Studie: Polen hat, was Griechenland fehlt

Funktionierende staatliche Institutionen und Märkte, das richtige ordnungspolitische Modell sowie kluge EU-Starthilfe erklären die Unterschiede zwischen der Krise am Mittelmeer und dem Optimismus im Osten.

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Symbolbild – (c) EPA (Pawel Supernak)

Brüssel. Eine halbe Milliarde Euro auf einem Genfer Konto der HSBC, möglicherweise unversteuert: Der jüngste Vorwurf gegen Griechenlands früheren Regierungschef George Papandreou und seine seit Jahrzehnten einflussreiche Familie bringt das tiefe Misstrauen gegenüber der griechischen politischen Klasse auf den Punkt. „Wir haben ein Versagen von Eliten in Griechenland, aber das können wir nicht ändern“, sagte zum Beispiel der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble am Montag in einer Aussprache im Europaparlament.

Polen hingegen gilt als das optimistische Gegenstück zum griechischen Dauertheater. Was hat aus der einen ehemaligen totalitär beherrschten Gesellschaft einen ökonomischen Pflegefall gemacht, während die andere als Vorzugsschüler gilt?

Institutionen, das richtige ordnungspolitische Modell und gescheite Starthilfe, argumentiert Ryszard Rapacki von der Warschauer Wirtschaftsuniversität in einer neuen Studie für das Zentrum für Europäische Integrationsforschung an der Universität Bonn. „Die Widerstandsfähigkeit von Polen und anderen mittel- und osteuropäischen EU-Ländern im Vergleich zu Griechenland und den anderen GIPS-Ländern in der aktuellen Krise liegt an ihrer größeren institutionellen Entwicklung seit ihrem EU-Beitritt.“

Griechische Todsünden rächen sich

Die GIPS: Das sind Griechenland, Italien, Portugal und Spanien. Ihre heutigen Probleme, „vor allem jene Griechenlands“, lägen an ihrem „verzerrten Entwicklungsmuster und an ihrer unwirksamen Marktstruktur“, hält Rapacki fest. Seine Liste der wirtschaftlichen und politischen Todsünden, für die Griechenland heute büßt, beginnt mit einer expansiven Fiskalpolitik. Während der 1980er-Jahre stieg die jährliche Neuverschuldung von drei auf fast 18 Prozent. Die mit dem EG-Beitritt im Jahr 1982 sprudelnden Brüsseler Subventionen wurden zweitens konsumiert statt investiert. Der warme Geldregen hatte drittens eine perfide Konsequenz: Das Geld kam von außen, also trieb es die griechische Inflation vorerst nicht. Und es tat viertens noch etwas Schädliches: Es verstärkte die Vormacht des griechischen Staates als Investor gegenüber privaten Initiativen. „Kurzfristig machte diese Strategie einen raschen Anstieg des Konsums und der Einkommen möglich, gemeinsam mit breiter Unterstützung der Regierung durch die Bevölkerung“, resümiert Rapacki. Man muss dabei sofort an die Dynastien der Papandreous und Karamanlis denken, die das Land in den letzten Jahrzehnten dominiert haben. „Langfristig aber schreckte die Regierungspolitik private Investitionen ab und versagte darin, die richtigen Bedingungen für nachhaltiges Wachstum zu schaffen.“

EU-Hilfe zur Selbsthilfe trägt heute Früchte

Dabei ging es den Griechen 1982 viel besser als den Mittel- und Osteuropäern zwei Jahrzehnte später. Ihr Einkommensniveau entsprach 80 Prozent des EG-Durchschnitts. Als die Polen 2004 der EU beitraten, lag ihre Wirtschaftsleistung pro Kopf gerade einmal bei 43 Prozent.

Doch die Osteuropäer hatten einen Vorteil gegenüber den GIPS-Ländern: Sie bekamen schon vor dem Beitritt von Brüssel finanzielle und technische Hilfe zur Selbsthilfe, zum Aufbau neuer Verwaltungen und moderner Marktstrukturen. „Als Ergebnis davon war 2004 und 2007 die Qualität der Institutionen relativ zum Niveau ihrer wirtschaftlichen Entwicklung höher als jene von Irland, Griechenland, Portugal und Spanien bei deren Beitritt“, schreibt Rapacki nach Durchsicht mehrere Vergleichsstudien von Weltbank, IWF und anderen Quellen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2012)

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