Es gibt sie. Die Nächte, in denen Georgina Gross auf dem Rücken im Bett liegt und vor lauter Sorgen nicht mehr schlafen kann. „Wie wird sich das alles ausgehen?“, fragt sie sich dann. „Was ist, wenn die Wirtschaft in Europa weiter einknickt, die Werbeetats weiter sinken? Was, wenn nicht genügend Firmen von ihrer Geschäftsidee überzeugt sind?“ „Dann liege ich da und mache mir Plan B, C, D, E, F, G“, sagt Gross, groß gewachsen, mit brünetten Haaren und einem freundlichen Lachen. Das helfe dann irgendwann.
Die 35-jährige Georgina Gross hat sich im März dieses Jahres mit ihrer Werbefirma „Still and Moving Images“ selbstständig gemacht. Gross ist damit eine von rund 35.150Österreichern, die im Vorjahr diesen Schritt gewagt haben. Und damit im Moment sogar ziemlich viel Mut beweisen. Denn es gibt wahrlich bessere Momente, als sich in Zeiten, in denen das Wort „Krise“ die politische und wirtschaftliche Diskussion dominiert, selbstständig zu machen.
„Ich habe deswegen auch lange überlegt, die Firma zu gründen“ sagt Gross. Denn eigentlich hätte sie die berufliche Selbstständigkeit in ihrem Leben gar nicht angestrebt. „Aber es hat sich dann so ergeben, weil ich andere Vorstellungen als meine alte Firma hatte, wie es in dem Business in Zukunft weitergeht.“ Gross war jahrelang in einer Agentur für Fotografen angestellt. Mit ihrer Kollegin (einer Kamerafrau) hat sie sich jetzt auf einen neuen Trend in der Fotobranche spezialisiert: Sie bietet die Produktion von Werbefilmen von „Directing Photographers“, also Fotografen, die auch Filme drehen können, an. „Fotografen haben ja ein ganz anderes Auge für die Bildästhetik“, sagt Gross.
Ich bin mein Chef. Selbst Verantwortung zu tragen, die eigene Zeit flexibler gestalten zu können, der eigene Chef zu sein – das sind die drei wichtigsten Gründe, warum sich junge Menschen laut einer Wirtschaftskammer-Studie selbstständig machen. Für Gärtner Stefan Brunnauer war es auch die Perspektive, die ihn zu diesem Schritt gedrängt hat. „Für mich hat es in meiner vorherigen Firma einfach nicht mehr genug Aufstiegsmöglichkeiten gegeben“, sagt der 26-Jährige, der Anfang des Jahres sein eigenes Garten- und Landschaftsbauunternehmen eröffnet hat. Der Schritt aus dem sicheren Job in die unsichere Firmengründung ist ihm daher nicht schwergefallen.
Ein paar Wochen hat er überlegt, dann im November 2011 die Konsequenzen gezogen. Zu einer Zeit, als die Ratingagentur Moody's gerade die Herabstufung Österreichs überprüfte, Angela Merkel die Tugenden der schwäbischen Hausfrau in Europa propagierte und Ex-EU-Kommissar Mario Monti die richtigen Leute suchte, um Italien aus der Krise zu führen. „Natürlich habe ich das alles mitbekommen“, sagt Brunnauer. „Aber für mich war das einfach der richtige Zeitpunkt. In fünf Jahren hätte es auch nicht besser ausgesehen“, meint er.
Schwierigkeiten, um an Geld zu kommen. Tatsächlich können wirtschaftlich unsichere Zeiten durchaus Chancen für junge Unternehmer bieten. „Zurzeit ist alles im Wandel. Die großen Firmen müssen genauso kämpfen wie die kleinen. Kleine Firmen können aber oft schneller und zeitgemäßer auf Veränderungen auf dem Markt reagieren“, sagt etwa Markus Roth, Vorsitzender der Jungen Wirtschaft, wenn man ihn fragt, ob derzeit eine gute Zeit für Gründer sei. Trotzdem schätzt er das Umfeld als eher durchwachsen ein. Auch wenn er die Entscheidung der Regierung begrüßt, insgesamt 87,5 Millionen Euro an Förderung für Jungunternehmer in den nächsten sechs Jahren zur Verfügung zu stellen („Die Presse“ berichtete). „In einigen Bereichen geht es jetzt sicher gut voran.“
Für Unternehmensgründer sei es trotzdem noch schwierig, privat an Geld zu kommen: Banken würden nur mehr selten Kredite für den Unternehmensstart hergeben, und das Angebot an privatem Beteiligungskapital sei in Österreich von jeher nicht besonders stark ausgeprägt. Roth hofft jetzt, dass mit dem neuen „Business-Angel-Fonds“ der Regierung dieser Bereich wachsen wird. „Viele bereits aktive Business Angels haben sich deswegen schon bei uns gemeldet. Jetzt müssen halt noch neue dazukommen.“
Ein Grund, warum sich Österreicher gegen eine Firmengründung entscheiden, könnte auch das hohe Risiko sein, mit dem das Gründen im Vergleich zu anderen Ländern von jeher verbunden ist: Fast 80 Prozent aller Neuunternehmen in Österreich sind nämlich offene Gesellschaften. Sie sind im Gegensatz zur GmbH (für die man ein Einstiegskapital von 35.000 Euro benötigt) zwar leicht zu gründen– dafür haften die Unternehmer mit ihrem gesamten Privatvermögen, falls der Geschäftsplan nicht aufgehen sollte. „Wenn also jemand fällt, dann fällt er gleich tief“, sagt Roth. Das sind eher schlechte Aussichten in einem Land wie Österreich, wo Scheitern per se als Weltuntergang betrachtet wird. Ganz anders als in den USA, wo der fünfte Konkurs fast schon zum guten Ton gehört. „Da wird man als Unternehmer erst ernst genommen“, sagt Roth.
Wenig über das Scheitern nachgedacht hat die 27-jährige Katharina Norden, als sie mit einer Kollegin das Financial-Literacy-Unternehmen „Three Coins“ gegründet hat. Mit ihrem derzeitigen Produkt – einem Facebook-Spiel – wollen die beiden Schülern den Umgang mit Geld beibringen. Wie das Spiel Geld bringen soll, weiß Norden zwar schon ungefähr, aber noch nicht ganz genau. „Normalerweise funktionieren solche Spiele, indem sich die Spieler regelmäßig kleine Werkzeuge und Statussymbole für ihre Charaktere kaufen“, erklärt Norden.
Angst zu enttäuschen. Bei einem Spiel, das Sparen und gemäßigten Konsum lehren soll, ist das keine Option, weswegen sie selbst beim Geldverdienen eher auf Product Placement setzen möchte. Trotzdem hat ihre Idee bereits Anhänger im Bankensektor gefunden. Für Norden ist das irgendwie auch logisch. „Banken wollen zwar, dass sich ihre Kunden verschulden, aber nicht zu viel, weil sie ja als Kunden sonst wegfallen“, sagt sie.
Zusätzlich haben sie und ihre Kollegin bei einem Wettbewerb Fördergeld von mehreren tausend Euro gewonnen, wodurch zumindest die Entwicklung des Spiels erst einmal gesichert ist.
Ironischerweise ist es aber genau dieser Gewinn, der sie – wenn überhaupt – im Moment ein bisschen belastet. „Es gibt so viele Leute, die an uns glauben, Freunde, Bekannte, Familie – ich will sie nicht enttäuschen“, sagt Norden.
Bloß nicht alle Jobs annehmen. Dieses Gefühl kennt auch Georgina Gross, wenn sie es auch die meiste Zeit verdrängt. „Ich bin wirklich davon überzeugt, dass unsere Idee Erfolg haben wird“, sagt sie. Nur manchmal sei es halt schwierig, weil „wir von vorn anfangen und die Leute von etwas überzeugen müssen, was noch nicht jeder kennt“. Erfolg hat sie trotzdem schon: Das Modelabel Gucci war einer ihrer ersten Kunden, weitere – die sie noch nicht nennen kann – kommen aus Österreich, Deutschland und Italien.
Trotz Eurokrise und des damit verbundenen Einbruchs des Werbemarkts nimmt sie aber nicht jeden Auftrag an, hat sogar schon einige abgelehnt. „Ich glaube, es ist völlig falsch, alles anzunehmen, nur weil es jetzt wirtschaftlich schwierig ist“, erklärt Gross. Lieber möchten sie und ihre Kollegin ein neues Qualitätsverständnis in der Werbung schaffen. „Und das geht halt einfach nicht, wenn das Budget im Verhältnis zum Projekt, das umgesetzt werden muss, zu klein ist.“
Die Krise sieht sie daher irgendwie auch positiv: „Wir sagen immer, wenn wir es jetzt schaffen, dann schaffen wir es immer.“ Gelegentliche Tiefs nimmt sie deswegen gern in Kauf. Außerdem sei noch aus jeder schlaflosen Nacht eine Idee entstanden – die sich am nächsten Tag positiv auf das Geschäft ausgewirkt hätte.
Im Jahr 2011 wurden 35.111 Unternehmen gegründet. Das waren um 2014 Gründungen weniger als im Jahr davor. 2009 konnte Österreich allerdings nur 32.172 Neuunternehmungen verzeichnen.
Mehr als ein Drittel (38,7 Prozent) aller neuen Unternehmen sind dabei in der Sparte Gewerbe und Handwerk angesiedelt. Auf Platz zwei steht die Sparte Handel (24 Prozent).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2012)

AAA bis RamschSo kreditwürdig sind EU-Länder und USA