Wer sich dieser Tage mit Menschen unterhält, die finanziell noch einigermaßen „flüssig“ sind, wird augenblicklich von einer beklemmenden Stimmung erfasst. Vermögende kennen derzeit keine größere Sorge, als ihre Knete so schnell wie möglich in sichere Häfen zu lotsen, um sie dort vor dem rücksichtslosesten aller Räuber in Schutz zu bringen: der Inflation. Und das, obwohl die Preise heute so stabil sind wie seit Jahren nicht.
Gefüttert werden die Ängste vor der Entwertung erarbeiteter und geerbter Vermögen von Prognosen renommierter Ökonomen. Einer davon ist Thomas Straubhaar, Chef des seriösen „Hamburgischen Weltwirtschaftsarchivs“. Der deutsche Wirtschaftsforscher prognostiziert den Europäern ab 2011 eine „Hammerinflation“: Das Geld werde um fünf bis zehn Prozent an Wert verlieren. Das nicht etwa zufällig, sondern durchaus gewollt. Die Zentralbanken werden auf diese Art und Weise nämlich den ausgabefreudigen Staaten den Weg zur gemütlichen Entschuldung ebnen.
Lachhafte Paranoia? Angesichts schlecht ausgelasteter Kapazitäten stellt sich freilich die Frage, wer denn auf absehbare Zeit höhere Preise für Waren und Dienstleistungen durchsetzen könnte? Umso mehr, als das brennende Problem der Stunde Deflation heißt, nicht Inflation. Haben wir es also mit einem lächerlichen Verfolgungswahn einiger Vermögender zu tun? Gut möglich. Allerdings wissen wir dank Woody Allen: „Nur weil ich paranoid bin, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht hinter mir her sind.“
Unumstritten ist, dass die über beide Ohren verschuldeten Nationalstaaten nach der Krise von ihren Schuldenbergen runter müssen. Andernfalls werden Geldgeber aufgrund des wachsenden Ausfallsrisikos nervös, was wiederum in höhere Zinsen mündet. Wodurch der finanzielle Spielraum für die überschuldeten Staaten derart eingeengt würde, dass schon die Beschaffung von ein paar Kugelschreibern zur finanziellen Herausforderung wird. Ins Tal führen allerdings nur drei Wege:
•Route 1: höhere Steuern, um die Einnahmen nach oben zu treiben, wobei die Ausgaben nur noch schwach wachsen und so Überschüsse anfallen.
•Route 2: eine kontrollierte Inflation. Die Notenbanken drucken jede Menge Geld, das die Staaten an die Bevölkerung verteilen. Angenommen, jeder bekäme nach der Krise (bei ausgelasteten Kapazitäten) 5000 Euro in die Hand gedrückt – Folgendes würde passieren: Die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen stiege sprunghaft an, während sich das Angebot erst mit Verzögerung anpasste. Folge: Die Preise steigen. Mit höheren Preisen wird auch die Wirtschaftsleistung künstlich nach oben gedrückt – dadurch sinken die Altschulden gemessen am BIP automatisch. Selbst, wenn kein einziger Cent der Schulden zurückgezahlt wird.
•Route 3: eine Kombination aus Variante eins und zwei. Der Weg, den die meisten Staaten wählen werden.
Fest steht, dass es ohne Inflation nicht geht. Laut EU-Kommission werden die Mitgliedsländer bis 2020 im Schnitt mit 125 Prozent ihrer jährlichen Wirtschaftsleistung verschuldet sein (einige mit 200 Prozent). Allein das kleine Österreich wird in den nächsten fünf Jahren 80 Milliarden Euro an Schulden aufnehmen – im besten Fall. Diese Summe entspricht dem Vierfachen der jährlichen Mehrwertsteuereinnahmen oder mehr als 20 riesigen Verwaltungsreformen.
Idioten des Jahrzehnts. Zudem wissen die Finanzminister, dass es politisch weit weniger riskant ist, die Notenpresse anzuwerfen als die Mehrwertsteuern spürbar zu erhöhen oder (Sozial-)Ausgaben zu kürzen. Weshalb die Sanierung der Budgets auf das Konto jener gehen wird, die Geld zur Seite gelegt haben. Diese Menschen sind dann auch die ungekrönten Vollidioten des Jahrzehnts: Nachdem ihnen der Staat beim Aufbau ihres Vermögens die Hälfte weggesteuert hat, droht ihnen nun die von staatlicher Hand geplante Geldentwertung den letzten Rest aufzufressen. Zum Drüberstreuen werden sie in jeder Steuerdebatte genüsslich als rücksichtslose Gesellen denunziert, die im Gasthaus zum Sozialen Frieden regelmäßig die Zeche prellen.
Wer in den vergangenen Jahren gespart statt ausgegeben hat, weiß nur noch einen starken Verbündeten an seiner Seite – die Europäische Zentralbank (EZB). Im Unterschied zur US-Notenbank hat sie nur eine Mission: den Wert des Geldes stabil zu halten.
Allerdings wird an der Zertrümmerung dieses Geschäftsmodells schon eifrig gearbeitet. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy fordert seit Monaten mehr Einfluss auf die Geldpolitik der EZB. Bemerkenswert ist auch die Äußerung von Joaquín Almunia, wonach sich die EZB im Sinne eines raschen Schuldenabbaus der Nationalstaaten besser mit den Regierungen der Euromitgliedsländer „abstimmen“ sollte. Der Mann, der hier offen die Unabhängigkeit der EZB infrage stellt, ist niemand Geringerer als der Wirtschafts- und Währungskommissar der EU.
Nun dürfen wir einmal raten, wie lange die (von den verschuldeten Staaten nominierten) Notenbanker in der EZB dem Druck der Politik noch standhalten werden, doch endlich eine „kontrollierte“ Inflation zuzulassen – so schnell kann aus absurdem Verfolgungswahn berechtigte Angst werden.
franz.schellhorn@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2009)
Top 10 Die meistverkauften Autos der Welt
Kreativ Die verrückte Welt der Werbung
Bis 2015 Die aussichtsreichsten Aktien