Berlin/Paris/Ag./Red. Der Mann, der am Dienstag zum Nachfolger des überraschend zurückgetretenen Opel-Chefs Karl-Friedrich Stracke gekürt wird, braucht mehr als einen Airbag. Der schwer angeschlagene Autobauer – heuer droht Opel der sechste Milliardenverlust in Folge – braucht einen radikalen Kurswechsel, um überleben zu können. Interimschef Stephen Girsky, dem weniger Chancen als Strategiechef Thomas Sedran eingeräumt werden, hat es in einem Mail an die 21.000 Mitarbeiter auf den Punkt gebracht: „Unsere erfolgreiche Revitalisierung erfordert von uns allen die Bereitschaft, das Geschäft anders zu machen als bisher und dabei schnell zu handeln.“
Arbeitnehmer und Experten befürchten nun eine vom Mutterkonzern General Motors (GM) verordnete Rosskur für die Rüsselsheimer Traditionsmarke. Die Schließung des Bochumer Stammwerks mit 3600 Beschäftigten Ende 2016 gilt als beschlossene Sache, schreibt die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Das Werk in Eisenach mit 1700 Mitarbeitern steht ebenfalls auf der Kippe.
Aber auch wenn noch eine weitere der sechs europäischen Fabriken zugesperrt wird – was den Sturm der auf Jobgarantien bis 2016 pochenden IG Metall noch verstärken würde: Experten zweifeln, ob das Opel retten kann. Denn die GM-Tochter ist nicht das einzige Sorgenkind der Automobilindustrie. Während die Branche in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 mit Abwrackprämien und anderen Zuckerln unterstützt worden ist, wird sie jetzt von der Eurokrise kalt erwischt. Dabei geht es vor allem um den Massenmarkt – Klein- und Mittelklassewagen stehen zu Tausenden auf Halde. Das trifft auch Peugeot, Fiat und die spanische VW-Tochter Seat.
Staatshilfe in Frankreich
Vor allem die Absatzmärkte in Ost- und Südeuropa sind stark eingebrochen. Zwischen Jänner und Mai sanken die Neuzulassungen in Griechenland um 41, in Portugal um 43, in Italien um 19 und in Frankreich um 17 Prozent, geht aus Zahlen des Automarktexperten bei Deutsche Bank Research, Eric Heymann, hervor. „Wer global nicht breit aufgestellt ist, für den wird die Luft dünn“, meint Heymann.
Eine Kooperation mit dem französischen Autoriesen PSA Peugeot Citroën (an dem GM sieben Prozent hält), wie sie der Opel-Betriebsrat fordert, ist daher keine gute Idee. Peugeot hat am Donnerstag den Abbau von 8000 Jobs bekannt gegeben. Ähnlich wie bei Opel drohen auch bei Peugeot Werksschließungen. Peugeot-Boss Philippe Varin dürfte sich bei der Durchsetzung des Sparkurses aber schwertun. Denn im Gegensatz zu Deutschland erhalten die mächtigen französischen Gewerkschaften Rückendeckung von Präsident François Hollande: Er hat den Autobauern staatliche Hilfe zugesichert. Den Plan Peugeots bezeichnete Hollande als „inakzeptabel“. Der Autobauer müsse den Sanierungsplan neu verhandeln, um die sozialen Folgen zu minimieren.
VW braucht Geduld
Bei Seat lautet die Gretchenfrage hingegen: Wie lange reicht die Geduld von Volkswagen noch? Während die Mutter vom starken Geschäft in Deutschland und in China profitiert, sackten die Auslieferungen von Seat im ersten Halbjahr um 12,4 Prozent ab. Im Konzern setzt man alles auf die neuen Modelle Ibiza und Leon.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2012)

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