Wien/Auer. Im ersten Halbjahr lief alles vergleichsweise gut. Deutschlands Exportindustrie trotzte dem Abwärtstrend in Europa, die Steuereinnahmen sprudelten kräftig. Ab Herbst dürfte aber auch Europas größter Volkswirtschaft ein Abstecher ins Konjunkturtal nicht erspart bleiben, schreibt die OECD in ihrem aktuellen Wirtschaftsausblick. Sie prognostiziert Deutschland in der zweiten Jahreshälfte eine kleine Rezession von 0,5 Prozent im dritten und 0,8 Prozent im vierten Quartal.
Tatsächlich macht sich die Schwäche vieler Handelspartner in der Eurozone auch in Deutschland bemerkbar. Die deutschen Exporte in die Mittelmeerländer gingen merklich zurück. Die Stimmung unter den Unternehmern hat sich deutlich abgekühlt, bei Investitionen stehen sie auf der Bremse.
Schon gibt es Warnungen, dass der Rest der Eurozone von einem Abtauchen der Deutschen in die Rezession noch weiter nach unten gerissen würde. Natürlich hätte eine Flaute in Deutschland, allein aufgrund der Größe der Volkswirtschaft, ganz andere Auswirkungen auf die Weltwirtschaft als eine weitere Rezession in Griechenland. Aber säuft Europas Konjunkturmotor wirklich ab?
„Eurozone ist das größte Risiko“
Der Abwärtstrend ist unübersehbar. Dennoch widersprechen etliche deutsche Ökonomen der Prognose der Organisation für Zusammenarbeit und Entwicklung. Das Münchener IFO-Institut sieht etwa „keine Gefahr einer Rezession“ für das Land. Die schwächere Nachfrage aus den Eurostaaten könnten die Unternehmen mit ihrem stabilen Export in die Schwellenländer ausgleichen.
Die deutschen Maschinenbauer wittern unterdessen Morgenluft. Der Auftragseingang der Industrie im Juli war deutlich höher als zunächst angenommen. Die Branche peilt für heuer nun statt einer Stagnation ein Produktionsplus von zwei Prozent an. Für zwei Drittel der deutschen Nachfrage ist ohnedies der private Konsum entscheidend. Im ersten Halbjahr gaben die Deutschen im Vergleich mit dem Vorjahr um 0,3 Prozent mehr aus. Und auch wenn sich die Stimmung auf dem Arbeitsmarkt mittlerweile eintrübt, sind immer noch eine halbe Million mehr Deutsche beschäftigt als vor einem Jahr. „Das deutsche Geschäftsmodell funktioniert“, sagt Michael Hüther, Chef des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft. Selbst wenn es im zweiten Halbjahr nach unten gehen sollte, sei dem Land im Gesamtjahr ein Plus von einem knappen Prozent sicher.
Bei der OECD klingt das weitaus dramatischer: Die Weltwirtschaft verliere an Fahrt, da wichtige Länder in Europa in eine Rezession rutschen. Die Eurozone bleibe „das größte Risiko für die Weltwirtschaft“, sagte OECD-Chefökonom Pier Carlo Padoan bei der Präsentation des Berichts. Schon im zweiten Quartal rutschte die Eurozone in eine Rezession ab, weil die Konsumausgaben am Kontinent deutlich gesunken sind. Für Italien rechnet die OECD mittlerweile mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 2,4 Prozent. Bei der letzten Prognose im Frühjahr erwartete sie noch ein Minus von nur 0,7 Prozent. Frankreichs Wirtschaft dürfte stagnieren.
Draghi kauft Anleihen ohne Limit
Düstere Aussichten also für die Eurozone. Gerade die richtige Kulisse für eine politische Botschaft der Organisation der Industrienationen. Und die lautete am Donnerstag unverändert: Ja, zu Staatsanleihekäufen durch die Europäische Zentralbank. Dieses Konzept, das die amerikanische Federal Reserve schon lange praktiziert, war in Europa bisher umstritten. Vor allem Deutschland legte sich bisher quer, weil Berlin fürchtet, dadurch eine Inflationsspirale auszulösen.
EZB-Präsident Mario Draghi machte der OECD jedoch den Gefallen und holte zur „Rettungsaktion“ aus. Er versprach, unter bestimmten Bedingungen wieder Anleihen von Europas Krisenländern aufzukaufen. Ein Limit nannte er nicht mehr (siehe Seite 19).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2012)


AAA bis RamschSo kreditwürdig sind EU-Länder und USA