gewinnen ist nämlich, dass selbst der typisch österreichische Nachbar dem Glücklichen die Millionen von Herzen gönnt. Vermutlich deshalb, weil es ihn selbst ja auch einmal „treffen“ könnte – und das Geld schließlich nicht auf dem freien Markt verdient wurde.

Im Gegensatz dazu steht jemand, der als Selbstständiger unter hohem Risiko einen Millionengewinn einfährt, unter Generalverdacht. Wer dieses Kunststück zu Wege bringt, hat nämlich bestimmt eine kleine „Krumme“ gedreht. „Ehrlich“ verdienen – etwa mit einer blendenden Geschäftsidee – lässt sich so eine Summe ja bekanntermaßen nicht. Und wenn, dann nur unter Ausbeutung einer fleißigen, benachteiligten Arbeiterschaft.


Das Schlachtfeld der Moderne

Diese längst zum Mainstream gewordenen Vorurteile sagen eine ganze Menge über die durch und durch kaputte Beziehung der Österreicher zum Kapitalismus aus. Einem System, das nicht als Chance für den sozialen Aufstieg begriffen wird. Sondern als Schlachtfeld, auf dem „Schwache“ von „Stärkeren“ niedergemetzelt werden.

Wenn dann auch noch Vorzeigemanager einen Teil ihrer Vermögen in hübschen Köfferchen in die Steueroase Liechtenstein verbringen, ist es überhaupt aus. Die aufgehetzte Neidgesellschaft hat ihr Urteil bereits gefällt, als der Staatsanwalt gerade mit der Beweisaufnahme begonnen hat: Jene, die ohnehin Unsummen einsacken, sind sich nicht zu blöd, den Sozialstaat auch noch um Millionen zu prellen.

Derartige Fälle sind unerfreulich – und sie können nur in kapitalistischen Systemen passieren (weil in allen anderen alle gleich viel haben: nämlich nichts). Daraus den Befund abzuleiten, Bezieher hoher Einkommen hätten es mit dem Steuerzahlen generell nicht so, ist vergleichsweise kühn. Ebenso die Behauptung, Besserverdiener seien im Hochsteuerland Österreich gut bedient. So kam eine jüngst publizierte Studie zum überraschenden Ergebnis, dass hierzulande ein Jahreseinkommen von 100.000 Euro netto nur mit 38,5 Prozent an Steuern und Abgaben belastet sei.


Die Tücken der Statistik

Interessant. Zumal der „Brutto-Netto-Rechner“ des Finanzministeriums (www.bmf.gv.at) ganz andere Zahlen auswirft. Jemand, der in Österreich als Angestellter 100.000 Euro netto im Jahr verdient, hat zuvor 71.675,70 Euro an Lohnsteuer und Sozialversicherungsabgaben an den Staat überwiesen. Das ergibt wiederum ein Bruttoeinkommen 171.675,70, das mit 41,75 Prozent belastet wird (siehe Grafik).

Zählt man – korrekterweise – auch noch die 28.160,59 Euro an Arbeitgeberbeiträgen hinzu, kassiert der Sozialstaat 99.836 Euro an Steuern und Abgaben. Womit das 199.836 Euro schwere Bruttoeinkommen mit 50 Prozent an Steuern und Abgaben belastet wird.

Wie ein renommiertes Institut auf eine Steuerquote von 38,5 Prozent kommen kann? Indem Beiträge zur Kranken- und Pensionsversicherung kurzerhand nicht mehr als Abgaben gezählt werden. Weil sie Versicherungscharakter haben. So rechnet man sich eben eine hohe Steuerbelastung niedrig.

Ungeachtet dessen kommen „Reiche“ aus Sicht der Durchschnittsverdiener hierzulande in jedem Fall zu gut weg. Selbst Industrielle rufen nach höheren Steuern für Spitzeneinkommen.

Während Österreich also herzhaft darüber diskutiert, ob ein paar Tausend Einwohner mit mehr als 100.000 Euro netto im Jahr „unterbesteuert“ sind, verdienen 2,55 Millionen Bürger so wenig, dass sie keinen Cent an Lohnsteuer mehr entrichten. So etwas nennt man dann wohl eine Bankrotterklärung für den seit knapp 40 Jahre amtierenden Umverteilungsstaat.

Aber darüber spricht man nicht so gerne. Die ungeteilte Aufmerksamkeit gilt den „unverschämt hohen Gagen“ der 0,1 Prozent der Einkommensbezieher. Der Weg des geringsten Widerstandes führt eben immer noch direkt nach Österreich. In ein putziges Land, das der Reichtum von einigen wenigen deutlich mehr zu beschäftigen scheint als die niedrigen Einkommen von einigen Millionen.


franz.schellhorn@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2008)


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15 Kommentare
 
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Von Gast: Mr Mindcontrol am 24.02.2008 um 13:17

Warum Steuerprogression gerecht ist

Hallo, dieser Artikel ist einseitige neoliberale Propaganda.
Er tut so als sei es ungerecht, dass Spitzenverdiener prozentual mehr Steuern bezahlen als Geringverdiener. Dass aber diese Spitzenverdiener niemals das 100-fache mit eigener Arbeit leisten können wie Durschnittsverdiener, davon kein Wort.
Hier mal nen Artikel über die Situaltion bei der deutschen Bahn:

http://politblog.net/nachrichten/2007/11/23/1827-fahrpreiserhohung-und-skandalose-gehalter-bei-der-deutschen-bahn-ag/

So, so der Mehdorn bekommt brutto also 270.000 Euro im Monat. Was ist daran ungerecht, so ein Einkommen höher zu versteuern, als ein Einkommen mit 2000 Euro im Monat ?
Da soll mir kein Neoliberaler damit kommen, dass sich Leistung nicht mehr lohnt, denn selbst bei 90 % Einkommens-Steuer würde Herr Mehdorn noch mehr als das 13-fache Netto haben als ein Durchschittsverdiener mit 2000 Euro Brutto hätte. Also, für das 13-fache wäre ich gerne Mananger anstatt normaler Angestellter.


Von tille48 am 24.02.2008 um 09:16

In diese Betrachtungen einfließen lassen

Die Argumente im Beitrag Franz Schellhorn sind einseitig gewählt und unvollständig. Der Staat wird als „Feind“ dargestellt und nicht in Richtung „Regulator“. Es wird ausgeblendet, dass Arbeit eben nur MIT Zusatzkosten wie Krankenversicherung, Pflegeversicherung und Pensionsversicherung zu haben ist. Dem sicherlich hohen Steuersatz stehen aber eine Reihe von Möglichkeiten gegenüber, über die der „normale Steuerpflichtige“ gar nicht erst verfügt. Wer, richtigerweise erwähnt, kaum genug Geld zum Leben verdient, hat auch kein Budget für die diversen Steuerspielchen. Fairerweise solle das auch in diese Betrachtungen einfließen.


Von Gast: Crusader am 24.02.2008 um 09:13

Die Österreicher haben kein Problem

mit den "Reichen" insofern diese ihren Reichtum rechtmäßig, nicht auf Kosten anderer erworben haben und ihre Abgaben bezahlen.
Problem haben die Österreicher mit jenen die ihre Beschäftigten "abnehmen", sich nicht um Arbeitsgesetze kümmern, unter Kollektiv (Bürger die so wenig verdienen.......) zahlen usw. und dann noch mit dem so verdienten Geld die Steuern und Abgaben hinterziehen.
Wobei wir beim beliebten Thema von der Gerechtigkeit der Steuerlast wären, welche in Österreich nicht mehr gegeben ist da der Mittelstand die Last trägt und die "Reichen" sich vor der Verantwortung auch dem Bürger gegenüber drücken.
Wenn eine gewisse Schichte unter dem Wohlwollen der gesamten Politik (weil Abhängig ...) den geselschaftlichen Frieden verspielen will ist sie gerade dabei es zu tun.
Viel Spaß wenn er vorbei ist - dann aber bitte nicht jammern.

Antworten Von hw am 24.02.2008 um 13:02

Re: Die Österreicher haben kein Problem

hoch besteuert wird das "reichwerden", nicht das "reichsein", und zwar von jung bis alt!

weiters ist ein unterschied selbstständig und unselbst.
auch diesen ausgleich trauen sich niemand ausgleichen.

also genau jene leute die fleissig sind und riskieren zahlen auch am meisten.


Von leokoller3 am 24.02.2008 um 01:06

Ich versteh nicht, warum man einem Besserverdienenden in Oesterreich etwas neidig ist.

Schauen Sie sich das an:

Brutto CAD 107.225
Abgaben CAD 30.928 Steuer, Beitraege
Netto CAD 76.297

Abgabenquote 29%

Von hw am 23.02.2008 um 10:25

reiche

übrigens "reiche" haben das geld schon, und müssen ev. gar keine EK zahlen.
gutverdienende müssen keineswegs "reich" sein und trotzdem hohe EK-steuern zahlen.

wenn man also über steuern redet, sollte man von gutverdienenden und von den reichen unterscheiden.
das wird leider sehr vermischt!

bei vermögenssteuern da ist "reich" treffender.

Von hw am 23.02.2008 um 10:18

selbstständig

bei einem selbstständigen komme ich auf etwa 45,4% steuer bei 100.000.- netto.
bei höheren (unternehmener)riskio natürlich.

Antworten Von Pragmatiker am 23.02.2008 um 12:14

Re: selbstständig

Streng nach dem im § 33 EStG enthaltenen Tarif gerechnet kommt man mit der bei EUR 100.000,-- anwendbaren Formel EK x 0,5 -8.415 zu einer Steuerbelastung von EUR 41.585,-- d.s 41,585 %.

Antworten Antworten Von hw am 23.02.2008 um 12:19

Re: Re: selbstständig

bei 100.000 brutto (gewinn), man ging aber von netto aus, oder?

Von Pragmatiker am 22.02.2008 um 21:40

Simpel ist die Welt...

Die Überlegungen im Artikel gehen (an etwas anderes denkt man in Österreich offenbar nicht) von einem unselbständig Beschäftigten aus. Ich verdiene auch mehr als 100k netto, die Steuerbelastung ist aber doch um einige k geringer als von Ihnen berechnet. Versicherungsbeiträge sind ein eigenes (auch zu hinterfragendes) Kapitel, mit den Kfz-Versicherungen, den haushaltsversicherungen und der Feuerversicherung kommt man milchmädchenmäßig sogar auf eine noch höhere "Abgaben"quote. So einfach ist die Welt allerdings nicht, auch wenn dafür nur eine Viertelspalte zur Verfügung steht.

Antworten Von hw am 23.02.2008 um 12:42

Re: Simpel ist die Welt...

genaugenommen muss man ja einmal die USt auch hinzurechnen, obwohl das natürlich von fall zu fall verschieden ist.
aber bis ich meinen "wunsch" finanziert haben, ist eben ESt + USt zu berappen.
bei einem selbsständigen der dafür zusätzlich stunden macht, kommen da eben im extremfall, z.b auto,
etwa 63% zusammen.
man muss also €100.000 mehr verdienen um sich ein auto um netto €37.000 kaufen zu können!!
und da ist man keineswegs reich!

Antworten Von Gast: Eichkatzerl am 23.02.2008 um 09:50

Simpel ist der Pragmatiker

weil sie sich sichtlich nicht auskennen und daher 100.000 EURO maximal alle 4 Jahre verdient haben.

Antworten Antworten Von Pragmatiker am 23.02.2008 um 12:15

Re: Simpel ist der Pragmatiker

Ob ich mich auskenne, beurteilen meine Klienten besser als Sie. Im Übrigen heisst es ja: Mühsam nährt sich das Eichhorn.

Antworten Von Gast: Martin S am 22.02.2008 um 22:17

Re: Simpel ist die Welt...

Da hier ausnahmslos und ausdrücklich die SOZIALVERSICHERUNG genannt wurde, ist ihre Kritik gegenstandslos. Aber vermutlich sind Sie auch so ein Neider...

Antworten Antworten Von Pragmatiker am 23.02.2008 um 12:09

Re: Re: Simpel ist die Welt...

Wieso soll ich ein Neider sein, nur eine Versicherung in die Abgabenquote miteinzubeziehen ist hinterfragbar. Das wollte ich mit meinem Kommentar zum Ausdruck bringen.

 
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