26.05.2013 11:29 Merkliste 0

EU: Tiefe Kluft bei Budgetstreit

14.11.2012 | 18:17 |  WOLFGANG BÖHM (Die Presse)

Die Diskussion um die Haushaltsplanung ist der bisherige Höhepunkt in der Auseinandersetzung zwischen EU-Ländern und Parlament. Auch im Krisenmanagement haben sich die Fronten erhärtet.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Brüssel. „Jedes Land hat eine Marotte“, sagt Daniel Cohn-Bendit und holt richtig aus, um seinem Ärger Luft zu machen. „Das gemeinsame Europa kann nicht die Summe aller nationalen Interessen sein, sondern es kann nur die Überwindung dieser Interessen bedeuten.“ Der grüne EU-Abgeordnete sieht sowohl den gemeinsamen Haushaltsrahmen für die Jahre 2014 bis 2020 als auch das Krisenmanagement durch überbordende nationale Interventionen gefährdet.

Er ist nicht der Einzige im Europaparlament. Der Streit um das künftige EU-Budget zeigt, wie tief die Kluft zwischen EU-Abgeordneten und den nationalen Regierungen bereits geworden ist. Die Parlamentarier der größten Fraktionen drängen auf ausreichende Ausgaben für gemeinsame Bildungsprogramme, für Forschung und Entwicklung und weitere Wachstumsimpulse. Die Regierungen, die sich mehrheitlich im Fiskalpakt zu einem eisernen Sparkurs verpflichtet haben, wollen den Gemeinschaftshaushalt hingegen so klein wie möglich halten. Nachdem sich der EU-Rat (Regierungsvertreter) mit dem EU-Parlament in der Nacht auf Mittwoch nicht einmal mehr über das Budget für 2013 einigen konnte, steuert der Konflikt auf einen Höhepunkt zu. Kommt es zu keiner raschen Einigung, müssen EU-Programme wie Erasmus zurückgefahren werden. „Die EU hat in Wahrheit kein Budget“, sagt ÖVP-Europaabgeordneter Othmar Karas im Gespräch mit österreichischen Journalisten. Er argumentiert, dass 94 Prozent der Mitgliedsbeiträge wieder an die Mitgliedstaaten zurückfließen. „Der Rest geht für Verwaltung und Übersetzungskosten auf.“ Weil für wichtige Entscheidungen Einstimmigkeit unter den 27 Regierungen notwendig ist, sei kaum noch eine vernünftige Politik möglich, kritisiert Karas. „Wir erleben deshalb eine Schieflage sowohl bei den Kompetenzen als auch beim Budget.“ Als Schuldige definieren die Abgeordneten ihre eigenen Regierungen. „Mit Vetodrohungen kommen wir nicht weiter.“

Auch im Krisenmanagement haben sich die Fronten zwischen dem EU-Parlament und den Regierungen verhärtet. Ein Hauptgrund dafür ist, dass die Euroländer dem Europaparlament bei den neuen Rettungskonstruktionen wie dem Fiskalpakt oder dem ESM keine Mitsprache oder Kontrollmöglichkeit eingeräumt haben. Weil der EU-Vertrag für solche Extremsituationen keine ausreichende Basis bietet, muss jede Entscheidung unter den Mitgliedstaaten einstimmig fallen. Cohn-Bendit fordert einen neuen Konvent, der ab 2014 eine Vertragsreform vorbereitet. „Der Nationalismus nimmt zu“, ist SPÖ-Europaabgeordneter Hannes Swoboda überzeugt. „Jede Regierung schaut nur noch darauf, was sie selbst herausbekommt, keine schaut darauf, was dem gemeinsamen Europa am besten hilft.“ Österreich sei da leider keine Ausnahme.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Mehr auf DiePresse.com

3 Kommentare

Ist das allen wirklich noch viel zu wenig?

www.youtube.com/watch?v=C0wFb2aL7U8

SPÖ+ÖVP+Grüne haben den ESM bei uns im Parlament beschlossen.

Re: Ist das allen wirklich noch viel zu wenig?

Danke für den Link. Irgend wann mal wird das schlagend. Da hängt man die aus Luft geschaffenen Kredite den BürgerInnen um und bereitet sich schon mal auf den Aufstand vor. Warum sonst möchte man für die Überwachung MILLIARDEN mehr an Budget haben? Bericht eines EU-Insiders und Whistleblowers : http://goo.gl/0wZSW

2 0

systembedingter streit

Ist es verwerflich, sich fùr die Belange des eigenen Landes einzusetzen, solange es Doppelgleisigkeiten und Sinnlosigkeiten in den EU Insitutionen gibt ?

Eurokrise - Die Begriffe

  • Was ist die Eurokrise? Ein Rückblick auf die Ursachen mehr...

    EFSF Der Rettungsschirm und wie er funktioniert mehr...

    Hebel für EFSF Wie man aus sehr viel Geld noch viel mehr Geld macht. mehr ...

    EFSM Der Mechanismus für Finanzstabilisierung und seine Aufgaben mehr...

    ESM Der Europäische Stabilitätsmechanismus soll 2013 den EFSF-Fonds ablösen. mehr ...

    Eurobonds Was gemeinsame EU-Anleihen bezwecken und wie sie funktionieren sollen. mehr ...

    EZB Die EZB ist Hüterin des Euro und soll eine geringe Inflation garantieren. Zumindest bis jetzt. mehr ...

    Waffen der EZB Was die "Bazooka" ist und welche anderen Waffen die Zentralbank hat. mehr ...

    IWF Der IWF ist die Finanzfeuerwehr der Vereinten Nationen und massiv an den Hilfsaktionen in Europa beteiligt. mehr ...

    Ratingagenturen Die wichtigsten Agenturen und deren Bewertungen. mehr ...

    SPIV Das Special Purpose Investment Vehicle soll die Finanzierung in Euroländern erleichtern. mehr ...

    Troika Die Troika ist eine Gruppe von Experten von EZB, IWF und EU-Kommission. mehr ...

    G20 Die 20 größten Wirtschaftsmächte repräsentieren zwei Drittel der Weltbevölkerung. mehr ...

    PSI Beim Private Sector Involvement geht es um die Beteiligung des Privatsektors an der Krisenlösung. mehr ...

    CDS Kreditausfallsversicherungen werden unter anderem dann fällig, wenn ein Land pleite ist. mehr ...

    Sekundärmarkt Der Sekundärmarkt ist der Markt, auf dem die bereits in Umlauf befindlichen Wertpapiere gehandelt werden. mehr ...

    OMT OMT ist die Abkürzung für Outright Monetary Transactions. Dahinter verbirgt sich das von der EZB am 6.September 2012 beschlossene neue Kaufprogramm von Staatsanleihen der Krisenländer. mehr ...