Was genau in diesem Jahr auf uns Europäer zukommen wird, vermag dieser Tage niemand auch nur annähernd zu prognostizieren. Ob zu Jahresende noch mit demselben Euro bezahlt wird wie heute oder ob die Totengräber der Einheitswährung die Schaufel zur Seite legen können, ist ebenso offen wie die Frage, ob es den verschuldeten Nationalstaaten gelingen wird, solvent zu bleiben. Aber es gibt Hoffnung. So werden Buchhandlungen von Werken überschwemmt, die das drängendste Problem unserer Tage ausgemacht haben. Wird dieses an der Wurzel gepackt, könnte alles wieder gut werden – das jedenfalls behaupten entflammte Rezensenten aus den besten Redaktionen, die der deutsche Sprachraum zu bieten hat.
Der faule Zahn, der dringend einer Wurzelbehandlung zu unterziehen sei, heißt – tatarata: Kapitalismus. So klagt der „Süddeutsche“-Journalist Heribert Prantl in seinem neuen Werk „Wir sind viele“ den Finanzkapitalismus an, der den Staat zum nützlichen Idioten degradiert habe. Geradezu hingerissen sind die Kritiker aber von den Ausführungen des Anthropologen David Graeber. Dessen Buch „Schulden“ ist zwar erst ab Mai 2012 zu haben, wird aber vom „Spiegel“ schon jetzt als antikapitalistisches Standardwerk gefeiert, während sich Frank Schirrmacher, einsichtiger Konservativer und Mitherausgeber der „FAZ“, von Graebers Gedanken geradezu befreit fühlt.
Die jauchzende Begeisterung dürfte wohl auch damit zu tun haben, dass Graeber etwas verspricht, auf das viele sehnlichst zu warten scheinen: „Es gibt gute Gründe dafür, dass der Kapitalismus bald nicht mehr existieren wird, vielleicht wird sogar die nächste Generation ihn nicht mehr erleben.“ Womit wir bereits bei einem der unbestreitbaren Vorteile des angeklagten Systems wären: dass Anthropologen antikapitalistische Gedanken in Buchform auf den Markt bringen und damit auch jede Menge Geld verdienen können.
Das war nicht immer so. Bevor sich der Kapitalismus etablierte, war der finanzielle Status aller Menschen bei deren Geburt festgeschrieben. Wer arm geboren war, blieb das bis zu seinem Tod. Wer das Glück hatte, als Nachkomme reicher Aristokraten das Licht der Welt zu erblicken, lebte bis ans Ende seiner Tage im Überfluss. Konnten im England des 18.Jahrhunderts sechs Millionen Menschen mehr schlecht als recht ernährt werden, ist der Lebensstandard von 50 Millionen Briten heute höher als jener der wenigen Reichen vor 200 Jahren.
Weshalb der österreichische Nationalökonom Ludwig von Mises den Antikapitalisten Ende der 1960er-Jahre auch entgegenhielt: „Sie wissen, dass die Bevölkerung auf diesem Planeten heute zehnmal so groß ist wie in den Zeiten vor dem Kapitalismus. Sie wissen auch, dass alle Menschen heute einen höheren Lebensstandard haben als ihre Vorfahren vor dem Zeitalter des Kapitalismus. Aber woher wissen Sie, dass gerade Sie der eine Mensch unter zehn anderen sind, der ohne den Kapitalismus am Leben geblieben wäre? Die einfache Tatsache, dass Sie heute leben, ist der Beweis, dass der Kapitalismus erfolgreich war.“
Nicht die Arbeiter waren die Gegner. Heute ist der Kapitalismus ein gern gebrauchtes Schimpfwort. Woher aber rührt dieser unbändige Hass auf eine Wirtschaftsordnung, die seit über zwei Jahrhunderten nicht mehr wegzudenken ist, Menschen in Massen aus der Armut geführt hat, aber dennoch als „Ideologie“(sic!) der Reichen gilt? Bemerkenswert ist, dass die ersten Kapitalismusgegner keine Arbeiter, sondern aristokratische Großgrundbesitzer waren. In ihren Augen war die fortschreitende Industrialisierung (samt Arbeitsteilung und Massenproduktion) Anfang des 19.Jahrhunderts für die steigenden Löhne in der Arbeiterschaft verantwortlich. Was wiederum zur Folge hatte, dass auch die Grundbesitzer ihren Landarbeitern mehr zu zahlen hatten, wollten sie deren Abwanderung in die Industrie verhindern. Mit der Industrialisierung erhöhten sich nicht nur die Einkommen der Massen (wenn auch auf bescheidenem Niveau), die Massen produzierten plötzlich auch in Massen für die Massen. Während vorher alles unternehmerische Handeln auf die Bedürfnisse einiger Wohlhabender ausgerichtet war.
Eine Geschichte der Irrtümer. Heute aber kommt keine Diskussionsrunde ohne den Hinweis aus, dass der Kapitalismus doch die Reichen reicher und die Armen immer ärmer mache. Das sehen nicht nur Sozialisten so. Viele hängen an einem seit dem vierten Jahrhundert kursierenden Unsinn, wonach der Gewinn des einen der Verlust des anderen sei. Nun ist unbestritten, dass der Kapitalismus Unternehmern wie Bill Gates und Dietrich Mateschitz Chancen eröffnet hat, die sie weder in sozialistischen Planwirtschaften noch in feudalistischen Ordnungssystemen vorgefunden hätten. In beiden Modellen wären sie nicht zu unermesslichem Reichtum gekommen, ihnen hätte das Politbüro beziehungsweise das jeweilige Herrscherhaus einen Platz in den unteren Räumen der Galeere zugewiesen. Wen aber trieben die beiden Herren in die Armut? Niemanden. Sie nutzten vielmehr die einzigartige Möglichkeit des Kapitalismus, Verbraucher besser zu versorgen, als es andere Anbieter zuvor taten.
Dennoch wird die Zukunft wohl keine kapitalistische sein. Schon heute leben die Europäer in staatlich gelenkten Marktwirtschaften. Und der Staat wird im Zuge der Schuldenkrise seinen Einfluss weiter ausweiten. David Graeber könnte also recht behalten, dass es um den Kapitalismus bald geschehen ist. Jedenfalls in Europa. Ob das ein Vorteil sein wird? Der Kapitalismus ist zwar ein fehleranfälliger Entwicklungsprozess. Allerdings der beste, der den Menschen zur Verfügung steht.
franz.schellhorn@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2012)
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