Im globalen Meer der Ungewissheiten einen sicheren Hafen zu finden, ist plötzlich für jedermann schwer. Selbst Reiche würden weinen, heißt es seit der Wirtschaftskrise. In Russland hieß es das freilich schon in den turbulenten 1990er-Jahren – in einer gleichnamigen TV-Soap, die sich das ganze Volk reinzog, um vom postsowjetischen Niedergang abzulenken.
Seit der Krise leiden die reichen Russen abermals auf ihre Art. So neulich die Gattin des Vizechefs eines Staatskonzerns. Ja, sie kaufe das Luxusinterieur für ihr Moskauer Penthouse, erklärte sie kurz entschlossen einem westlichen Spezialeinrichter. Was sie aber mehr beschäftige, sei ein anderes Problem: „Stellen Sie sich vor, in Italien darf man neulich nicht mehr bar zahlen, wenn die Rechnung 1000 Euro übersteigt“, empörte sie sich. „Wie soll ich da einkaufen? Was geht da in Europa vor sich?“
Die Vorgänge im schuldengebeutelten Europa erschüttern nicht nur die EU-Bürger. Sie irritieren auch in Russland, das sich den Europäern bei aller Ferne doch so nah wähnt. Über Jahrhunderte war Europa jener Kontinent, den man im Land an der Wolga für seine Fortschritte bewunderte oder an dem man sich als Vergleichspunkt rieb. In jedem Fall hatte man ein klares Bild, was Stabilität und Qualitäten in Europa betraf. Wer nach dem Zerfall der Sowjetunion emigrieren wollte, wählte vorwiegend Europa.
Wer seit dem Wirtschaftsboom ab 2000 ordentlich einkaufen und mit oftmals schwarzem Geld eben bar bezahlen wollte, ebenso. Wer sein Geld in Sicherheit bringen wollte, ohnehin. Und selbst wer zu Hause blieb, renovierte seine Wohnung nach den neuen Standards, die man unter der vielsagenden Wortkreation „Euro-Remont“ zusammenfasste.
Krise in Europa schadet Putin. Angesichts der Schuldenkrise ist Europas Image in den Augen der Russen zwar nicht unbedingt zerbröckelt. Aber es steht da wie dort als Kristallisationspunkt der eigenen Wünsche infrage.
Das hat vielschichtige Auswirkungen. Zum Beispiel auf die Politik. Wie Lev Gudkov, Chef des Meinungsforschungsinstituts Levada, darlegt, sei nicht zuletzt die Krise in Europa ein Mitgrund für die Massenproteste gegen Wladimir Putin. Als nämlich im Herbst 2011 klar gewesen sei, dass Putin eine dritte Amtszeit als Kremlchef anhängen werde, hätten ganze 22 Prozent der Bevölkerung über eine Emigration nachzudenken begonnen. „Eine sensationelle Zahl“, erklärt Lev Gudkov. „Und dann haben die Leute registriert, dass Europa auch nicht dehnbar wie ein Gummi ist und dort eine Krise herrscht. Verständlich, dass nicht alle ausgewandert sind und der Unmut sich in einen Protest verwandelt hat.“
Gewiss, die Rückwendung von Europa auf Russland sei eine temporäre, stellt Gudkovs Vize Alexej Graschdankin klar: „Man hat die Pläne nur aufgeschoben, denn selbst ein Europa in der Krise ist nicht vergleichbar mit dem Dämpfer, den die Rückkehr Putins bedeutet.“
Auch das russische Business ist von den Verhältnissen zu Hause nicht sehr überzeugt. Zwar haben sich die Großkonzerne wieder mit Putin arrangiert. Aber die vorausgehenden Risse im Establishment haben angedeutet, dass man mit dem dirigistischen Wirtschaftskurs längst nicht mehr einverstanden ist. Nicht zufällig hat die Kapitalflucht 2011 mit 84 Mrd. Dollar wieder ein Ausmaß erreicht, das an das Rekordjahr 2008 heranreicht. Und auch für 2012 sind 65 Mrd. Dollar prognostiziert.
Aber auch wenn sich russische Firmen im einheimischen Geschäftsklima nicht übermäßig wohlfühlen oder viele wie der Milliardär Alexandr Lebedev aus Angst vor den Behörden ihr ganzes Imperium verkaufen wollen: Bei Zukäufen in Europa halten sie sich dennoch im Unterschied zu früher zurück. Dies trotz der Tatsache, dass Aktiva in Europa heute weitaus billiger sind und Länder wie China oder der Gasstaat Katar eifrig akquirieren. Gewiss, viele Russen hatten sich nach ihrer aggressiven Expansion vor 2008, die in Europa Panik hervorgerufen hatte, in der Krise auch verbrannt.
So auch der einst reichste Russe Oleg Deripaska, der seine auf Pump finanzierten Beteiligungen beim austro-kanadischen Magna-Konzern Frank Stronachs abstoßen musste bzw. beim Baukonzern Strabag nur durch das Wohlwollen der Eigentümer nicht rausgeflogen ist. Auch die gehäuften Zukäufe der russischen Stahlproduzenten in Italien und in den USA waren nicht von Erfolg gekrönt gewesen.
Weniger Akquisitionen in Europa. Wie die „Mergermarket Group“ errechnete, ist der Wert der russischen Auslandsinvestitionen 2011 um 19 Prozent gesunken, während der Wert der ausländischen Zukäufe in Russland – dank drei Großdeals – um 116 Prozent auf 21,2Mrd. Euro gestiegen ist. Unter den Ländern, in denen die Russen zukauften, stechen die USA (IT-Unternehmen), aber auch Brasilien (Öl), Australien, die Türkei oder Nachbarn wie die Ukraine hervor. In der EU bemerkenswert war lediglich der Kauf einiger Raffinerien in Deutschland und der Osteuropa-Holding der österreichischen Volksbanken durch die russische Staatsbank Sberbank.
Die Expansionsmode vor der Krise sei vielfach dadurch bedingt gewesen, dass Aktiva gekauft wurden, die russischen Unternehmen für einen vollständigen Produktionszyklus fehlten, meint Roman Königberg, Vizepräsident des russischen Wirtschaftsprüfers FBK, im Gespräch: „Damals war das auch von der Politik forciert. Heute besteht keine solche Strategie.“
China als Handelspartner erwünscht. Das schafft Desorientierung oder befördert diffuse Überlegungen über Neuorientierungen. Russlands Hauptpartner müsse China werden, forderte Deripaska, der nach dem Misserfolg in Europa und nach der Rettung durch den russischen Staat seinen weltweit größten Aluminiumkonzern Rusal in Hongkong an die Börse brachte, auf dem Wirtschaftsforum im Juni in St. Petersburg.
Dort war dieses Jahr die Delegation aus China die größte. Auch weil China seit dem Vorjahr 10,3 Prozent des russischen Außenhandels deckt und damit Deutschland als Russlands größten Außenhandelspartner leicht überrundet hat, überkommt manchen Funktionär in Moskau die Euphorie. Allein, Experten mahnen zum realistischen Blick, vereint doch die EU nach wie vor 49,6 Prozent des russischen Außenhandels auf sich. Und China will für russisches Gas und Öl weitaus weniger zahlen als die Europäer und betrachtet Russland nicht als gleichwertigen Partner.
Es ist in vielem auch der Mangel an Alternativen, der Russland veranlasst, Europa letztlich doch die Stange zu halten. So werde Russland den hohen Anteil an Euro in seinen internationalen Währungsreserven, die sich auf 514Mrd. Dollar belaufen, nicht verringern, erklärte Putin im Sommer: „40Prozent unserer Reserven halten wir in Euro“, sagte er. „Wir ändern nichts, wir glauben an die fundamentalen Möglichkeiten der europäischen Wirtschaft.“
Zugegeben, private Investoren sind im Vergleich dazu bei ihren Geldentscheidungen deutlich vorsichtiger. Und wenn sie ihr Geld nicht über Fonds oder Asset Manager, sondern in Eigenregie investieren, dann sind „europäische Titel für russische Investoren heute einfach uninteressant“, erklärt Franz Hep, Vizechef für strukturierte Finanzprodukte bei der russischen Investmentbank Troika Dialog: „Zu groß ist die Angst vor der Eurokrise. Derzeit werden nur etwa zehn Prozent des Investment-Portfolios in ausländische Titel investiert.“ Die Beliebtheit russischer Titel erkläre sich mit dem besseren Verständnis des eigenen Marktes, sagt Hep.
Russen suchen in Europa Immobilien. Nur bei Immobilien versteht der Russe Europa weiterhin ganz gut. Ja, in der Krise hat er sogar noch stärker zugekauft, wie auch die umstrittenen Hotelkäufe durch russische Firmen in Tirol zuletzt zeigten. Zu den beliebten Luxushäusern vor allem in England, Frankreich und Deutschland kämen neulich Gewerbeimmobilien, auch wenn sie nur wenig Rendite abwerfen, erklärt Natalija Tischendorf, Chefin für Corporate Finance bei Jones Lang LaSalle: „Büros und Shoppingcenter werden interessant. Die Russen sehen es als Pensionsanlage und als Möglichkeit, ihr Risiko zu diversifizieren.“
Auch ihr persönliches, wohlgemerkt. Nicht zufällig sitzen in den teuren Londoner Wohnungen viele Russen, die Zuflucht vor den eigenen Behörden oder Geschäftsfeinden gesucht haben. Und die dort – im Unterschied zu Italien – ohne Beschränkungen auch Käufe für mehr als 1000 Euro in bar tätigen können.
Prozent
der Russen erwogen laut einer Studie im vergangenen Jahr die Emigration. Doch die Krise in Europa ließ viele von ihren Plänen Abstand nehmen.
Milliarden Dollar
wurden im vergangenen Jahr aus Russland abgezogen. Auch dieses Jahr ist die Kapitalflucht enorm. Immerhin 65 Mrd. sollen ins Ausland fließen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2012)
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