Lissabon/Wien/Bloomberg/Jil. Paolo Oliviera und seine Frau haben sogar ihre Eheringe verkauft. Das war, nachdem er seinen Job am Bau vergangenen Monat verloren hatte. Die Eheringe waren alles, was vom Schmuck des Paares noch übrig war. „Wir haben kein Gold mehr, wir können nicht mehr verhindern, am Ende des Monats aus der Wohnung zu fliegen“, sagt der 46-Jährige. „Jeder, den ich kenne, hat Probleme. Inzwischen sind sogar die Goldgeschäfte leer, weil niemand mehr Gold zum Verkauf übrig hat.“
Was Paolo Oliviera beschreibt, kann man auch in anderen Krisenländern Europas beobachten. Familien verkaufen ihr Gold, weil sie dringend Geld brauchen – bis das Gold ausgeht und die Aufkäufer weiterziehen.
In Portugal sind die kleinen Goldankäufer im vergangenen Jahr geradezu aus dem Boden geschossen. Ein Plus von 29 Prozent gegenüber 2010. „Das Geschäft war zuerst großartig und hat sich binnen weniger Monate zu einer Katastrophe entwickelt“, so Luis Almeida, dessen Familie seit 40 Jahren ein Goldgeschäft in Lissabon betreibt. „Die traurige Wahrheit ist, dass die meisten meiner Kunden bereits alle Ringe verkauft haben.“ Jetzt mache er mit dem Polieren von Schuhen vielleicht 15 Euro pro Tag, sagt Almeida.
Zentralbank hält an Gold fest
Einzig der Staat Portugal hält noch an seinen Goldreserven fest. Das traditionell goldaffine Land hat vor allem in den 36 Jahren der Herrschaft des Diktators Antonio de Oliveira Salazar Gold angehäuft. Die offiziellen Goldreserven Portugals belaufen sich auf rund 380 Tonnen. In den 1970er-Jahren hatte man zwar noch 800 Tonnen, aber relativ zur Größe des Landes hält Portugal immer noch das meiste Gold im Euroraum. Zur Schuldentilgung durch Gold reicht der Goldpreis aber noch nicht – und außerdem verbietet ein Gesetz den Verkauf des Goldes.
Vielleicht tut Portugal auch gut daran, seine Goldreserven nicht anzufassen. Zentralbanken halten nicht nur 16 Prozent der weltweiten Goldreserven, sie machen inzwischen auch 16 Prozent der Nachfrage aus. So verdoppelten sich die Zentralbankkäufe im zweiten Quartal 2012 auf fast 160 Tonnen. Dieser Trend wird wohl anhalten, ist er doch erst wenige Jahre alt. Zuvor haben die Zentralbanken eher Gold verkauft als Gold gekauft. Die Garantie der europäischen Zentralbanken Ende der 1990er-Jahre, nur noch eine kleine Menge an Gold zu verkaufen, gilt sogar als eine der Grundlagen für den seitdem anhaltenden Bullenmarkt beim Gold.
Während die Portugiesen Gold verkaufen, um an Geld zu kommen, greifen die Deutschen zu, um ihr Geld vor Inflation zu schützen. Die Nachfrage nach Gold in Form von Barren oder Münzen stieg im zweiten Quartal um 51 Prozent auf 34,2 Tonnen. Das ist fast die Hälfte allen Goldes, das in diesem Zeitraum in Europa verkauft wurde. Der hohe Preis wirkt nicht abschreckend. Die Deutschen investierten 1,43 Milliarden Euro in den Ankauf von Goldmünzen und Goldbarren – das bedeutet einen Anstieg von ganzen 62 Prozent gegenüber dem zweiten Quartal des Vorjahres.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2012)

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