Eurokrise: Der Geheimplan der EZB

Die Europäische Zentralbank diskutiert über einen neuen Befreiungsschlag, um den Euro zu retten. Derzeit holt die EZB Meinungen von Notenbanken ein. Ökonomen warnen jedoch vor unkontrollierbaren Inflationsrisken.

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(c) AP (Michael Probst)

Wien/HÖLL. Die nächste Ratssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) am 6. September könnte eine der wichtigsten seit Bestehen der Eurozone werden. Bei dem Treffen wollen die Chefs der europäischen Notenbanken über einen ultimativen Befreiungsschlag für die Eurozone diskutieren. Denn die Situation in Griechenland und in anderen südosteuropäischen Ländern lässt einen „heißen Herbst“ befürchten.

Derzeit holt die EZB Meinungen von verschiedenen Notenbanken ein, wie ein Auseinanderbrechen der Währungsunion verhindert werden kann. Als bevorzugte Variante steht der Ankauf von Staatsanleihen mit geheimen Zinsobergrenzen im Raum.

Das Experiment in der Schweiz

Bei diesem Modell dient die Schweizer Nationalbank als Vorbild. Das Institut hat die Notenpresse angeworfen, um das von ihr festgelegte Kursziel von 1,20 Franken pro Euro zu verteidigen. Diese Maßnahme führte dazu, dass die Devisenreserven der Schweizer Nationalbank im Juli auf einen Rekordstand von umgerechnet 406,5 Mrd. Franken (338,4 Mrd. Euro) gestiegen sind. Die Schweiz gehört damit zu jenen Ländern, die über die größten Devisenreserven der Welt verfügen. Die Eidgenossen gehen damit ein erhebliches Risiko ein. Zerbricht die Eurozone, muss die Notenbank in Zürich die Devisenreserven abwerten. Auch wenn die Notenpresse in Gang gesetzt wurde, gibt es in der Schweiz bislang keine überhöhte Inflationsrate. Das könnte sich aber ändern, warnen Experten.

Auch in der EZB gibt es Stimmen, im großen Stil die Notenpresse anzuwerfen, um Anleihen angeschlagener Länder wie Italien und Spanien aufzukaufen. Denn private Investoren machen um die Papiere einen Bogen. Sie fürchten ein ähnliches Schicksal wie in Griechenland, wo im Frühjahr ein Schuldenschnitt angeordnet wurde. Banken und Fondsgesellschaften, die griechische Anleihen hielten, verloren mehr als 70 Prozent.

Damit Italien und Spanien trotzdem zu Geld kommen, soll die EZB einspringen. Sie prüft dem Vernehmen nach, eine Zinsobergrenze oder eine Bandbreite für Anleihen dieser Länder festzulegen. Laut einem Bericht der „Welt“ soll diese Grenze aber nicht veröffentlicht werden. Sobald die Zinsen über diese Marke klettern, werden Anleihen gekauft, egal, wie viel das kostet. Manche Notenbanker hoffen, dass schon die Ankündigung eines solchen Programms die Spekulation gegen den Euro beenden könnte. Doch das ist unwahrscheinlich. Denn auch die Schweizer Nationalbank musste viel Geld in die Hand nehmen, um den Frankenkurs zu verteidigen.

Sollte die neue Variante für den Ankauf von Staatsanleihen tatsächlich umgesetzt werden, wären die Folgen verheerend.

Zinsmanipulation durch EZB?

Denn de facto handelt es sich dabei um eine Manipulation der Anleihenzinsen durch die Währungshüter. Zudem könnte nach Ansicht von Ökonomen mittelfristig eine Geldentwertung drohen.

Christian Helmenstein, Chefökonom der Industriellenvereinigung, warnt indes vor einer Bildung von Blasen. Nach dem Rückzug aus Italien und Spanien sehen sich private Investoren nach anderen Möglichkeiten um. Dies könnte beispielsweise dazu führen, dass zu viel Geld in Immobilien oder in Rohstoffe fließt.

Auch die US-Notenbank Fed will der lahmen US-Wirtschaft „ziemlich bald“ mit einer weiteren Geldspritze auf die Sprünge helfen, so ein am Mittwoch veröffentlichtes Fed-Protokoll.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.08.2012)

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