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Wieser: "Inflation kann nicht die Lösung sein"

29.08.2012 | 19:33 |  von Nikolaus Jilich (Die Presse)

Es werde bis zu 20 Jahre dauern, bis die Schulden in Europa auf das Niveau von 2007 gedrückt werden können, sagt der österreichische EU-Spitzenbeamte Thomas Wieser.

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Die Presse: Herr Wieser, wie kommt Europa aus den Schulden?

Thomas Wieser: Die Industriestaaten haben versucht, die negativen Konsequenzen der Globalisierung mit Schulden zuzudecken. In manchen Staaten mit privaten Schulden, wie den USA, Holland oder England. In anderen durch Staatsschulden. Die Schulden sind seit der Krise massiv angestiegen - es wird wohl 15 bis 20 Jahre dauern, bis der Schuldenstand wieder auf Vorkrisenniveau gedrückt werden kann.

Heißt das, die staatlichen Krisenprogramme waren kontraproduktiv?

Der wesentliche Schuldenanstieg kam aufgrund der einbrechenden Konjunktur. In manchen Ländern auch aufgrund von Bankenhilfen. Die Konjunkturprogramme hatten einen geringeren Anteil. Die Hälfte dieser Programme war tatsächlich weitgehend unwirksam. Die andere Hälfte hat gut funktioniert. Es stellt sich immer die Frage, ob die Stimuli auch die richtigen Sektoren zum richtigen Zeitpunkt treffen. Und ob sie rechtzeitig zurückgefahren werden.

Wie könnte denn nun der konkrete Weg in Richtung weniger Schulden aussehen?

Wir brauchen deutliche Einsparungsprogramme, die in gewissen Budgetüberschüssen resultieren müssen. Da ist dann die Sorge: „Um Gottes willen, wir würgen die Konjunktur ab und schaden uns!" Aber lineare Steuererhöhungen, um das Defizit zu bekämpfen, sind keine gute Strategie. In jedem Fall brauchen wir viel massivere Defizitreduktionsmaßnahmen, als es derzeit der Fall ist. Bisher passiert das meiste zu Lasten von wachstumsrelevanten Kategorien.

Wie definieren Sie „wachstumsrelevante" Kategorien?

Ausgaben für Pensionen, Frühpensionen und Ausgaben für staatliche Bedienstete haben mit Wachstumseffekten nichts zu tun, sind aber sehr groß. Das ist das zentrale Drama des griechischen Budgets gewesen. In demselben Umfang wie die Griechen hat das zwar kein anderes Land betrieben, aber viele Industriestaaten sind auf einem artverwandten Weg gewesen. Zunahmen bei Beamten, staatlichen Pensionen und Frühpensionen schwächen das Wachstum. Sektoren wie Bildung und Forschung haben einen geringeren Anteil an den staatlichen Ausgaben. Aber eine vernünftige Bildungspolitik bringt in zehn Jahren Wachstum. Man muss intelligent sparen und nicht mit dem Rasenmäher drüberfahren. Das ist die große Herausforderung für Europa.

Braucht die EU dafür Eingreifmöglichkeiten in die nationalen Budgets?

Ja, wenn wir stabil wachsen wollen, brauchen wir eine starke gemeinsame Aufsicht über die Fiskalpolitik. Das bezieht sich im Wesentlichen auf das Niveau der Defizite und der Verschuldung. Ob jetzt ein Mitgliedstaat viel oder weniger Geld für Bildung ausgibt, ob er es effizient oder ineffizient ausgibt, das wird in der Verantwortung der Nationalstaaten bleiben.

Kommen wir zu Griechenland. Greifen dort die Reformen?

Ich war erst kürzlich zweimal dort. Die Anstrengungen der Regierung sind bemerkenswert, und die Reformen haben auch zu ganz massiven Verhaltensänderungen geführt. Man bekommt jetzt für jede Transaktion tatsächlich eine Rechnung. Das ist ein Schwenk hin zu höherer Effizienz in der Steuereintreibung. Aber das griechische BIP wird heuer um 6,5 Prozent sinken. Das Land hat seit der Krise bis zu einem Viertel seiner Wertschöpfung verloren. Die Arbeitslosigkeit ist immer noch sehr hoch, deswegen sieht es von außen so aus, als würde das Land auf der Stelle treten.

Und wie stehen die nördlichen Länder wie Deutschland oder Österreich da?

Keines der nördlichen Länder ist in einer Situation, in der es sagen kann: „Ich habe alle Reformen getätigt und muss deswegen nichts mehr tun."

Welche Rolle kann die EZB spielen? Kann man die Schulden durch Inflation abtragen, wie es sich manche Politiker wünschen?

Die Europäische Zentralbank wird sich an ihr Mandat halten und eine mittlere Inflationsrate von knapp unter zwei Prozent anpeilen. Inflation kann nicht die Lösung sein. Die Hoffnung, dass sich die Schuldenprobleme durch Inflation in Luft auflösen werden, halte ich für illusorisch.

Wie steht Europa im Vergleich zu den Vereinigten Staaten da?

Die USA stehen vor mindestens genauso gewaltigen Herausforderungen wie Europa, da muss man sich nur die Struktur von Demografie und Arbeitsmarkt anschauen. Aber derzeit haben die Investoren noch Vertrauen in Amerika. Dazu kommt, dass der Dollar die internationale Reservewährung ist, was große Vorteile bringt.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30. August 2012)

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10 Kommentare
Gast: FH
30.08.2012 17:33
0 0

Wird nicht so laufen

Ist doch nur lächerlich, das ganze.
Soll Griechenland nun eine Musterstaat werden, der gar besser als D oder Ö ist?
Werden denn in diesen Ländern Strukturreformen gemacht?
Pensions- Bematensysteme, usw.
Gar nichts. Einige Milimeter, bestenfalls werden bei uns verschoben.
Die Politiker, die daher solches von GR fordern "einen funktionierneden Staat" sind doch weitgehnd denk-unfähig. Wenn GR die Bezüge soeit abnsenken müsste, wie notwendig, droht doch Bürgerkrieg. Das geht doch gesetlich nie durch. Also sollen die EU- Nachbarn weiter zahlen.

Globalisierung für Wenige

Zitat:"Die Industriestaaten haben versucht, die negativen Konsequenzen der Globalisierung mit Schulden zuzudecken"

Jetzt dürfen wir alle dafür zahlen, dass eine Minderheit von der Globalisierung überproportional profitierte.

Wir kommen der Sache näher ..... 20 Jahre!!! .... und wahrscheinlich mehr!

Ich meine, dass die Schulden auch noch weiter steigen werden, weil die Verantwortlichen nicht bereit sind, bankrotte Staaten in den Konkurs zu schicken - und das Weiterwurschteln kostet ebenfalls.

Warum Staatspleiten besser wären, aber bewusst verhindert werden, und damit die Wähler beschummelt werden ... das alles analysiert RAINER SOMMER in seinem Kommentar vom 30.08.2012 für die EU-INFOTHEK unter http://www.eu-infothek.com/article/griechenland-warum-keine-staatspleite-ohne-eurozonenaustritt !

Der Kommentar von Rainer Sommer bietet wertvolle Links zu Originalquellen an:

Reinhart/Rogoff (This Time is Different: A Panoramic View of Eight Centuries of Financial Crises)

Anders Aslund (Why a collapse of the Eurozone must be avoided ) und

Karl Betz (Staatsschuldenkrise: Griechenland und die Eurokrise)

Anschauen!

Und doch arbeiten alle auf Inflation hin. Große Worte, zählen aber werden die Taten.

Wie kommt eigentlich der Draghi dazu in Deutschland für Geldmengenausweitungen zu sprechen?
Wie kommt eigentlich der Monti dazu den Deutschen hohe Inflation anzukündigen, sollten sie der Schuldenunion nicht zustimmen?

Das sind abgekartete Strategien der Tauben und Inflationspolitiker. Aufwachen wäre angesagt.

Antworten Gast: Bärenfalle...
30.08.2012 06:53
3 0

Re: Und doch arbeiten alle auf Inflation hin. Große Worte, zählen aber werden die Taten.

Weil sie eben keine richtige Inflation zusammenbringen.

Da kann die Tränke noch so voll sein (mit billigem Geld) ... wenn die Pferde nicht saufen wollen....

Notenbanken können entgegen landläufiger Meinung nur Inflation mit hohen Zinsen bekämpfen ... sie aber nicht kreieren.

Die steigenden Preise allerorten sind nicht Folge des Gelddruckens sondern Folge von Marktverknappungen, die Vorboten des peak-everythings.

Darum geht denen "Oben" auch so die Muffe.


Gast: System.fehler
29.08.2012 19:59
5 4

Der Wurm drin

Geldschöpfung in öffentliche Hand!

Die Wurzel der aktuellen Banken- und Staatsschuldenkrise liegt im Geldsystem. Es erzeugt überschießend Kredit und fördert damit Spekulationsblasen ebenso wie Inflation und die Überschuldung vieler Beteiligter, nicht zuletzt die des Staates und der Banken selbst. Finanz- und Realwirtschaft können nur funktionieren auf der Grundlage einer stabilen und gerechten Geldordnung. Deshalb :

1. die Wiederherstellung des staatlichen Vorrechts der Geldschöpfung in der Verantwortung der unabhängigen Zentralbank

2. die Beendigung jeglicher Bankengeldschöpfung

3. die schuldenfreie Inumlaufbringung neu
geschöpften Geldes durch öffentliche Ausgaben.

4 0

Re: Der Wurm drin

Normale Kreditgeschäfte sind nicht schädlich. Schädlich sind nur diese Spekulationsgeschäfte.

Banken schöpfen kein Geld, so ein Unfug. Die jeweilige Nationalbank steuert die umlaufende Geldmenge. Wenn normale Banken Geld schöpfen könnten, dann bräuchten sie ja ihrerseits nie Gelder woanders aufnehmen, denken Sie das doch einmal durch.

Der Geldzuwachs in Zahlen durch Anlagenverzinsung wird längst durch schleichende Inflation abgefangen. Es wird also auch das Geld nicht mehr durch Anlagenverzinsung. Lediglich die Beträge werden dadurch höher, aber der Wert bleibt gleich.

Wenn die Nationalbank mehr Geld in Umlauf bringt dann gibt es eine zusätzliche Inflation, das hat aber mit dem normalen Bankgeschäft mit Darlehen und Guthaben nichts zu tun.

1 0

wo wird real investiert?

KMU bekommen nur Kredite von den Banken, diese Kreditvergabe wird nicht über das investierte Geld der Sparer finanziert. Das Geld der Sparer wird angeblich nicht in Privat- und KMU-Kredite investiert, allerdings frage ich mich wo überhaupt in der Realwirtschaft das alles investiert wird? Chinaboom ist wächst auch nicht mehr so schnell, nicht realwirtschaftlich sind Termingeschäfte auf steigende Kurse wettend mit Rohstoffen im Moment sicher lukrativ, aber wo real wird noch viel investiert?

Antworten Antworten Gast: Hans im Glück
30.08.2012 08:06
5 0

Re: Re: Der Wurm drin

Die Banken schöpfen natürlich ihr eigenes geld.

Sie vergeben Kredite und dadurch erhöhen sie die Geldmenge.

Die Geldmenge die durch die Banken geschöpft wird ist ein Vielfaches von dem was die Nationalbank schöpft.

Sonst hätten wir nicht so einen geringen Mindestreservesatz.

0 2

...

ja also die chance solange ohne krise zu wirtschaften ist gleich null, oder minus null?

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