Treichl: "Es kann ein Europa ohne Euro geben"

Für das Friedensprojekt Europa sei eine gemeinsame Armee entscheidender als eine gemeinsame Währung, sagt der Chef der Erste Group.

Treichl kann Europa ohne
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Treichl kann Europa ohne
APA-FOTO: HERBERT PFARRHOFER

Andreas Treichl, ist zwar nach eigenem Bekunden "ein großer Fan Europas", kann sich Europa aber auch gut ohne gemeinsame Währung vorstellen. "Es kann ein gemeinsames Europa ohne den Euro geben", sagte der Chef der Erste Group in einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin "trend". Für das Friedensprojekt Europa sei wohl eine gemeinsame Armee entscheidender als eine gemeinsame Währung.

"Es muss eine klare Entscheidung geben, in welche Richtung Europa gehen wird", fordert der Banker von der europäischen Politik. "Im Endeffekt steht auf der einen Seite eine demokratisch legitimierte europäische Regierung, auf der anderen Seite eine Auflösung des Euro. Dass die Einführung des Euro in dieser Form ein Fehler war, sollte man auch einmal offen sagen." Denn, so Treichl: "Derzeit ist völlig klar, dass die Länder, die nicht im Euro sind, einen Vorteil gegenüber den Euro-Ländern haben. Eine solche Situation darf es nicht mehr geben. Die Tschechen zahlen für ihre Staatsanleihen etwa die Hälfte der benachbarten Slowakei, nur weil sie nicht im Euro sind. Der Euro ohne freien Warenverkehr, ohne freien Liquiditätsverkehr, ohne freien Kapitalverkehr macht keinen Sinn - genau das passiert aber jetzt."

Spanien: "100 Mrd. haben drei Tage gewirkt"

Was die Euro-Rettungsmaßnahmen betrifft, äußerte sich Treichl skeptisch: "Was wir in den letzten Monaten sehen, ist, dass die Halbwertszeit von Reparaturmaßnahmen immer kürzer wird. Die 100 Milliarden Euro für Spanien haben drei Tage lang gewirkt. Der Ausgang der griechischen Wahl hat nichts bewirkt."

An den Banktöchtern seiner Gruppe in Ungarn und Rumänien, die zuletzt von Abschreibungen betroffen waren, will er jedoch ebenso wenig rütteln wie an der grundlegenden Strategie, führender Finanzdienstleister zwischen Deutschland und Russland sein zu wollen.

Zu seiner umstrittenen Äußerung über "zu blöde, zu feige, zu unverständige Politiker" meint Treichl, dass sie den gewünschten Effekt gehabt habe: "Anscheinend hat es etwas bewirkt, denn im letzten Jahr ist wirklich sehr viel passiert, um genau den angesprochenen Fehler im Regelwerk von Basel III (zur Kreditvergabe an KMUs, Anm.) auszumerzen." Treichl: "Vor eineinhalb Jahren hat sich niemand für das Rückgrat unserer Wirtschaft interessiert. Danach sind die Politiker aber ordentlich geschurlt."

SPÖ spricht von "Politikerverunglimpfung"

Nach Ansicht von SPÖ-Geschäftsführer Günther Kräuter hat sich Treichl damit "neuerlich im Ton vergriffen", eine solche "Politikerverunglimpfung" sei inakzeptabel, sagte Kräuter in einer Aussendung vom Sonntag. "Treichls nachweisliche öffentliche Unwahrheiten über die Performance der Erste-Bank, die Ablenkungsmanöver wegen hinaufgeschnalzter Manager- und Aufsichtsratsgagen und die noch offene Rückzahlung von Partizipationskapital an die Republik sollten eigentlich die Basis für einen maßvollen Ton des Herrn Treichl gegenüber politischen Verantwortungsträgern sein."

(Ag.)

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