Wettbewerbsfähigkeit: Die Krisenländer holen auf

28.06.2012 | 18:13 |  Von Stefan Riecher (Die Presse)

Seit Ausbruch der Krise 2008 sind die heimischen Lohnstückkosten um elf Prozent gestiegen. Sie geben an, wie effizient die Arbeitskräfte eines Landes agieren. Irland und auch Griechenland wurden konkurrenzfähiger.

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Wien. In dieser Frage sind sich alle Ökonomen ausnahmsweise einig: Lohnstückkosten zählen zu den besten Möglichkeiten, um die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft messen zu können. Sie geben an, wie effizient die Arbeitskräfte eines Landes agieren. Steigen sie, heißt das nichts anderes, als dass die Arbeitskosten für die Herstellung eines Produkts gestiegen sind. Die Konkurrenzfähigkeit sinkt, weil potenzielle Käufer die Ware woanders zu einem besseren Preis bekommen.
Genau das ist in Österreich, aber auch in Deutschland und Frankreich in den vergangenen vier Jahren in dramatischem Ausmaß passiert. Das besagt eine Studie des Brüsseler Forschungsinstituts „The Conference Board“, die kommende Woche publiziert wird und der „Presse“ vorliegt. Demnach sind die Lohnstückkosten in Österreich seit Ausbruch der Wirtschaftskrise 2008 um mehr als elf Prozent gestiegen, in Deutschland und Frankreich um mehr als acht Prozent (siehe Grafik).

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Langfristig geht Wohlstand zurück

„Die Lohnstückkosten sind ein guter Indikator, inwiefern sich eine Volkswirtschaft und das Wohlstandsniveau ihrer Bevölkerung verändern“, erklärt Studienautor Bert Colijn. Soll heißen: Verliert ein Land permanent an Wettbewerbsfähigkeit, wird die Konjunktur über kurz oder lang einbrechen und der Wohlstand zurückgehen.
Der Grund für den Anstieg der Lohnstückkosten ist schnell erklärt: Die Menschen arbeiten weniger, verdienen in Relation aber mehr – etwa durch die hierzulande forcierte Kurzarbeit. Allerdings hat Studienautor Colijn auch gute Nachrichten für Österreich: „Die Lage ist noch nicht sehr besorgniserregend, es gibt noch die Möglichkeit zur Korrektur.“

Das deshalb, weil Investoren und Käufer nach wie vor auf Deutschland und Österreich vertrauen. Zwar steigen die Löhne schneller als die Wirtschaft wächst. Aber immerhin: „Die Wirtschaftsleistung wächst wenigstens.“ Den Anstieg der Lohnstückkosten zu korrigieren, das sei derzeit noch nicht zu schmerzhaft für die arbeitende Bevölkerung. Sie kann auch künftig mehr verdienen, bloß in geringerem Ausmaß.

Weit schlimmer ist die Lage in Italien. Auch hier sind die Lohnstückkosten seit 2008 gestiegen, um fünf Prozent. Allerdings schrumpft die Wirtschaft. Für das zweite Quartal erwarten Wirtschaftsforscher ein Minus von knapp einem Prozent. „Das ist eine fatale Situation“, sagt Colijn. Will man wieder wettbewerbsfähig werden, müssen die Lohnkosten stark sinken. Es sei denn, es gelingt, die Konjunktur bei gleichbleibendem Einkommen wieder anzukurbeln. „Im Idealfall steigen Wirtschaftsleistung und Löhne, aber Ersteres eben stärker.“

Welche Schlüsse lassen sich nun aus der Studie ziehen? „Jene Länder mit einer Hire-and-Fire-Politik, etwa England und Irland, haben die Krise weit besser überwunden“, meint Colijn. Am Beispiel Irland: Nach dem Crash des Bankensektors und der Flucht unter den EU-Rettungsschirm sanken die Löhne um bis zu 20 Prozent. Die Flexibilität am Arbeitsmarkt führte dazu, dass viele Menschen ihren Job verloren.

Irland: Schock schnell überwunden

Jedoch konnte die Talfahrt nach dem dramatischen Schock sehr schnell überwunden werden. Weil die Lohnstückkosten seit 2008 deutlich sanken, waren irische Produkte am Weltmarkt wieder gefragt. Die Exporte stiegen, und möglicherweise noch heuer wird sich das Land am Kapitalmarkt wieder zu akzeptablen Konditionen refinanzieren können.

Auch für Griechenland haben die Studienautoren eine selten positive Nachricht. Zwar sind die Lohnstückkosten seit 2008 leicht gestiegen, seit 2010 sind sie aber gefallen. Damit widersprechen die Brüsseler Ökonomen jenen, die einen griechischen Euro-Austritt als einzigen möglichen Weg sehen. Das Land mache Fortschritte, allerdings sei das wachsame Auge der EU nötig. „Nur eine Fiskalunion kann sicherstellen, dass Griechenland den eingeschlagenen Weg weitergeht“, glaubt Colijn.

Und wohin geht die Reise für Deutschland und Österreich? Sie müssten den Weg der schlechteren Produktivität korrigieren, empfiehlt der Ökonom. „Denn auf lange Sicht werden diese Länder den Preis für die verschlechterte Wettbewerbsfähigkeit garantiert bezahlen.“

(c) Die Presse / HR

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2012)

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10 Kommentare

Löhne zu hoch?

Es wird dabei wie so oft, auf den Binnenmarkt vergessen. Dieser funktioniert nur, wenn sich die Menschen im Inland etwas leisten können, also entsprechend hohe Einkommen haben. Die Vernachlässigung des Binnenmarktes könnte uns in Zeiten rückläufiger Exporte auf den Kopf fallen. Der Export ist wichtig, aber sich nur darauf zu stützen ist falsch.

Super, dann könnens uns demnächst aus der Krise helfen!

Selten so einen Blödsinn gelesen!

Gast: biersauer
29.06.2012 08:31
0

Das Einzige was sinkt, ist der Wert des Euro!

Damit können wir auch von den fortschrittlichen Volkswirtschaften in Fernost auch weniger einkaufen, was wir selber nimmer imstande sind herzustellen.
Ganz Europa kann kein einziges vollständiges Elektrovehikel herstellen, weil die dazu wichtigen Lithiumzellen fehlen.
Wie das in Fernost ausschaut zeigen nachfolgende Links:
http://yingdalithium.en.alibaba.com/product/483230278-212623927/48V18Ah_Rechargeable_High_Rate_LiPO4_Battery_Packs.html

http://kayobattery.en.alibaba.com/product/526684913-210835345/26650_LiFepo4_rechargeable_battery.html

Re: Das Einzige was sinkt, ist der Wert des Euro!

sie sollen eh nicht im Ausland kaufen!

Gast: Grecos
29.06.2012 08:28
0

Griechenland u.a. In Eurozone?

In vier Jahren eine Verringerung der Lohnstückkosten um insgesamt 10%, das ist weit zu langsam, als dass es ausreichend wäre. Bleibt nur die Teilung der Eurozone.

Gast: 6y2
29.06.2012 07:46
0

...

"Die Flexibilität am Arbeitsmarkt führte dazu, dass viele Menschen ihren Job verloren."

Umkehrschluss wäre:
-> Die Unflexibilität am Arbeitsmarkt führt dazu, dass viele Menschen ihren Job behalten/ einen neuen bekommen.

Diese Logik im Text und/oder der Studie ist folglich wohl nicht sehr durchdacht.

Die Wirtschaft in Griechenland schrumpft aber!

Denn trotz geringerer Lohnstückkosten, die durch künstlich hervorgerufene Arbeitslosigkeit verursacht werden wird nicht mehr produziert sondern weniger!
Und zwar weshalb? Wegen der geringeren Inlandsnachfrage. Der Export kann nicht in gewünschtem Maße profitieren denn Griechenland exportiert nicht mehr, seit dem Anfang der Krise sondern weniger!
Lohndumping als Exportgenerator funktioniert eben nur in theoretischen Modellen von Wirtschaftsforschern!

Re: Die Wirtschaft in Griechenland schrumpft aber!

künstlich? das einzig künstliche dort sind die Beschäftigungszahlen

Irland und auch Griechenland wurden konkurrenzfähiger.

Äh, wollens uns verarschen?

Antworten Gast: Ironischer Kommentar
28.06.2012 22:33
0

Re: Irland und auch Griechenland wurden konkurrenzfähiger.

Sicher. Denken Sie mal mit:

Wir bekommen mehr Schulden-> unsere Wettbewerbsfähigkeit sinkt. Unsere Wettbewerbsfähigkeit kommt diesen entgegen.^^

Irland und auch Griechenland bekommen Geld von uns-> deren Wettbewerbsfähigkeit steigt dadurch (!) Richtung unserer "entgegenkommenden" Wettbewerbsfähigkeit

;-)

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