Frankfurt/Wien/Ag./Ju/Juk. Wie erwartet hat die EZB ihren Leitzinssatz (zu dem sich Banken bei der Zentralbank refinanzieren können) um 0,25Prozentpunkte auf historisch niedrige 0,75Prozent gesenkt. Gleichzeitig wurde der Zinssatz für sogenannte „Übernachteinlagen“ der Banken ebenfalls um einen Viertelprozentpunkt auf null Prozent reduziert. Banken, die Geld kurzfristig bei der EZB bunkern (zuletzt waren das durchschnittlich enorme 800 Mrd. Euro), bekommen dafür keine Zinsen mehr. Was ist der Hintergrund dieser Senkung, und was bedeutet das für Sparer und Kreditnehmer? „Die Presse“ hat die Antworten:
1 Was bezweckt die EZB mit der Senkung des Leitzinssatzes?
Die Konjunkturlage hat sich zuletzt stark eingetrübt, Zinssenkungen gelten als Konjunkturstimulus. In der Theorie regen sie Investitionen an, weil Kredite billiger werden, und stärken den Konsum, weil sich Sparen wegen sinkender Sparzinsen weniger auszahlt. Die Absenkung des Übernachtzinssatzes für Banken soll diese bewegen, große Summen nicht bei der EZB einzulegen, sondern über Kredite in den Wirtschaftskreislauf zu pumpen.
2 Wird die Zinssenkung ihren stimulierenden Zweck erfüllen?
Experten bezweifeln das. Unternehmen haben in den vergangenen Monaten in großem Stil Investitionen zurückgestellt. Aber nicht, weil Kredite zu teuer wären, sondern weil die Konjunkturaussichten zu unsicher sind. Ein Viertelprozentpunkt weniger Zinsen ändert daran wenig. Dasselbe gilt für die Konsum- und Sparneigung: Spareinlagen bringen wegen der niedrigen Zinsen schon seit einiger Zeit in den allermeisten Fällen reale Kapitalverluste. Ein weiterer Viertelprozentpunkt Zinsverlust dürfte in der aktuellen Situation nicht reichen, um Sparer dazu zu bewegen, ihre Konten zu plündern und die Wirtschaft mit zusätzlichen Konsumausgaben anzukurbeln. Analysten meinen daher auch, die Zinssenkung sei symbolisch zu sehen und diene dazu, die Entschlossenheit der EZB im Kampf gegen die Krise zu unterstreichen.
3 Wie wird sich die Zinssenkung auf Kreditnehmer auswirken?
Vorerst kaum. Der Zinssatz der meisten Kredite (besonders jener an Private) ist nicht an den EZB-Leitzins gekoppelt, sondern enthält Zinsgleitklauseln, die sich häufig auf den Interbankenzinssatz Euribor beziehen. Der sinkt seit Monaten konstant. Weil die Zinsanpassung häufig zu Quartalsende stattfindet, werden die meisten bestehenden Kredite wohl erst im September angepasst.
4 Was haben Besitzer von Spareinlagen zu erwarten?
Die reale Entwertung der Spareinlagen wird fortschreiten, etwas Entspannung bringt die rückläufige Inflationsrate. Selbst wenn man die (niedrige) offizielle Inflationsrate als Maßstab nimmt, müssten Spareinlagen mit deutlich mehr als drei Prozent verzinst sein, um das Kapital zu erhalten. Das ist in den meisten Fällen illusorisch. Allgemein wird erwartet, dass die Zinsen in nächster Zeit weiter abgesenkt werden. Festlegen will sich noch niemand: Die Bank Austria will ihre Sparzinsen zumindest noch „bis Ende des Monats“ halten, die Erste Bank „beobachtet“ den Markt vorerst einmal. Die Raiffeisen Landesbank NÖ-Wien hat ihre Sparzinsen schon Anfang Juli, im Vorfeld der erwarteten EZB-Zinssenkung, um bis zu einem Viertelprozentpunkt abgesenkt.
5 Machen die historisch niedrigen Zinsen jetzt Aktien attraktiv?
Normalerweise begrüßt die Börse Zinssenkungen mit Kurssprüngen nach oben. Gestern sackten allerdings die europäischen Aktienindizes nach Bekanntwerden der EZB-Zinssenkung deutlich ab. Offenbar hatten die Börsianer mehr erwartet. Im Vorfeld hatte es ja auch Mutmaßungen gegeben, die Euro-Notenbank werde noch einmal die „dicke Bertha“ auffahren und zum dritten Mal mehrere hundert Mrd. Euro als Liquiditätsspritze ins Bankensystem einschießen. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Erwartungsgemäß brachte die Zinssenkung den Euro unter Druck: Der gab in den Stunden nach Bekanntwerden der EZB-Maßnahme um mehr als 1,2 Prozent nach.
6 Wie sollen Anleger generell auf die Zinssenkung reagieren?
Die Situation begünstigt größere Anschaffungen auf Kredit. Wer die historisch niedrigen Zinsen für eine günstige längerfristige Haus- oder Wohnungsfinanzierung nützen will, sollte bei der Bemessung seines finanziellen Spielraums freilich bedenken, dass es mittelfristig eigentlich nur noch Spielraum nach oben gibt. Wer bei historisch niedrigen Zinsen mit der Kreditbelastung an seine Leistungsgrenze geht, der legt damit den Grundstein für größere finanzielle Probleme in den kommenden Jahren.
Sparer, die Risiko scheuen, werden um Spareinlagen weiter nicht herumkommen. Sie sollten aber darauf achten, dass die Nettoverzinsung (Zinsen minus Kapitalertragsteuer) zumindest in die Nähe der Inflationsrate kommt. Der Kampf um Spareinlagen ist unter den Instituten groß, Sparbuchzinsen sind bei Einlagen, die ein paar tausend Euro übersteigen, Verhandlungssache. Dieser Spielraum sollte genutzt werden.
7 Ist bei den Leitzinsen nun der Boden erreicht?
Keineswegs. In anderen großen Wirtschaftsräumen, etwa den USA, liegen die Leitzinsen bei null Prozent oder knapp darüber. Die EZB hat mit ihrer „Zinswaffe“ also noch ein wenig Spielraum, wenn auch nicht viel. Falls die Krise weiter eskaliert und sich die Konjunkturbefürchtungen bestätigen, ist eine neuerliche Senkung des EZB-Leitzinssatzes um 0,25 Punkte auf 0,5 Prozent in den nächsten Monaten nicht ausgeschlossen. Einige Analysten hatten einen derartigen Schritt schon für diese Woche erwartet. International zeigt die Zinskurve ebenfalls nach unten. Gestern hat auch China seinen Leitzinssatz um 0,25 Prozentpunkte gesenkt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2012)
Zitate: Ist die Lage so schlimm wie 2008?
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