Wien. Ein Indikator für eine Änderung der Bedeutung von Handlungen ist die Reaktion der Politik. Als Österreich im Jänner von Standard & Poor's herabgestuft worden war, folgte ein Aufschrei quer durch alle politischen Lager. Als Moody's gestern, Freitag, Italiens Bonität um zwei Stufen senkte und nur noch knapp über „Junk“ einschätzte, blieb es bemerkenswert still. Italiens Industrieministerium äußerte vorsichtige Kritik. Premier Mario Monti hingegen nahm die schlechtere Bewertung der Bonität zunächst schweigend zur Kenntnis.
In der Tat sorgt eine Herabstufung eines Eurolandes schon längst nicht mehr für großen Schrecken. Nur wenige Stunden nach der schlechteren Einschätzung durch Moody's platzierte Italien problemlos dreijährige Staatsanleihen im Volumen von 5,25 Mrd. Euro am Markt. Die Investoren verlangten für die Papiere eine durchschnittliche Rendite von 4,65 Prozent. Mitte Juni musste das Land den Kapitalgebern für dreijährige Papiere noch 5,30 Prozent bieten.
Moody's geht mit Italien hart ins Gericht
Und das, obwohl Moody's in seinem aktuellen Bericht zu Italien kaum ein gutes Haar an dem hoch verschuldeten Land lässt. Das Risiko eines „starken Anstiegs der Finanzierungskosten“ sei hoch, befindet die US-Agentur. Auch auf die Möglichkeit, dass Italien schon bald „keinen Zugang mehr zum Markt“ haben werde, wird in dem fünf Seiten langen Bericht explizit hingewiesen. Das räumte zuletzt selbst Monti ein. Er könne nicht mehr ausschließen, dass sein Land unter den EU-Rettungsschirm schlüpfen müsse. Bis vor Kurzem dementierte der Premier entsprechende Gerüchte heftigst, wie auch der Disput mit Österreichs Finanzministerin Maria Fekter vor wenigen Wochen zeigte.
Die Verschuldung Italiens lag 2011 bei 120 Prozent der Wirtschaftsleistung. Moody's erwartet für heuer einen Rückgang des BIP um zwei Prozent, die Verschuldung wird laut Internationalem Währungsfonds (IWF) auf 126 Prozent ansteigen. Bis Ende 2013 muss die drittgrößte Volkswirtschaft der Eurozone 415 Mrd. Euro an auslaufenden Staatsanleihen refinanzieren. Selbst wenn alle Strukturreformen umgesetzt werden, rechnet der IWF für 2017 immer noch mit einem Schuldenberg von 119 Prozent des BIP.
Wie kommt es also, dass die Herabstufung Italiens durch Moody's, verbunden mit den keineswegs rosigen Aussichten, die Investoren nahezu kaltlässt? „Die Leute glauben nicht mehr an die Ratingagenturen“, findet David Jacob gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg deutliche Worte. Jacob arbeitete bis Ende 2011 für Standard & Poor's (S&P) als Chef für die Beurteilung von Derivaten. Nun sagt er: „Kleininvestoren hören vielleicht noch auf die Agenturen, institutionelle Anleger schon längst nicht mehr.“
Immer öfters geben die Bewerter der Bonität den Takt nicht mehr vor. Ihre Einstufungen spiegeln lediglich ohnehin bereits bekannte Faktoren wider. In der Fachsprache heißt das: Die Investoren haben Herauf- oder Herabstufungen schon längst „eingepreist“. Sie geben den Ton an und die Agenturen laufen zumindest zeitlich hinterher.
Das zeigt sich auch an den Herabstufungen Österreichs und der USA. Bevor S&P der weltgrößten Volkswirtschaft im August 2011 die Bestnote Triple A entzog, verlangten die Käufer von zehnjährigen Staatsanleihen eine Rendite von drei Prozent. Seitdem ging der Risikoaufschlag permanent zurück. Zuletzt waren 1,5 Prozent fällig. Das Vertrauen in die Zahlungsfähigkeit der USA ist seit der Herabstufung deutlich gestiegen. Gleiches gilt für Österreich. Zu Jahresbeginn musste die Alpenrepublik für zehnjährige Papiere 3,4 Prozent bieten. Dann senkte S&P den Daumen und entzog Österreich das Triple A. Und heute muss das Land nur noch 1,99 Prozent bezahlen – weniger als je zuvor.
Von einem freien Markt ist keine Rede
Die drei größten Agenturen S&P, Moody's und Fitch berufen sich darauf, dass sie die Zukunft nicht vorhersagen wollen, sondern bloß die Realität abbilden. Die Investoren würden den Einschätzungen nach wie vor große Bedeutung beimessen.
Tatsächlich ist unklar, wie sich die Renditen von Staatsanleihen entwickelt hätten, wenn die Notenbanken nicht heftig am Markt intervenierten und der Preis zur Gänze von Angebot und Nachfrage bestimmt würde. Die EZB kaufte Staatsanleihen von Krisenländern um 215 Mrd. Euro. Die US-Notenbank Fed hält Treasury Bonds im Wert von 1,5 Billionen Dollar. Zusätzlich versorgte die EZB Geschäftsbanken mit billigen Krediten von einer Billion Euro und die Regulatoren akzeptieren Staatsanleihen eher als Sicherheit als Firmenanleihen mit bester Bonität.
Diese Punkte erhöhen die Inflationsgefahr und die Risiken für die Steuerzahler, die den Notenbanken Geld zuschießen müssen. Aber: Die Interventionen dürften die Renditen für Staatsanleihen – zumindest vorübergehend – gesenkt und so die Herabstufungen der Agenturen konterkariert haben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2012)
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