Öko-Pionier: "Unser Umweltschutz schadet der Umwelt"

Öko-Pionier Friedrich Schmidt-Bleek attackiert die Klimaretter. Die Energiewende schade mehr, als sie nütze. Solaranlagen, Hybridautos oder Wärmedämmung sind in seinen Augen nur "grüne Lügen".

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Wer der Umwelt helfen will, fährt lieber den alten Cadillac weiter, als ein neu gebautes Hybridauto zu kaufen, sagt Schmidt-Bleek. – APA/EPA/Karl-Josef Hildenbrand

Sie gelten als Urvater des deutschen Umweltschutzes. In Ihrem jüngsten Buch preisen Sie plötzlich Plastiksackerln und alte VW-Käfer, verdammen die Energiewende und bezeichnen die Umweltpolitik als „grüne Lügen“. Was ist da passiert?

Friedrich Schmidt-Bleek: Ich habe Ende der 1980er-Jahre mit dem Wirtschaftsberater von Michail Gorbatschow geredet, ob er nicht auch über Umweltpolitik nachdenken wolle. Er sagte: Njet! Die Sowjetunion sei nicht reich genug, um sich unsere Art Umweltschutz zu leisten. Und er hatte recht. Unser nachsorgender Umweltschutz ist eine aufgesetzte Wirtschaft, sehr teuer und bringt wenig.


Dabei feiert sich Europa doch gerade heute als Umweltschutz-Vorreiter. Sehen Sie sich doch nur die deutsche Energiewende an.

Das ist Augenauswischerei. Wenn die Energiewende wie geplant umgesetzt wird, verbrauchen wir im Endeffekt mehr Ressourcen als vorher. Allein die „grüne“ Fotovoltaik verschlingt Unsummen an Natur. Die Energiewende schadet der Umwelt mehr, als sie hilft. Natürlich ist es wichtig, zu versuchen, den Klimawandel aufzuhalten. Aber wir konzentrieren uns zu sehr auf CO2und kümmern uns nicht um alles andere. Wir geben Milliardenbeträge aus, um ein einzelnes Symptom zu beeinflussen. Das ist Unfug. Unsere Politik forciert einen Umweltschutz, der der Umwelt schadet, weil er die Stabilität unserer Ökosphäre vermindert.


Unter den Umweltministern hat sich das offenbar noch nicht herumgesprochen. Die werben immer noch für ein CO2-freies Leben als ultimative Lösung.

Wenn der CO2-Fußabdruck so ein taugliches Maß für die Umweltverträglichkeit wäre, dann wäre ein Atomkraftwerk so wunderbar wie eine Stradivari. Das stimmt natürlich nicht. CO2ist wichtig, aber bei Weitem nicht das einzige Übel. Auch der Klimawandel wird nicht nur von CO2 verursacht. Methan ist mindestens ebenso wichtig. Jede Kuh schadet dem Klima mit ihren natürlichen Abgasen so sehr wie ein Auto. Und es gibt weit über eine Milliarde Kühe auf der Welt. Mit CO2 liegt man fast immer vollkommen verkehrt.


Ist der Kampf gegen den Klimawandel, so wie wir ihn jetzt führen, schädlich?

Es ist schon legitim, dass man versucht, etwas dagegen zu tun. Aber was die Regierungen vorschlagen sind grüne Lügen. Nehmen Sie das Beispiel der Wärmedämmung. In Deutschland gibt es jetzt die Verpflichtung, die Häuser energetisch sanieren zu lassen. 40 Millionen Häuser werden mit 20 Zentimeter Schaumstoff umhüllt. Wir geben also Unsummen an Geld und Material aus, um vielleicht ein wenig Energie und damit CO2 einzusparen. Und selbst das ist mittlerweile sehr fraglich. Stellen Sie sich vor, wir würden das für 250 Emissionen machen. CO2 umfasst vielleicht ein Fünftel unserer Umweltprobleme. Wir bekämpfen nur Symptome.


Wo liegt dann Ihrer Meinung nach die Wurzel des Problems?

Das Grundübel unserer Wirtschaft ist, dass sie uns zwingt, die Umwelt kaputt zu machen und nachher um teures Geld zu reparieren. Wir verbrauchen für alles viel zu viele Ressourcen. Jede Jeans verbraucht 32 Kilogramm Natur – noch ohne Wasser. Ein Auto braucht allein zur Herstellung 30 Tonnen Material. Bei Hybridautos ist das noch schlimmer. Die meisten denken, dass Hybridautos besonders ökologisch sind, weil sie Benzin sparen. Das stimmt nicht. Denn das Hybridauto kostet im Bau mehr als doppelt so viel Ressourcen wie ein alter Wagen. Der ökologische Rucksack der Hybridautos ist enorm. Das kann ich beim Verbrauch nie wieder einsparen. Es ist also für die Umwelt besser, den alten Käfer weiterzufahren.


Sie plädieren dafür, gar nichts Neues mehr zu kaufen?

Nein, aber nach den richtigen Gesichtspunkten. Das Konzept liegt seit Jahrzehnten auf dem Tisch und ist wissenschaftlich unbestritten: der materielle Fußabdruck. Man kann für alle Produkte, Dienstleistungen und Maßnahmen den ökologischen Rucksack berechnen und danach entscheiden. Blöderweise wird dieses Maß nicht angewandt. Da wehren sich Industrie und Politik mit Händen und Füßen dagegen. Wir brauchen in den westlichen Industrienationen eine Abmagerung um den Faktor zehn. Ziel wären sechs bis acht Tonnen pro Person und Jahr bis 2050. Heute verbraucht jeder Österreicher im Schnitt 70 Tonnen im Jahr.


Da ist es doch kein Wunder, dass sich die Industrie wehrt. Sie fürchtet wohl um ihr Wachstum, wenn sie auf ein Zehntel abspecken muss.

Technisch ist es gar kein Problem, die Produkte mit weniger Materialeinsatz zu bauen. Aber die notwendigen Innovationen können sich kleinere Firmen einfach nicht leisten. Die Regierungen müssten steuernd eingreifen, damit das funktioniert. Solange ein Unternehmer die Natur zu Nullkosten ausgraben und dann teuer verkaufen kann, wäre er dumm, wenn er etwas ändert.

Die Antwort der Politiker heißt stattdessen „green economy“, also der Aufbau einer Industrie, die der Umwelt helfen und damit Geld verdienen soll. Klingt doch verlockend, oder?

Das ist die größte Lüge überhaupt. Alle reden von grüner Wirtschaft und wissen genau, dass das nicht stimmt. Schauen Sie doch nur, wieviel Geld die Regierungen in die Hand nehmen müssen, um diese Branchen aufzublasen. Allein in der EU werden hundert Milliarden Euro an Subventionen im Jahr verteilt, die zu einem erheblichen Teil der Umwelt schaden – etwa in Kohlekraftwerke.


Das heißt, als erster Schritt sollten die Subventionen gekürzt werden?

Alle Subventionen müssen komplett abgeschafft werden, und zwar so schnell wie möglich. Ich weiß aber, wie schwierig das politisch ist. Es werden nämlich alle subventioniert. Von der Industrie bis zum kleinsten Bauern.


Was könnte die Regierung sonst tun?

Sie könnte das Steuersystem umbauen. Wer sagt denn, dass der Großteil der Einnahmen des Staates von der arbeitenden Bevölkerung bezahlt werden muss? Man könnte auch viel weniger Steuern auf Arbeit verlangen und dafür Steuern auf die raren natürlichen Ressourcen einheben. Auch das ist natürlich eine gewaltige Umstellung. Es gibt simplere Wege: Auch Ihre Regierung in Wien kauft zwanzig Prozent des Endmarktes. Wenn sie sagt, dass sie bei Anschaffungen ab 2018 auch auf den materiellen Fußabdruck achtet, wird sich die Industrie natürlich darum kümmern. Da brauchen wir gar keinen anderen Anreiz. Diese Art ressourcenorientierte Umweltpolitik ist das Wichtigste überhaupt. Bei Finanz- und Wirtschaftskrisen kann man immer etwas machen. Aber wenn wir laufend mehr und mehr Ressourcen verbrauchen, bauen wir die Basis unseres Lebens, unseren eigenen Planeten, endgültig ab.

»Grüne Lügen«

Das Buch „Grüne Lügen“ von Friedrich Schmidt-Bleek ist eine Abrechnung mit der Umweltpolitik unserer Zeit. Die Energiewende und die damit einhergehende starke Konzentration auf CO2 schadeten der Umwelt mehr, als sie nützten. Der Raubbau an anderen natürlichen Ressourcen werde komplett ausgeblendet.

Gerade viele „grüne Technologien“ seien zwar vielleicht gut für das Klima, verbrauchten aber enorme Ressourcen, argumentiert der Forscher. Das Buch erschien 2014 im Ludwig Verlag.

Steckbrief

Friedrich Schmidt-Bleek
(* 1932) ist deutscher Chemiker und Umweltforscher. Er gilt als Pionier der Ressourcenwende und Erfinder des Faktor-10-Konzepts.

In den 1970er-Jahren war er maßgeblich an der Entstehung des ersten deutschen Chemikaliengesetzes beteiligt. Später gründete er das Wuppertal Institut und arbeitete in der OECD und im IIASA.

Dorle Riechert

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2014)

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