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SuperMarkt: Angst vor der Hammerinflation

19.09.2009 | 18:47 |  von Franz Schellhorn (Die Presse)

Die stark überschuldeten Staaten müssen nach der Krise von ihren Schuldenbergen runter – ohne Inflation wird die Talfahrt leider nicht gelingen.

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Wer sich dieser Tage mit Menschen unterhält, die finanziell noch einigermaßen „flüssig“ sind, wird augenblicklich von einer beklemmenden Stimmung erfasst. Vermögende kennen derzeit keine größere Sorge, als ihre Knete so schnell wie möglich in sichere Häfen zu lotsen, um sie dort vor dem rücksichtslosesten aller Räuber in Schutz zu bringen: der Inflation. Und das, obwohl die Preise heute so stabil sind wie seit Jahren nicht.

Gefüttert werden die Ängste vor der Entwertung erarbeiteter und geerbter Vermögen von Prognosen renommierter Ökonomen. Einer davon ist Thomas Straubhaar, Chef des seriösen „Hamburgischen Weltwirtschaftsarchivs“. Der deutsche Wirtschaftsforscher prognostiziert den Europäern ab 2011 eine „Hammerinflation“: Das Geld werde um fünf bis zehn Prozent an Wert verlieren. Das nicht etwa zufällig, sondern durchaus gewollt. Die Zentralbanken werden auf diese Art und Weise nämlich den ausgabefreudigen Staaten den Weg zur gemütlichen Entschuldung ebnen.


Lachhafte Paranoia? Angesichts schlecht ausgelasteter Kapazitäten stellt sich freilich die Frage, wer denn auf absehbare Zeit höhere Preise für Waren und Dienstleistungen durchsetzen könnte? Umso mehr, als das brennende Problem der Stunde Deflation heißt, nicht Inflation. Haben wir es also mit einem lächerlichen Verfolgungswahn einiger Vermögender zu tun? Gut möglich. Allerdings wissen wir dank Woody Allen: „Nur weil ich paranoid bin, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht hinter mir her sind.“

Unumstritten ist, dass die über beide Ohren verschuldeten Nationalstaaten nach der Krise von ihren Schuldenbergen runter müssen. Andernfalls werden Geldgeber aufgrund des wachsenden Ausfallsrisikos nervös, was wiederum in höhere Zinsen mündet. Wodurch der finanzielle Spielraum für die überschuldeten Staaten derart eingeengt würde, dass schon die Beschaffung von ein paar Kugelschreibern zur finanziellen Herausforderung wird. Ins Tal führen allerdings nur drei Wege:
•Route 1: höhere Steuern, um die Einnahmen nach oben zu treiben, wobei die Ausgaben nur noch schwach wachsen und so Überschüsse anfallen.
•Route 2: eine kontrollierte Inflation. Die Notenbanken drucken jede Menge Geld, das die Staaten an die Bevölkerung verteilen. Angenommen, jeder bekäme nach der Krise (bei ausgelasteten Kapazitäten) 5000 Euro in die Hand gedrückt – Folgendes würde passieren: Die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen stiege sprunghaft an, während sich das Angebot erst mit Verzögerung anpasste. Folge: Die Preise steigen. Mit höheren Preisen wird auch die Wirtschaftsleistung künstlich nach oben gedrückt – dadurch sinken die Altschulden gemessen am BIP automatisch. Selbst, wenn kein einziger Cent der Schulden zurückgezahlt wird.
•Route 3: eine Kombination aus Variante eins und zwei. Der Weg, den die meisten Staaten wählen werden.

Fest steht, dass es ohne Inflation nicht geht. Laut EU-Kommission werden die Mitgliedsländer bis 2020 im Schnitt mit 125 Prozent ihrer jährlichen Wirtschaftsleistung verschuldet sein (einige mit 200 Prozent). Allein das kleine Österreich wird in den nächsten fünf Jahren 80 Milliarden Euro an Schulden aufnehmen – im besten Fall. Diese Summe entspricht dem Vierfachen der jährlichen Mehrwertsteuereinnahmen oder mehr als 20 riesigen Verwaltungsreformen.

Idioten des Jahrzehnts. Zudem wissen die Finanzminister, dass es politisch weit weniger riskant ist, die Notenpresse anzuwerfen als die Mehrwertsteuern spürbar zu erhöhen oder (Sozial-)Ausgaben zu kürzen. Weshalb die Sanierung der Budgets auf das Konto jener gehen wird, die Geld zur Seite gelegt haben. Diese Menschen sind dann auch die ungekrönten Vollidioten des Jahrzehnts: Nachdem ihnen der Staat beim Aufbau ihres Vermögens die Hälfte weggesteuert hat, droht ihnen nun die von staatlicher Hand geplante Geldentwertung den letzten Rest aufzufressen. Zum Drüberstreuen werden sie in jeder Steuerdebatte genüsslich als rücksichtslose Gesellen denunziert, die im Gasthaus zum Sozialen Frieden regelmäßig die Zeche prellen.

Wer in den vergangenen Jahren gespart statt ausgegeben hat, weiß nur noch einen starken Verbündeten an seiner Seite – die Europäische Zentralbank (EZB). Im Unterschied zur US-Notenbank hat sie nur eine Mission: den Wert des Geldes stabil zu halten.

Allerdings wird an der Zertrümmerung dieses Geschäftsmodells schon eifrig gearbeitet. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy fordert seit Monaten mehr Einfluss auf die Geldpolitik der EZB. Bemerkenswert ist auch die Äußerung von Joaquín Almunia, wonach sich die EZB im Sinne eines raschen Schuldenabbaus der Nationalstaaten besser mit den Regierungen der Euromitgliedsländer „abstimmen“ sollte. Der Mann, der hier offen die Unabhängigkeit der EZB infrage stellt, ist niemand Geringerer als der Wirtschafts- und Währungskommissar der EU.

Nun dürfen wir einmal raten, wie lange die (von den verschuldeten Staaten nominierten) Notenbanker in der EZB dem Druck der Politik noch standhalten werden, doch endlich eine „kontrollierte“ Inflation zuzulassen – so schnell kann aus absurdem Verfolgungswahn berechtigte Angst werden.



franz.schellhorn@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2009)

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10 Kommentare
Gast: para
21.09.2009 21:35
0 0

Diese Pfuscher, nicht einmal eine anständige Inflation bringen¿s zusammen.

Ja wo ist sie denn die Inflation? Wie haben die nur die Hyperhammerinflation von 1922 geschafft?
Die Japaner arbeiten jetzt auch schon 20 Jahre daran mit 0% Zinsen und 200% Staatsverschuldung und bringen auch nichts zusammen.

Ja damals 1922 hat ein Lehrer bei der Auszahlung seinen Lohn beim Schulfenster hinausgeworfen und die darunter stehende Gattin ist los gelaufen um noch schnell irgend etwas zu kaufen. Egal ob man es braucht oder nicht. In den (fast) leeren Schaufenstern wurden die Preisschilder täglich ein paar mal geändert.

Bei so einer Inflationserwartung kriegt man heute einen Lachkrampf.
Da habe ich die umgekehrte Paranoia.
Mein Verfolgungswahn schaut so aus, dass ich das Gefühl habe, alle wollen an mein Geld ran und hunderte Händler rennen hinter mir her um mir ihre Ware anzudrehen.

Nein, die Maßnahmen der Regierungen und Notenbanken sind verzweifelte Versuche die Deflation zu verhindern. Was hilft das Geld drucken, wenn die Pferde nicht saufen wollen.

Eine Inflation schaffen sie nur, wenn sie sich an jeder Sraßenecke hinstellen und das Geld gratis an die Leute verteilen.


Antworten Gast: Pressenliese
22.09.2009 11:41
0 0

Re: Diese Pfuscher, nicht einmal eine anständige Inflation bringen¿s zusammen.

Bei voll bei Ihnen. Mir fällt in letzter Zeit auf, dass die Wirtschaftsredaktion der Presse ganz offensichtlich mehrere Interessen zu wahren versucht.

Gold-Gurus werden interviewt, Hyperinflation wird regelmäßig ins Spiel gebracht, Interview mit "Dirk the dax" bzw. Artikel über ihn (übrigens der selbe Artikel, der auf bild.de erschienen ist - den für Bild schreibt "Dirk the dax" ja regelmäßig) - insofern bleibt nur eine Schlussfolgerung: qualitative und hintergründige Berichterstattung abseits des Boulevards war einmal.

Max Balan
21.09.2009 09:36
1 0

Etwas übersehen ?

Sehr geehrter Herr Redakteur,
aus meiner Sicht lassen sie zwei wesentliche Punkt unerwähnt:
Die Auswirkung einer hohen Inflation auf die Masseneinkommen, insbesondere jene, die im weiteren Sinne vom öffentlichen Sektor abhängig sind. Besonders stark würde sich eine Inflation auf die Bezieher von Transferleistungen, Pensionen und Gehälter aus dem öffentlichen Bereich (von Beamten bis Müllabfuhr, Kindergarten und Krankenhaus) führen. Die Politik müsste daher mit deutlichen Anhebungen dieser Bereiche reagieren, was zur Budgetsanierung aber nicht möglich ist bzw. wenn es getan wird von einer hohen Inflation in eine Hyperinflation führt (siehe z.B. Argentinien in der 80ern).
Der zweite Punkt ist die Flucht des Kapitals in andere Regionen und Währungen. Durch die weltweite Vernetzung der Wirtschaft ist dies relativ leicht möglich und im Gegensatz zu noch vor zwanzig Jahren bieten sich dafür nunmehr zahlreiche Staaten an, insbesondere die aufstrebenden Wirtschaftsnationen Indien, Brasilien oder auch kleinere Länder wie Chile. Die Politik wird es sich daher mehrfach überlegen, sich auf sein solches, faktisch unkontrolierbares Abenteuer einzulassen (hoffentlich).

Saskatoon
20.09.2009 19:32
0 0

geld regiert die welt

und banken, tun alles damit geld fließt. die ÖVP tut alles, damit wenig einkommen erzielt wird...

momentan, leben alle noch vom ersparten - aber wehe, das dicke ende wird noch kommen, denn es ist wahnsinnig viel geld verschwunden und vor allem vertrauen, keine bank traut der anderen ?

wer nichts hat ist im vorteil !
die gekauften beschnigungsfloskeln für die wirtschaft, sind nicht das papier wert.

eurowave
20.09.2009 17:59
1 0

Was verschwiegen wird ist...

der Zeitraum in dem sicht die 5 - 11 % Inflation ereignen werden. Nämlich nicht jährlich SONDERN TÄGLICH, aber auch nur am anfang. Später könnten es schon bis 50% täglich werden. Wer es nicht glaubt, siehe nicht nur die weimarer Republik od. Österreich 1923, sondern siehe auch Argentinien, Russland usw. usf. Vor 5 - 11% jährlich braucht man sich nicht wirklich anstrengen um das Vermögen zu retten, sondern eher vor 5 - 11% (od. mehr) täglich!!!! 5 - 11% jährlich hatten wir ja in den letzten Jahrzenten (auch nach der EUR Einführung).


Gast: ET
20.09.2009 17:13
0 0

Wollen schon, aber auch können?

Es besteht kein Zweifel, dass die Regierungen den beschriebenen Weg gehen wollen. Es sind allerdings doch erhebliche Hindernisse auf diesem Weg.

Die Einnahmen, auch bei sehr starken Steuererhöhungen, werden nur noch gering wachsen können. Österreich ist nahe am Anschlag. Viel geht nicht mehr!

Dass eine Kontrolle über die Ausgaben so weit gewonnen werden kann, dass diese nur langsam wachsen ist eher unwahrscheinlich. Österreich hat eine starke Kostenautomatik mit den Biennalsprüngen aber auch mit der kommenden Masse an Ruhestandsempäfngern! Zusätzlich wird die Zinsenlast steigen.

Die Lücke zwischen Einnahmen und Ausgaben beträgt schon 20 Mrd. Euro pro Jahr. Auch bei hoher Inflation wird diese Lücke bleiben.

Es stellt sich auch die Frage wie eine kontrollierte Inflation herbeigeführt werden kann. Immerhin haben wir enorme Kapazitätsreserven, welche dagegen sprechen. Diese Überkapazitäten müssten aus dem Markt genommen werden. Es wird nie gelingen, dass die Kaufkraft der Menschen kontrolliert gehoben wird, so dass die Inflation unter Kontrolle bleibt. Das hat noch niemand geschafft und wird auch in Zukunft niemand schaffen.

Ich glaube nicht, dass dieser Weg auch wirklich geschafft werden kann. Die Staaten haben keine Kontrolle über das Finanwesen und auch keine Kontrolle über die Ausgaben / Einnahmen.

Es sieht doch eher nach kollektiven Staatsbankrotten aus, vielleicht wieder mit Essmarken.

Gast: Icke aus Berlin
20.09.2009 12:47
1 0

Franz Schellhorn

ist mir schon öfter mit sehr guten Artikeln aufgefallen. Vielen Dank dafür.

Gast: kybernetiko
20.09.2009 12:44
1 0

Linear vs. Vernetzt

Es wird immer das gleiche bleiben:
solange vernetzte,kybernetische Probleme,
mit linearer Analyse
gelöst werden sollen,werden am Ende immer mehr
neue Probleme geschaffen,als gelöst.
Ergo: Erst neue holistische Lösungsansätze bringen auch wirkliche Ergebnisse.
(s.auch Prof. Frederic Vester)

CountDown fur "Catch me if you can" Spielchen


Japan und Amerika dünnte die Mittelschicht aus, ohne dass es viel Aufsehen erregte.

Menschen, die aus der Erfolgsmaschinerie rausfallen, haben nämlich keine Lobby, da sich keiner für "Loser" einsetzt.
(allgemeiner Tenor, man findet Arbeit, wenn man will)

Die Einkommensschere geht immer weiter auseinander, da jene, die Steuern zahlen müssten, zu clever dafür sind.

Und genau in diese Richtung wird es gehen, denn man kann nur von denen nehmen, die etwas haben.

Sinkende Steuereinnahmen und gleichzeitiges Erhöhen der Sozialtransfers würde nur noch schneller das Ende herbeiführen.

Da ohnehin niemand eine Idee hat, wie man dieser Misere entkommt, spielt man auf Zeit.

Fürs erste geht man also das Flüchtlingsproblem an.

Das, der Steuerflüchtlinge.

GB
19.09.2009 23:12
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andererseits ...

sind die Leute die investiert und nicht die Banken gesponsert haben nicht wirklich betroffen.