Zu den unangenehmeren Erfahrungen des Lebens zählt vermutlich die Erkenntnis, dass die schönen Tage der ausschweifenden Unmäßigkeit nicht von Dauer sind. Der Völlerei folgt früher oder später die Haferschleimsuppe, dem ausgedehnten Urlaub der Alltag im Büro, dem Rauchgenuss die verstopfte Arterie, der exorbitanten Staatsverschuldung die Steuererhöhung und das Sparpaket. Fröhliche Menschen, die derartigen Läuterungsprozessen Positives abgewinnen wollen, sprechen gerne von der „neuen Bescheidenheit“, die uns gerade in Zeiten der großen Rezession auch gut zu Gesicht stünde.
Allerdings fällt auf, dass die in alle Ecken des menschlichen Lebens zurückkehrende Bescheidenheit um die Gruppe der österreichischen Pensionisten einen weiten Bogen zu machen scheint. Wird in Deutschland über die Kürzung von Renten debattiert, pochen heimische Lobbyisten auf zwei Prozent mehr Pension. Redet Deutschland über „Arbeiten bis 67“, wird Österreich von einer Frühpensionierungswelle noch nie da gewesenen Ausmaßes erfasst. Allein im Juni lagen die Anträge auf vorzeitigen Ruhestand um 40 Prozent über dem Vorjahresniveau.
Nun ist es prinzipiell erfreulich, wenn breite Massen mit weniger Arbeitsjahren das Wohlstandsniveau der Gesellschaft absichern können. Das ist schließlich ein Erkennungszeichen produktiver Volkswirtschaften. Im Falle Österreichs handelt es sich leider um den Hinweis auf fahrlässige Krida mit Anlauf. Das Land pensioniert seit vielen Jahren über seine Verhältnisse – mit schlimmen finanziellen Konsequenzen:
Die Steuerleistung aller heimischen Unternehmen (vom Kleingewerbe über den Freiberufler bis zum Großkonzern) reicht mittlerweile nicht mehr aus, um die wichtigsten Beamtenpensionen zu bezahlen. An die früheren Staatsdiener (Hoheitsverwaltung, Landeslehrer, Eisenbahn und Post) werden heuer 7594 Millionen Euro an Renten überwiesen. Diese Summe übersteigt die erwarteten Ertragssteuern aller Firmen um nahezu 200 Millionen Euro.
Schon vor der aktuellen Krise und Frühpensionierungswelle gingen sieben von zehn Bürgern vor dem gesetzlichen Pensionsantrittsalter in Rente: Frauen im Schnitt mit 57, Männer mit 59 Jahren. sEin Drittel aller österreichischen Pensionisten ist jünger als 65.
Die Frühpensionisten fallen nicht nur einige Jahre zu früh als Beitragszahler aus, sie beziehen angesichts der erfreulicherweise steigenden Lebenserwartung auch deutlich länger Pension. Zu Beginn der 70er-Jahre heuerten die Bürger im Alter von 19 erstmals bei einem Arbeitgeber an, gingen mit 63 in Pension und schlossen mit 77 für immer die Augen. Heute starten die Menschen die Berufslaufbahn mit 23, arbeiten bis 58 und werden 82 Jahre alt.
Vor allem im staatsnahen Bereich wird frühpensioniert, was das Zeug hält. Für die Eisenbahner endet das Berufsleben mit 52,4 Jahren. Aber auch abseits des öffentlichen Bereichs ist Österreich der ungekrönte Europameister der Kurzarbeit. Weniger, weil hierzulande die Berge hoch und die Wälder grün sind – sondern, weil ausgiebig studiert wird und es klarer Wille der Politik ist, dass ältere Menschen möss-6;0glichst jung in Rente gehen.
Das verbessert die Arbeitslosenstatistik, weshalb der Staat mit Hinweistafeln wie der „Hacklerregelung“ freundlich den Weg weist: Frauen, die 40 Jahre ins System eingezahlt haben, dürfen unabhängig von ihrem Alter und ihrer Berufstätigkeit ohne Abschläge in Rente gehen, Männer nach 45 Beitragsjahren. Zur Freude der Arbeitgeber und Gewerkschaften, die auf diese Weise hohe Personalstände „sozial verträglich“ abbauen. Die „Hackler“ handeln freilich rational: Sie erhalten Monatsrenten von 1877 Euro brutto (die reguläre Alterspension liegt bei 1096 Euro brutto).
Was ist zu tun? Statt Arbeitnehmer über hohe Anreize in die Frühpension zu locken, sind die Abschläge für den vorzeitigen Ruhestand zu erhöhen und jene über steigende Renten zu belohnen, die länger arbeiten als vom Gesetzgeber vorgesehen. Wofür es freilich auch Jobs für Ältere braucht, die es derzeit nicht wirklich gibt. Was wiederum am strengen Kündigungsschutz für über 50-Jährige und den im Alter absurd ansteigenden Arbeitskosten liegt (um derartige Probleme zu lösen, leistet sich Österreich übrigens eine Einrichtung namens Sozialpartnerschaft).
Sind ältere Menschen faul? Warum arbeiten britische Rentner in US-Kaufhäusern, obwohl sie weit weniger verdienen als in ihrer „aktiven“ Zeit? Weil sie zu Hause nicht in den Fernseher starren wollen, sich mit niedrigeren Löhnen zufriedengeben und deshalb für Arbeitgeber interessant werden.
Ältere Menschen sind zwar nicht mehr so flexibel wie jüngere, aber keineswegs fauls – ihnen werden nur vom Staat die falschen Anreize geboten. Von dieser Erkenntnis haben freilich jene nicht viel, die schon heute wissen, dass es für sie nach 45 Beitragsjahren bestenfalls für eine warme Haferschleimsuppe reichen wird.
franz.schellhorn@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2009)
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