Staat greift Verbund unter die Arme

Die Republik fordert weniger Gewinnanteil von „ihrem“ Stromkonzern. Mit einem neuen Gesetz will die Regierung sogar das steirische Problemkraftwerk Mellach wieder flottmachen.

Die Überlebenschancen für das Verbund-Kraftwerk Im steirischen Mellach sind hoch wie selten zuvor.
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Die Überlebenschancen für das Verbund-Kraftwerk Im steirischen Mellach sind hoch wie selten zuvor.
Die Überlebenschancen für das Verbund-Kraftwerk Im steirischen Mellach sind hoch wie selten zuvor. – APA/HELGE SOMMER

Wien. Mehr als eine halbe Milliarde Euro hat sich der österreichische Verbundkonzern sein Gaskraftwerk im steirischen Mellach vor wenigen Jahren kosten lassen. In den Büchern ist davon so gut wie nichts übrig, denn das Kraftwerk ist nur in Ausnahmefällen in Betrieb. Bei Strompreisen rund um 30 Euro je Megawattstunde rechnet sich der Dauerbetrieb schlichtweg nicht. Seit Herbst 2015 sucht Konzernchef Wolfgang Anzengruber daher nach einer Lösung für sein steirisches Millionengrab – und hadert damit. Soll er das nagelneue Kraftwerk wirklich einmotten, verkaufen oder gar in Einzelteilen verwerten?

In den kommenden Tagen wird es endlich eine finale Entscheidung geben, versprach der Manager am Mittwoch. Und die Chancen, dass der Verbund mit einem blauen Auge davonkommen könnte, stehen besser als zuletzt gedacht. Zu verdanken hat das der Konzern (auch) seinem Eigentümer – dem Staat.

 

Lohnt sich das lange Warten?

„Es hat sich zuletzt doch einiges getan“, sagt Anzengruber mit Blick auf die geplante Novelle des Ökostromgesetzes verschmitzt. Gemeinsam mit den Regeln für den Bau von Ökostromkraftwerken will die Regierung nämlich auch einen Passus im Elektrizitätswirtschaftsgesetz ändern, von dem thermische Kraftwerke wie jenes in Mellach stark profiteren könnten. Die Novelle ermögliche es dem Übertragungsnetzbetreiber APG, einer Verbund-Tochter, längerfristige Verträge über Reservekapazitäten mit Stromunternehmen abzuschließen, bestätigt Energieregulator Wolfgang Urbantschitsch auf Anfrage der „Presse“. „Das ist eine gute Nachricht für Kraftwerksbetreiber.“

Schon heute ist die APG darauf angewiesen, kurzfristig auf thermische Kraftwerke zugreifen zu können, um Netzausfälle zu verhindern, wenn die vielen Wind- und Solaranlagen plötzlich mehr oder weniger Strom liefern als erwartet. Im Sommer forderte APG-Chefin Ulrike Baumgartner-Gabitzer gar ein Vetorecht, falls ein Kraftwerk wie Mellach vom Netz genommen werden sollte. Wie dringend konventionelle Kraftwerke gebraucht werden, zeigte sich in den vergangenen Wintermonaten, in denen fast alle thermischen Kraftwerke im Land auf Hochtouren liefen, um die Stromversorgung in Österreich und Deutschland sicherzustellen. Bisher konnten die Netzbetreiber derartige Geschäfte aber nur relativ kurzfristig abschließen. Nun stehen Vertragsdauern von drei bis fünf Jahren im Raum.

Damit nähert sich Österreich jenen Kapazitätsmärkten, die viele europäische Staaten bereits eingeführt haben, um auch in Zeiten der Energiewende ausreichend konventionelle Kraftwerke in Reserve zu haben. Und für den Verbund dürfte sich das lange Zuwarten in der Causa Mellach letztlich doch noch richtig auszahlen. Mit einem Schlag gäbe es für das angezählte Kraftwerk wieder ein tragbares Geschäftsmodell. Zudem hat Anzengruber auch die letzten Rechtsstreitigkeiten rund um den Standort beilegen können, was sich mit hundert Millionen Euro plus in der heurigen Bilanz bemerkbar macht. Aber auch ohne diese Sondereffekte stieg der Gewinn im abgelaufenen Geschäftsjahr um ein Fünftel auf 326 Millionen Euro.

 

„Die Feuerkraft stärken“

Anders als in den vergangenen Jahren fällt für die Republik als 51-Prozent-Eigner diesmal relativ wenig ab. Statt wie bisher knapp die Hälfte des Gewinns an die Aktionäre auszuschütten, überweist der Verbund heuer nur 31 Prozent des bereinigten Ergebnisses – oder 29 Cent je Aktie. Der Finanzminister kann also nur mit gut 51 Millionen Euro für sein Budget rechnen. Im Vorjahr waren es – trotz deutlich schwächeren Gewinns – um elf Millionen Euro mehr. „Wir haben uns mit dem Eigentümer darauf geeinigt, die Feuerkraft des Unternehmens zu stärken“, erklärt Wolfgang Anzengruber.

Entsprechend solide sehen die Finanzzahlen des Unternehmens – kurz vor dem Eintritt des ehemaligen OMV-Chefs Gerhard Roiss als neuer Verbund-Aufsichtsratspräsident im April – auch aus: Der Cashflow stieg von 674 auf 804 Millionen Euro, die Nettoverschuldung sank in den vergangenen beiden Jahren fast um eine Milliarde Euro auf nunmehr 3,2 Milliarden Euro. Wenn Anzengruber jetzt noch eine tragbare Lösung für Mellach präsentiert, kann er der Ankunft seines „alten Bekannten“ Gerhard Roiss wohl gelassen entgegenblicken.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2017)

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