Zu viel Strom: Europa soll Kraftwerke abschalten

Förderungen bringen die Energiewende in Europa nicht mehr weiter, sagt die deutsche Ökonomin Silvia Kreibiehl. Sie fordert ein radikales Umdenken der gesamten Branche und das Aus für alle Kohlekraftwerke weltweit.

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(c) Bilderbox

Wien. Hunderte Bürgermeister im Land sind erbost. 230 Windkraftanlagen könnten in ihren Orten sofort gebaut werden. Alle Genehmigungen liegen vor, die Bevölkerung ist überzeugt und die Gemeindekasse wartet bereits auf das Geld aus den Windprojekten. Gebaut werden die Windräder dennoch nicht – weil die Betreiber derzeit keine Aussicht auf staatliche Förderungen haben, klagt Stefan Moidl von der IG Windkraft.

Um der Forderung nach mehr Subventionen Nachdruck zu verleihen, hat die Branchenlobby eigens Silvia Kreibiehl von der Frankfurt School of Finance & Management nach Wien einfliegen lassen. Die deutsche Ökonomin erstellt jedes Jahr den wohl umfassendsten Bericht über die Kraftwerksinvestitionen weltweit. Fazit des aktuellen Reports: Global wurde so viel Geld in Erneuerbare gesteckt wie nie zuvor („Die Presse“ berichtete). Europa – und damit auch Österreich – fällt jedoch stark zurück.

 

Wohin mit all dem Solarstrom?

In den Kampfruf: „Mehr Förderungen!“ will die Expertin dennoch nicht einstimmen. Die Idee: „Der Staat muss alles tun, damit es mehr Erneuerbare gibt“, gelte nicht mehr, sagt sie. Zumindest nicht in Europa. Anders als in Entwicklungs- und Schwellenländern leidet der Kontinent eher unter zu viel als unter zu wenig Strom. Üppige Subventionen für deutsche Solarparks haben 2011 zwar den bisherigen Höhepunkt der Ökoinvestitionen in der EU herbeigeführt. Sie haben aber auch den Strommarkt durcheinandergewirbelt und die Endkundenpreise erhöht. „Hätte es wirklich so weitergehen sollen?“, fragt Kreibiehl. „Wo sollen wir mit all dem Solarstrom hin?“ Auch die Technologien hält sie für weitgehend ausgereift: „Innovation wird es bei Fotovoltaik und Wind nur wenig geben.“

Europas Staaten müssten die Förderungen für Ökostrom überdenken „und im Gegenzug das Leben für die Fossilen erschweren“. Denn bisher verlaufe das Stromgeschäft gleich auf mehreren schiefen Ebenen. Ökostrom wird gefördert, aber auch die meisten konventionellen Kraftwerke wälzen irgendwo Kosten auf die Allgemeinheit ab. An der Börse sind die Erneuerbaren aufgrund der herrschenden Preislogik allerdings im Nachteil. Das lasse sich nicht durch noch mehr Ökostromförderungen ausgleichen, so die Expertin. Um Ökostrom wettbewerbsfähig zu machen und die CO2-Ziele von Paris zu erreichen, „müssen wir Kraftwerke abschalten“.

Deutschland ist dem Szenario schon näher. Der Atomausstieg ist beschlossen, das Ende der Kohlekraft wird debattiert. Zurzeit stellt die Kohle noch die Hälfte der deutschen Stromproduktion. Billig wird auch das Ende der Kohle nicht. Das Energiewirtschaftliche Institut in Köln schätzt die Mehrkosten auf 72 Mrd. Euro für 2020 bis 2045. Die Hälfte davon trägt der Verbraucher. Selbst wenn Deutschland das schafft, für die Klimaziele reicht das nicht, so Kreibiehl: „Den Kohleausstieg brauchen wir überall.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.05.2016)

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