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Spanien: Demonstrationen gegen Sparmaßnahmen

19.07.2012 | 08:31 |   (DiePresse.com)

Der Aufruf zu landesweiten Protesten kommt von den beiden großen Gewerkschaften. Die Demonstrationen richten sich auch gegen die Einführung einer höheren Mehrwertsteuer.

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Pensionisten, Ärzte, Verwaltungsangestellte, Lehrer, Feuerwehrleute, Studenten. Zigtausende Spanier sämtlicher Berufsstände und sozialer Schichten haben am Donnerstagabend im Zentrum der spanischen Hauptstadt Madrid gegen das erst am Nachmittag im Parlament verabschiedete Sparpaket der Regierung protestiert. Es handelte sich um die erste Großdemonstration gegen das umstrittene Paket, das Ministerpräsident Mariano Rajoy bereits am vergangenen Freitag per Dekret verabschieden ließ.

Seitdem kam es fast täglich zu kleineren Protesten von Angestellten im öffentlichen Dienst. Am Donnerstagabend jedoch folgten landesweit nach ersten Angaben spanischer Medien Hunderttausende in über 80 Städten dem Aufruf der beiden großen Gewerkschaftsverbände UGT und CCOO, gegen die "sozial ungerechten Maßnahmen" zu protestieren. "Ich habe mit diesen Massen gerechnet. Immerhin betreffen die Sparmaßnahmen, aber auch die Steuererhöhungen die gesamte Gesellschaft", sagt Jaime Gonzalez, Feuerwehrmann in Madrid, der APA am Rande des Protestmarsches. "Die Regierung soll mir einmal erklären, wie ich ans Monatsende kommen soll, wenn alles teurer wird und man mir von meinem geringen Gehalt von 1.500 Euro im Monat auch noch das Weihnachtsgeld kürzt", empört sich der zweifache Familienvater. Er hält ein Plakat mit der Aufschrift "Das ist keine Krise, das ist ein Betrug" in die Höhe.

"Demokratischer Betrug"

So versteht auch UGT-Gewerkschaftsführer Candido Mendez die aktuellen Sparmaßnahmen gegen die Krise. Er spricht von einem "demokratischen Betrug", weil die Bürger die neue Regierung im November für ein Programm gewählt haben, das heute nichts mehr mit dem zu tun habe, was die Regierung beschließe. Gegenüber Medienvertretern erklärte Mendez zu Beginn der Großkundgebung in Madrid, dass die landesweiten Demonstrationen für die Gewerkschaften ein Barometer seien, um zu entscheiden, eventuell erneut zu einem landesweiten Generalstreik aufzurufen. Es wäre der zweite gegen die Regierung von Ministerpräsident Rajoy, der erst seit Mitte Dezember im Amt ist.

Erst am Donnerstagvormittag hatte Rajoys konservative Volkspartei (PP) mit ihrer absoluten Mehrheit im Parlament die Sparmaßnahmen und Steuererhöhungen verabschiedet, mit denen Rajoy in den kommenden zwei Jahren im Kampf gegen die ausufernde Staatsverschuldung ankämpfen will. Durch die Erhöhung der Mehrwertsteuer, Kürzungen des Arbeitslosengeldes, der Abschaffung des Weihnachtsgeldes für Angestellte im öffentlichen Dienst und anderen Maßnahmen möchte die Regierung 65 Mrd. Euro einsparen. "Mit diesem Plan wird die Regierung jedoch nicht Spanien retten, sondern eine Massenverarmung der Mittelschicht erreichen", kritisierte zu Beginn der Großkundgebung in Madrid auch Ignacio Fernandez Toxo, Vorsitzender des spanischen Gewerkschaftsbundes CCOO.

Viele Prominente bei Demonstration

Dass vor allem die vor den Wahlen von Rajoy immer wieder strikt abgelehnte Anhebung der Mehrwertsteuer das Gemüt aller Bevölkerungsschichten und Berufssparten aufwühlt, zeigte beispielsweise die Teilnahme vieler Persönlichkeiten aus dem Schauspiel- und Musikgewerbe an der Massenkundgebung. Kinobetreiber, Konzertveranstalter wie Künstler fürchten den massiven Rückgang der Zuschauer wegen der bevorstehenden Erhöhung der Eintrittspreise. Die Regierung hat innerhalb der neuen Sparmaßnahmen beschlossen, die Mehrwertsteuer für Eintrittskarten in Kinos, Festivals, Theatern und Konzertsälen von acht auf 21 Prozent anzuheben. "Das wird den Ruin für unsere Branche bedeuten", erklärte die spanische Schauspielerin Pilar Bardem am Rande der Kundgebung. Ihr Sohn, Oscar-Preisträger Javier Bardem, machte ebenfalls seine Kritik gegenüber spanischen Medien auf der Demo bekannt. "Ich protestiere gegen die Ungerechtigkeit, dass der Finanzsektor vor seiner Verantwortung fliehen darf und Pensionisten, Arbeitslose und die normalen Bürger jetzt alles ausbaden sollen", begründete der Schauspieler mit Blick auf die jüngste Bankenrettung durch die EU mit einem Hilfspaket von 100 Mrd. Euro seine Teilnahme an der Demo.

Das neue Sparpaket der spanischen Regierung ist bereits das vierte, das Rajoy innerhalb eines halben Jahres verabschiedet hat. Zuvor nahm er eine harte Arbeitsmarktreform vor, um Entlassungen zu vereinfachen und kürzte zehn Mrd. Euro im staatlichen Gesundheits-und Bildungsbereich. "Ich weiß, dass diese Maßnahmen nicht angenehm sind, aber sie sind unverzichtbar", erklärte er bereits am Vormittag. Unterdessen verteidigte Finanzminister Cristobal Montoro im Parlament die harten Sparmaßnahmen mit der Begründung, es gebe in der Staatskasse kein Geld mehr, um bestimmte Dienstleistungen zu bezahlen.

(APA/AFP)

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8 Kommentare

Man (?) will den Euro retten.

Wie Juncker sagte "wenn nötig mit aller Gewalt".
Mutiges Volk!

Gast: 1. Parteiloser
19.07.2012 08:47
0 0

Eine Demonstration für den Bankrott?

Es werden nur die 2 Möglichkeiten bleiben!

Entweder die Staatsausgaben runter (Steuern rauf?) oder der Staatsbankrott mit allen dazugehörigen Konsequenzen.

Wo die Leistung (=das Geld) herkommen soll um die Wüsche (=Forderungen) der Gewerkschaften zu erfüllen, das blieb noch immer das Geheimnis der deppaten Gewerkschafter. Gilt weltweit!

Re: Eine Demonstration für den Bankrott?

Auch hier muss man fairerweise anfügen, dass es tatsächlich etwas schwer einzusehen ist, warum die MWSt. erhöht wird und die Arbeitslose gekürzt, wenn im Gegenzug der exakt selbe Betrag in einen Wirtschaftssektor gepumpt wird, der seine Überlebensunfähigkeit bereits unter Beweis gestellt hat.

Würden Sie persönlich gern höhere Steuern zahlen um das Geld an eine Bank zu verschieben, die damit nachweislich nicht umgehen kann?

Antworten Antworten Gast: 1. Parteiloser
19.07.2012 09:53
0 0

Re: Re: Eine Demonstration für den Bankrott?

Das Bankenproblem in Spanien kann man aber auch ganz anders sehen.

Die Banken haben ja Probleme weil die Bürger sich die Rückzahlungen "ersparen". Weil die Spanier sich diese Rückzahlung ersparen, so müssen die Europäischen Mitmenschen mit 100 Mrd. den Fehlbetrag kompensieren.

Wenn Sie das so sehen, dann hat das gar nichts mit einem Verschieben von Spanischen Steuergeldern zu den Banken zu tun.

Re: Re: Re: Eine Demonstration für den Bankrott?

Natürlich kann man´s so sehen. Wäre aber nicht richtig;-)
Ernsthaft: Eine Bank, deren *einzige* Aufgabe im Kreditgeschäft es ist, ihr Risiko zu streuen und zu minimieren und ihren Profit zwischen 0,75% Leitzins und 6%+ Kreditzins zu finden, muss unfähig sein, wenn sie nichtmal das schafft.
Risikostreuung schafft jeder Privatanleger, der sich eine halbe Stunde lang eingelesen hat.

In einer freien Marktwirtschaft ist Pleite nunmal Pleite. Staatlicher Eingriff ist hier wie man sieht der Anfang vom Ende.

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: 1. Parteiloser
19.07.2012 11:16
0 0

Pleite gibt es bei Politikern nicht, es gibt nur "die Anderen sind Schuld!"

Zum Profit
Es stimmt natürlich nicht ganz, dass die gesamte Refinanzierung auf Basis von 0,75% erfolgt, die Zinsen für Sparguthaben liegen doch erheblich darüber, besonders bei längeren Bindungen. Die 6% Kreditzins stimmen so auch nicht, wenigstens nicht in Österreich. Es sind Finanzierung durchaus um 3% zu bekommen. Die Spanne ist also doch etwas kleiner, wird aber durch erhebliche Gebühren und Provisionen noch verbessert.

Auch die Spanne ist nicht der Profit, das ist erst mal der Deckungsbeitrag. Um den Profit zu erhalten müssen dann die Kosten noch abgezogen werden. Ich würde meinen, dass die Bankenlandschaft in Europa ein gewaltiges Kostenproblem hat.

Die Risikostreuung von Banken liegt auch nur zum Teil in der Verantwortung der Banken, weil der Gesetzgeber eine Menge an Vorschriften gemacht hat. Staatsanleihen werden ja gar nicht als Risiko erkannt, auch Immobilien wurden kaum erkannt.

Die Banken in Spanien sind ja doch so etwas wie Staatsbanken, also ähnlich dem Ö Genossenschaftswahnsinn. Es ging für die Banken also darum die gewünschten Kredite zu vergeben, so wie von der Politik gewünscht. Auch mit Freddie Mac und Fannie May in den USA war es etwa so. Daher haben auch beide Länder das Immoproblem bekommen.

Irgendwie gibt keine freie Marktwirtschaft, nicht einmal in den USA (GM Hilfen!). Die Politiker verhindern die Heilung!

Re: Pleite gibt es bei Politikern nicht, es gibt nur "die Anderen sind Schuld!"

Was die Zinssätze betrifft widerspreche ich. Natürlich sind Spareinlagen höher verzinst. Überziehungsrahmen aber auch. Wie auch immer, ich bin der Meinung, dass die Zinsdifferenzen kein Loch von 60Mrd. alleine in Spanien entstehen lassen dürfen, wenn Banken wüssten, was sie tun.
Das gilt auch für gesetzliche Vorschriften. Keine Bank wird gezwungen, sich jenseits jeder Risikoabwägung mit Anleihen einzelner Staaten einzudecken.

Ihre Überschrift, und Ihre letzten beiden Absätze unterstreiche ich doppelt und dreifach. In Wirtschaftsdingen ist die Politik definitiv das Problem, für dessen Lösung sie sich selbst hält.

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: 1. Parteiloser
19.07.2012 12:27
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Re: Re: Pleite gibt es bei Politikern nicht, es gibt nur "die Anderen sind Schuld!"

Die parteibonzenkontrollierten Spanischen Banken durften das Risiko bei den Immos gar nicht sehen. Daher sind die Banken auch in die Immofalle geraten, weil die Immos plötzlich weniger als die Hälfte Wert waren, leider aber mit 80 -100% bewertet waren.

Um solche Marktverwerfungen auch abfedern zu können müsste es wesentlich höhere Eigenkapitalanforderungen geben. Ich würde bei Unternehmen 30% als die unterste Grenze sehen, bei Immos eher ein max. Kreditvolumen von 50% des Zeitwertes ansetzen.

Würden diese Kriterien umgesetzt werden, dann wären in Ö sofort 2/3 der Unternehmen nicht mehr Kreditwürdig. Die Bautätigkeit der Privaten müsste wegen Finanzierungsproblemen sofort zur Ruhe kommen.

Bei den Staatsanleihen der Eurozone würde ich mittelfristig ein Ausfallsrisiko von 100% sehen, also müssten die Banken dieses Risiko auch mit bis zu 100% Eigenkapital unterlegen müssen. Die Eurostaaten würden dann im Kollektiv Zahlungsunfähig werden. Dann ist auch nichts gewonnen, oder?

Ich will damit sagen, dass die Verflechtungen sehr umfangreich sind und vor allem auf politisches Versagen zurückzuführen sind. Den schwarzen Peter nur bei den Banken zu suchen kann auch nicht korrekt sein.

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