Gregor Gysi ist ein Mann, dem man vieles nachsagen kann, nur eines nicht: fehlendes Gespür für des Volkes Stimmung. So meinte der wohl bekannteste Vertreter des gescheiterten deutschen Realsozialismus unlängst in einem Interview mit dieser Zeitung: „Die Krise ist in Deutschland und Österreich noch nicht in den Wohnzimmern angekommen. Es ist, ganz im Unterschied zu Griechenland, Spanien oder Irland, bisher vor allem eine abstrakte Größe.“
Ob das nun der einzige Grund ist, der die Leute daran hindert, in Scharen zur „Linken“ überzulaufen, darf bezweifelt werden. Jedenfalls richtig ist der Befund, dass weite Teile der Bevölkerung noch sehr wenig von jener „schlimmsten Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs“ spüren, die vor ihren Haustüren zu wüten scheint. Ganz im Gegenteil: Die besten Restaurants sind auf Wochen hin ausgebucht, die Zulassungen teurer Mittelklassewagen jagen von einem Rekord zum anderen, die Zahl der Eigenheimbesitzer steigt in atemberaubendem Tempo. Und selbst dem schwer überschuldeten Staat wird das Geld geradezu nachgeworfen. Deutschland konnte sich seit Menschengedenken nicht so günstig finanzieren wie heute, dasselbe gilt für Österreich. Beides Länder, die als vergleichsweise sicher gelten, falls die Eurozone tatsächlich jenes Schicksal ereilen sollte, das renommierte Ökonomen für unabwendbar halten: den Zerfall.
Geordnete Kapitalflucht. Mit diesem düsteren Szenario rechnen übrigens nicht nur Experten wie Paul Krugman, sondern auch die Leute von der Straße. Insbesondere in jenen Euroländern, in die seit Jahren Milliarden an Hilfsgeldern gepumpt werden. So nutzen etwa die Griechen die Zeit der ökonomischen Wiederbelebungsversuche dazu, ihr Erspartes in den sicheren Norden zu transferieren. Dasselbe tun die Iren, Portugiesen, Italiener und nun auch die Spanier. Allein in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres haben sich fast 100 Milliarden Euro aus dem Land verabschiedet, das entspricht einem Zehntel der jährlichen Wirtschaftsleistung. In Italien waren es seit Mitte 2011 knapp 160 Milliarden Euro.
Die Kapitalflucht verläuft übrigens stets geordnet: Den Anfang machen ausländische Investoren, dann folgen vermögende Bürger und erst zum Schluss kommen die kleinen Sparer.
Beachtlich an Spanien ist die Dynamik des Kapitalabzugs: Wurden im Jänner netto fünf Milliarden Euro außer Landes geschafft, waren es im Februar 25Milliarden und im März schon 66Milliarden Euro. So etwas nennt man einen schleichenden „Bank Run“. Standen früher die Bürger in Schlangen vor den Bankschaltern, geht die Sache heute vergleichsweise gesittet über die Bühne. Ein paar Mouse-Clicks genügen und schon sind die Ersparnisse auf einem deutschen, österreichischen oder schweizerischen Konto geparkt. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil: Durch den elektronischen Fluchtweg verliert der „Bank Run“ seinen eigentlichen Schrecken, weil es nicht zu einem überraschenden Bargeldmangel kommt, der selbst große Banken und in der Folge ganze Staaten ins Wanken und schließlich zu Fall bringen kann. Heutzutage liest man davon einige Monate später in einer trockenen Notenbankstatistik.
Was die Sache aber nicht harmlos macht. In der Praxis stehen jene Banken, denen die Sparer davonlaufen, nämlich vor einem gröberen Finanzierungsproblem. Die Einlagen werden schließlich langfristig an Kreditnehmer verliehen – wollen nun alle Sparer auf der Stelle ihre Gelder zurück, kann die Bank nicht auszahlen.
Geschlossen wird diese Finanzierungslücke durch Ausleihungen bei der nationalen Notenbank. Verfügt diese nicht über genügend Reserven, wird sie die Europäische Zentralbank (EZB) anzapfen, die das Geld entweder druckt oder sich von nationalen Notenbanken leiht, die von anlagefreudigen Kunden überrannt werden und das überschüssige Geld gegen Zinsen der EZB überlassen. Allen voran die Deutsche Bundesbank. Laut aktuellem Stand schulden die Notenbanken der ökonomisch schwächeren Länder der EZB eine Billion Euro. Knapp zwei Drittel dieser Summe kommen von der Deutschen Bundesbank, womit auch klar wird, wie stark der Druck auf Deutschland ist, den Euro zu halten.
Trittbrettfahrer aus dem Süden. Nichts zu verlieren haben die Kapitalflüchtlinge aus den Problemländern. Beruhigt sich die Lage in der Heimat wieder, ist das Geld schnell wieder zurückzuholen. Würde die Eurozone auseinanderbrechen, läge das Ersparte wenigstens im ökonomisch robusten Teil Europas, der sich möglicherweise auch in einer verkleinerten Hartwährungsunion wiederfinden könnte. Ein Spanier, der auf sein in Deutschland geparktes Geld zurückgreifen könnte, verfügte auf jeden Fall über eine erhöhte Kaufkraft in seiner Heimat, die in diesem Fall wohl wieder die Peseta einführen würde.
Damit Deutschland nicht der letzte Depp in dem ganzen Spiel ist, wird es früher oder später seinen Widerstand gegen die Eurobonds und das vermehrte Drucken von Geld aufgeben, um den Euro so am Leben zu halten. Dem Geldwert in den noch stabilen Teilen Europas wird das zwar nicht gut tun, aber die Krise wäre dann auch in den Wohnzimmern der Deutschen und Österreicher angekommen. Was die politischen Chancen von Herrn Gysi in ungeahnte Höhe treiben dürfte.
franz.schellhorn@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.06.2012)

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