IWF: „Die Welt verliert zunehmend die Geduld mit Europa“

Der Exekutivdirektor des Internationalen Währungsfonds, Johann Prader, kritisiert nach den jüngsten Entscheidungen zu Griechenland, dass sich die Politik auf keine tragfähige Lösung einigen könne.

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Symbolbild – (c) AP (Markus Schreiber)

Wien. Der Internationale Währungsfonds (IWF) verliert langsam die Geduld mit der Lösungskompetenz der Eurogruppe: Die Freigabe der jüngsten Hilfstranche für Griechenland trage zwar zur momentanen Entspannung der Eurokrise bei, sei aber nur „ein weiterer Kompromiss“, der lediglich helfen werde, die nächste Zeit zu überstehen, sagte IWF-Exekutivdirektor Johann Prader im Gespräch mit der „Presse“. Eine Lösung sei das nicht.
Diese sei ohne „tragbare Schuldenlösung“ für Griechenland – auf die der IWF nach wie vor bestehe – gar nicht möglich, meinte Prader. Bedeutet „tragbare Schuldenlösung“ den Schuldenschnitt unter Beteiligung der staatlichen Gläubiger, gegen den sich etwa Deutschland und Österreich so wehren? Er wolle das Wort „Schuldenschnitt“ nicht in den Mund nehmen, sagt Prader. Faktum sei aber, dass der Währungsfonds und die Entscheidungsträger der Eurozone unterdessen recht unterschiedliche Ansichten über die Lösung der Krise hätten.

Das betreffe vor allem das Tempo der Krisenbewältigungsmaßnahmen in Europa. Da gebe es inner- und außerhalb des alten Kontinents sehr unterschiedliche Betrachtungsweisen: „Die Welt hat zunehmend Schwierigkeiten, die Geduld für die viel zu langsamen und zaghaften Sanierungsschritte aufzubringen“, meinte der IWF-Direktor. Wenngleich allen klar sei, woran das liege: Eine tragbare Lösung werde durch Hürden „nicht ökonomischer Art“ behindert, etwa „durch Wahlzyklen“. Womit Prader offenbar auf Marktvermutungen anspielt, ein Schuldenschnitt für Griechenland solle jedenfalls bis zu den deutschen Bundestagswahlen im kommenden Jahr verschleppt werden.

Er hoffe, dass es früher zu beherzteren Schritten komme, meinte der IWF-Direktor. Denn sonst könnte den Akteuren die Situation leicht entgleiten: Es gebe eine „Obsession der Märkte und Analysten für Griechenland“, die sich sehr schnell unangenehm auswirken könne, wenn die Sache zu lange verschleppt werde.

Flaute in Osteuropa wird länger dauern

Sorgen bereitet Prader auch die relativ scharfe Konjunkturabschwächung in Osteuropa: Da seien „Spillover-Effekte“ der Eurokrise am Werk, die Flaute im Osten werde also wohl noch einige Zeit anhalten. Denn selbst wenn die Eurozone zu den vom IWF verlangten tragbaren Lösungen kommt, werde die Eurokrise nicht so schnell von der Tagesordnung verschwinden, meint der Experte: „Krisen, die durch solche Finanzereignisse wie 2008 ausgelöst werden, dauern im Schnitt acht Jahre, in Japan hält sie schon seit 22 Jahren an“, meinte der IWF-Experte. Man könne nicht seriös sagen, wie lange die derzeitige Krise dauern werde, aber man sei höchstens in der Mitte angelangt.

Das wird auch Auswirkungen auf die österreichischen Banken haben, die in Osteuropa sehr stark engagiert sind. Allerdings, so Prader, hätten die österreichischen Institute ihr Osteuropa-Geschäft in den vergangenen Jahren wesentlich stabiler gemacht, sodass die Risken für die Banken jetzt zwar „unzweifelhaft gestiegen“, aber noch nicht besorgniserregend seien.

Prader hält sich derzeit zum jährlichen „Updating“ für die im Sommer stattfindenden Gespräche zum Österreich-Bericht des IWF in Wien auf. Der seit Langem für den IWF tätige gebürtige Oberösterreicher ist – ein seltenes Ereignis für Österreich – am 1. November für zwei Jahre ins 24-köpfige IWF-Direktorium aufgerückt. Er vertritt dort eine „zentral- und osteuropäische Stimmrechtsgruppe“, zu der sich Österreich mit Slowenien, der Slowakei, Tschechien, Ungarn, Weißrussland, dem Kosovo und der Türkei zusammengeschlossen hat. Prader sieht darin einen „symbolischen Schritt der Reintegration Osteuropas 20 Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus“. „Die Begeisterung in der Gruppe ist derzeit sehr groß“, meinte der IWF-Direktor. Die acht Länder werden den ihnen nun zustehenden Direktoriumsposten im Rotationsprinzip alle zwei Jahre neu besetzen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.11.2012)

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