Inflation als Preis für Eurorettung

Die Europäische Zentralbank hat die Weichen zum "Weginflationieren" der Staatsschulden gestellt, die "Deutsche Bank" hält hohe Teuerungsraten für "unvermeidlich".

Inflation Preis fuer Eurorettung
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Inflation Preis fuer Eurorettung
(c) AP (Michael Probst)

Frankfurt/Wien/Red/Ag. Was Notenbanker noch strikt bestreiten, ist für Experten aus der „Praxis“ sonnenklar: Die Regierungen der Eurozone haben sich entschlossen, die Staatsschulden per Inflation zu beseitigen. Und die EZB hat mit ihrem Beschluss, unbegrenzt Staatsanleihen der Krisenländer zu kaufen und damit die Notenpresse anzuwerfen, die Tür dazu endgültig aufgemacht. Damit droht eine Art partielle Enteignung der Sparer durch „finanzielle Repression“, die, betrachtet man die bereits negative Realverzinsung von Spareinlagen, bereits begonnen hat.

Am Wochenende hat eine Reihe von deutschen Experten die Meinung vertreten, dass hohe Inflation in Europa angesichts des eingeschlagenen Wegs unvermeidlich sei. Die gewichtigste dieser Stimmen: Der neue Chef der Deutschen Bank, Anshu Jain, sagte der „Welt am Sonntag“, hohe Inflation sei „der Preis, den wir für die Eurorettung zahlen müssen“. Jains Vorstandskollege Jürgen Fitschen meinte, an hoher Teuerung führe kein Weg vorbei. Es sei aber „essenziell, dass der Euro gerettet wird“.

Gleichzeitig haben fünf prominente deutsche Vermögensverwalter im „Handelsblatt“ die Ansicht vertreten, dass eine Eurorettung ohne höhere Inflation nicht funktionieren werde. Der Ex-Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, sagte, die aktuellen Preissteigerungen bei Immobilien und Gold seien „Vorläufer der Konsumenteninflation“. Es gebe keine Anzeichen dafür, dass die Zentralbanken Geldverknappung zulassen würden. Damit sei höhere Inflation unvermeidlich. Wenngleich es vor dem eigentlichen Anziehen der Teuerung noch eine kurze deflationäre Phase geben könnte.

 

„Finanzielle Repression“ gestartet

Allerdings hat die „finanzielle Repression“ längst begonnen: Die Zinsen wurden von den Notenbanken auf ein historisches Tief gedrückt, während die Inflation in Europa schon jetzt ein für Krisenzeiten beträchtliches Niveau erreicht hat. Zuletzt ist die Teuerung in der Eurozone im August wieder deutlich über den von der EZB festgelegten Zielwert von zwei Prozent gestiegen, auch in Österreich liegt die Teuerung darüber. Die registrierten 2,6 Prozent sind ein enormer Wert, wenn man berücksichtigt, dass die Wirtschaft in der Eurozone derzeit de facto stagniert und eine Lohn-Preis-Spirale bei den hohen Arbeitslosenraten nur schwer in Gang zu bringen ist.

Viele Experten meinen freilich, dass die offiziellen Inflationsraten manipuliert und damit viel zu niedrig sind. Durch kreative Warenkorbgestaltung und hedonische Berechnungsweisen (dabei werden Produktverbesserungen als preismindernd gewertet) gäben die offiziellen Werte ein verfälschtes Bild wieder.

Dass das nicht von der Hand zu weisen ist, zeigen von der Statistik Austria erhobene Teilindizes wie der „Wocheneinkauf“, die die typischen Wochenausgaben (Lebensmittel, Treibstoff, Freizeitausgaben etc.) enthalten. Hier ist die Teuerung viel höher als im Verbraucherpreisindex. Im August lag die Teuerungsrate im Wocheneinkauf bei 4,1 Prozent. Setzt man diesen Wert als realistisch für Durchschnittsfamilie an, dann wären Sparer bei den aktuellen Sparzinsen einer „finanziellen Repression“ von zwei bis drei Prozent ausgesetzt.

Das klingt harmlos, ist es aber nicht: Ein Guthaben, das einer dreiprozentigen Entwertung unterliegt, macht aus tausend Euro in fünf Jahren kaufkraftmäßig 862 und in zehn Jahren 744 Euro. Zieht die Inflation an und steigt dieser Wert auf beispielsweise sechs Prozent, dann würde die Kaufkraft eines Tausenders in fünf Jahren auf 747 und in zehn Jahren auf 558 Euro sinken.

Die beiden Chefs der Deutschen Bank sagten dazu, sie hätten „große Sympathie für Kritiker der Rettungspolitik“, deren Konsequenz hohe Inflation sein werde. Das sei aber „der Preis, den Europa zahlen muss“, weshalb die Entscheidung für die Anleihenkäufe der EZB auch richtig gewesen sei.

 

Staatsschulden werden entwertet

Inflation entwertet nicht nur Sparguthaben, sondern auch Schulden, insofern würde Teuerung die Staatsschulden also teilweise „weginflationieren“. Wie berichtet, hat die europäische Zentralbank vor Kurzem (gegen die Stimme der stabilitätsorientierten Deutschen Bundesbank) beschlossen, Euro-Krisenländern durch unbegrenzte Käufe von Staatsanleihen unter die Arme zu greifen. Das soll die Zinslast für diese Länder drücken. Die Käufe sind zwar an Bedingungen geknüpft, de facto werden damit aber Anleihenkäufe mithilfe der „Notenpresse“ finanziert. Eigentlich ist das der EZB verboten.

Auf einen Blick

Der Preis für die Eurorettung ist hohe Inflation in den kommenden Jahren, meinen die neuen Chefs der Deutschen Bank. Auch andere deutsche Finanzexperten erklärten am Wochenende, dass die Eurorettung ohne „Weginflationieren“ der Staatsschulden nicht funktionieren werde. Die Bankmanager stehen damit im Gegensatz zu den europäischen Notenbankern, die sagen, dass die geplante Geldschwemme keine negativen Auswirkungen auf die Teuerung haben wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2012)

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