Studie: Polen hat, was Griechenland fehlt

04.12.2012 | 17:41 |  Von unserem Korrespondenten OLIVER GRIMM (Die Presse)

Funktionierende staatliche Institutionen und Märkte, das richtige ordnungspolitische Modell sowie kluge EU-Starthilfe erklären die Unterschiede zwischen der Krise am Mittelmeer und dem Optimismus im Osten.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Brüssel. Eine halbe Milliarde Euro auf einem Genfer Konto der HSBC, möglicherweise unversteuert: Der jüngste Vorwurf gegen Griechenlands früheren Regierungschef George Papandreou und seine seit Jahrzehnten einflussreiche Familie bringt das tiefe Misstrauen gegenüber der griechischen politischen Klasse auf den Punkt. „Wir haben ein Versagen von Eliten in Griechenland, aber das können wir nicht ändern“, sagte zum Beispiel der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble am Montag in einer Aussprache im Europaparlament.

Polen hingegen gilt als das optimistische Gegenstück zum griechischen Dauertheater. Was hat aus der einen ehemaligen totalitär beherrschten Gesellschaft einen ökonomischen Pflegefall gemacht, während die andere als Vorzugsschüler gilt?

Institutionen, das richtige ordnungspolitische Modell und gescheite Starthilfe, argumentiert Ryszard Rapacki von der Warschauer Wirtschaftsuniversität in einer neuen Studie für das Zentrum für Europäische Integrationsforschung an der Universität Bonn. „Die Widerstandsfähigkeit von Polen und anderen mittel- und osteuropäischen EU-Ländern im Vergleich zu Griechenland und den anderen GIPS-Ländern in der aktuellen Krise liegt an ihrer größeren institutionellen Entwicklung seit ihrem EU-Beitritt.“

Griechische Todsünden rächen sich

Die GIPS: Das sind Griechenland, Italien, Portugal und Spanien. Ihre heutigen Probleme, „vor allem jene Griechenlands“, lägen an ihrem „verzerrten Entwicklungsmuster und an ihrer unwirksamen Marktstruktur“, hält Rapacki fest. Seine Liste der wirtschaftlichen und politischen Todsünden, für die Griechenland heute büßt, beginnt mit einer expansiven Fiskalpolitik. Während der 1980er-Jahre stieg die jährliche Neuverschuldung von drei auf fast 18 Prozent. Die mit dem EG-Beitritt im Jahr 1982 sprudelnden Brüsseler Subventionen wurden zweitens konsumiert statt investiert. Der warme Geldregen hatte drittens eine perfide Konsequenz: Das Geld kam von außen, also trieb es die griechische Inflation vorerst nicht. Und es tat viertens noch etwas Schädliches: Es verstärkte die Vormacht des griechischen Staates als Investor gegenüber privaten Initiativen. „Kurzfristig machte diese Strategie einen raschen Anstieg des Konsums und der Einkommen möglich, gemeinsam mit breiter Unterstützung der Regierung durch die Bevölkerung“, resümiert Rapacki. Man muss dabei sofort an die Dynastien der Papandreous und Karamanlis denken, die das Land in den letzten Jahrzehnten dominiert haben. „Langfristig aber schreckte die Regierungspolitik private Investitionen ab und versagte darin, die richtigen Bedingungen für nachhaltiges Wachstum zu schaffen.“

EU-Hilfe zur Selbsthilfe trägt heute Früchte

Dabei ging es den Griechen 1982 viel besser als den Mittel- und Osteuropäern zwei Jahrzehnte später. Ihr Einkommensniveau entsprach 80 Prozent des EG-Durchschnitts. Als die Polen 2004 der EU beitraten, lag ihre Wirtschaftsleistung pro Kopf gerade einmal bei 43 Prozent.

Doch die Osteuropäer hatten einen Vorteil gegenüber den GIPS-Ländern: Sie bekamen schon vor dem Beitritt von Brüssel finanzielle und technische Hilfe zur Selbsthilfe, zum Aufbau neuer Verwaltungen und moderner Marktstrukturen. „Als Ergebnis davon war 2004 und 2007 die Qualität der Institutionen relativ zum Niveau ihrer wirtschaftlichen Entwicklung höher als jene von Irland, Griechenland, Portugal und Spanien bei deren Beitritt“, schreibt Rapacki nach Durchsicht mehrere Vergleichsstudien von Weltbank, IWF und anderen Quellen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

34 Kommentare
 
12

Schulsystem und Beamtensystem

Polen hat auch sehr gute Schulen. Und.... viel weniger Beamten.

Die Polen sind ein fleißiges Volk

Ich habe mit Polen zusammengearbeitet in einer Handelsfirma und kann nur bestätigen, sie sind sehr tüchtige, intelligente, flexible und innovative Menschen. Egal ob weiblich oder männlich.
Vielleicht wäre deshalb eine Art verstärkte Achse Berlin-Warschau der Europäischen Union sogar dienlicher als die alte Paris-Berlin. Die Franzosen scheinen nicht diesen Tatendrang zu besitzen, den die Polen haben.

Auch so gehts

Österreich könnte sich an Polen nur ein Beispiel nehmen.

Leider fürchte ich aber, wir sind schon längst zu träge, um nach vorne zu schauen. Wir lassen uns lieber regieren von den anderen Staaten.

Wer Erfolg hat, das sieht man am Beispiel Polen vs. Österreich.

Österreich verdient nichts anderes!

Österreich wählt sich immer wieder Parteien die FÜR den Euro und FÜR den sogenannten Rettungsschirm (EMS) sind.

SPÖ+ÖVP+Grüne hatten im Parlament zugestimmt und damit erst die Mrd. für Griechenland ermöglicht. Wir sollten sie zum Dank wieder wählen.

Zu Polen

Ich kann euch eines dazu sagen, ich wurde in Ö geboren, meine Eltern in Polen. Hergezogen sind sie 1982 als dort Kriegszustand war. Da ich jetzt beide Länder sehr gut kenne und sehe wie sie sich entwickelt haben, kann man pauschal sagen: in Polen gehts bergauf, die Städte sind sauberer, sicherer und die Infrastruktur ein Traum zu damals, ca. so wie in Wien vor 20 Jahren. Heute habe ich schon fast angst in Favoriten unterwegs zu sein. Mein damaliger Heimbezirk Josefstadt ist auch nicht mehr viel besser dran. Spielen Zuwanderer hier eine Rolle ? Ich sag ganz klar ja. Vorallem aber die nicht integrierbaren. Es kann ja net sein dass man nach ein paar Jahren in Ö kein deutsch kann und das System von vorn bis hinten ausnutzt. Klar regt es mich auf, weil ich mehr als genug SV und LSt zahle die dann "verschleudert" werden!

Der Zustand der Wiener Bezirke ist egal!

Nachdem der SPÖ immer mehr ehemalige Wähler aus dem Gemeindebau weg sterben müssen rasch neue Wähler (Proletarier) in Land geholt werden.

In Familienclans wird getrachtet, dass bei den Wahlkarten jeder das Kreuzerl an der richtigen Stelle macht.

Zuletzt wählten 78% der Türken die SPÖ, 16% die Grünen - das sind 94%. Darauf kann man doch nicht verzichten!


But last, not least....


.... hat Polen eine eigene Währung, welche sich seiner Wirtschaftskraft entsprechend entwickelt.

Polen ist daher auch kein Protektorat Brüssels.

Griechenland und die anderen EURO-Länder haben sich in ein System begeben, welches der UdSSR ähnelt und sukzessive Privatwirtschaft auf Staatsregulation austauscht.

Na, wenn alles so positiv ist, werden die Polen ja bald Nettozahler.

Zur Zeit erhalten sie ja noch 11 Mrd.

Re: Na, wenn alles so positiv ist, werden die Polen ja bald Nettozahler.

Alles eine Frage der Rechnung. 11Mrd. ist natürlich nicht der Nettowert. Das hat ungefähr so viel Aussagekraft wie zu sagen, dass PL ca. 40% mehr einzahlt als AT. Was übrigens auch stimmt.
Aber der Nettowert ist tatsächlich jenseits von 8Mrd.

Und soweit ich das überblicken kann, legen die´s gut an. Und sie werden uns plattmachen.
Was nicht an den 8Mrd. liegt sondern daran, dass sie im Unterschied zu uns etwas erreichen wollen. Nicht den Bestand mit immer höheren Kosten verwalten.

Das wird sich erst zeigen, wie gut es angelegt ist. Wäre den Polen gegönnt.

In 2011 bekamen sie 11 Mrd. Euro.

http://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/europa/70580/nettozahler-und-nettoempfaenger

Subventionen bergen hohes Risiko von Fehlallokationen und falschen Erwartungshaltungen.

In 2011 bekamen sie 11 Mrd. Euro.

Und zahlten 3,5 (wird sich von 2010 auf 2011 nicht wesentlich geändert haben)
http://www.europarl.europa.eu/brussels/website/media/modul_07/Zusatzthemen/Pdf/Nettozahler.pdf

Was die Verwendung von Subventionen betrifft, so widerspreche ich natürlich nicht grundsätzlich. Man darf aber nicht übersehen, dass da noch gewaltiger Nachholbedarf im Land herrscht. Man sehe sich die (notwendigen) Strassenbauprojekte an. Wenn PL ein Problem hat, dann ist es der (bei uns unvorstellbare) Privatkonsum auf Pump.

Der aus meiner Sicht aber wesentliche Punkt in der Unterscheidung zu anderen der im Artikel genannten Länder ist wie erwähnt: Sie geben sich nicht mit Erreichtem zufrieden, sie wollen mehr. V.a. die Generation unter 40.
Kein Vergleich - auch nicht zu uns.

Re: In 2011 bekamen sie 11 Mrd. Euro.

Die 11 Mrd. Euro ist der operative Haushaltssaldo.

Wir werden erst in Zukunft sehen, wie nachhaltig der Einsatz der Subventionen ist. Daher kann man es heute nicht seriös beurteilen, muss über die Zeit beobachtet werden.
Polen hat jedoch durch die eigene Währung entsprechenden Handlungsspielraum, den Griechenland nicht hat, wenn man mal nicht auf den Korruptionsindex schaut.

vor allem fehlt es in griechenland an der korruptionsbekämpfung

wäre schön, wenn das auch einmal erwähnung finden würde->http://www.orf.at/#/stories/2154669/

zum anderen fehlt es am privelegienabbau-ach so ja-sind ja "wohlerworbene rechte" nach dem beamtensprech

keine Appparatschiks

die wurden gleich nach der Wende entsorgt. Meist relative junge Politiker - die nachhaltige und langfristige Ziele verfolgen - ein totaler Kontrast zu unserer "Insel der Seligen".

Die EU Gelder wurden nicht wie in Italien oder Griechenland zum "Stimmenkauf" sondern in Infrastruktur investiert. Und das Resultat wird jetzt langsam sichtbar...

(ich besuche beruflich ein Mal im Jahr in die Tatra)

Re: keine Appparatschiks

ein Großteil der Tatra gehört zur Slowakei - nur so am Rande bemerkt

"(ich besuche beruflich ein Mal im Jahr in die Tatra)"

Bravo!
Ich besuche einmal im Jahr in die Kahlenberg.

GIPS =

PIGS

Chapeau!

Gut geschüttelt!

Re: Chapeau!

nicht geschüttelt.

so hießen die staaten vom anfang an-war wohl politically incorrect in der doppelbedeutung

Danke!


Ja tatsaechlich

- Polen hat alles, was es braucht. Und Polen fehlt auch etwas. Naemlich eine ganz bestimmte Minderheit - raten Sie mal.

Konservativ, katholisch und konsequent. Dieses Land wird im zukuenftigen Europa, vielleicht zaehneknirschend, beneidet werden.

Re: Ja tatsaechlich

ach und uns gehts schlecht, weil die bestimmte minderheit unter uns weilt? ihr strickmuster im denken ist ja in österreich in serienproduktion gegangen und vervielfältigt sich mittlerweile selbständig. von daher gilt für sie wohl: wenn alle so denken (also die mehrheit über die minderheit) wirds scho passn.

wobei ich mich immer frag, warum eine mehrheit vor einer minderheit die hose voll hat.

Re: Re: Ja tatsaechlich

Weil es eine geschützte Minderheit ist gegen die selbst ein Vorgehen mit rechtsstaatlichen Mitteln sofort Dutzende teils freiwillige, teils mit meinen Steuern bezahlte Helfershelfer auf den Plan ruft ?


Polen ist wie Deutschland /Österreich in den Sechzigerjahren

Es ist dynamisch, ungehobelt, unbeschwert.

Es gibt sehr viele Kinder und Jugendliche. Es wird gesoffen, geraucht und ..... , einfach ein lebendiges Land.

Ich weiß, sie waren immer auch Räuber und Diebe, zumindest einige von ihnen. Aber die polnischen Städte sind heute bei Nacht wesentlich sicherer als Berlin oder Wien, sie haben kein Zuwandererproblem.

Man muss sie nicht mögen die Polen, aber man muss akzeptieren, dass sie derzeit eines der zukunftsträchtigsten Völker Europas sind.

Polen hat einen weiteren riesigen Vorteil, es hat den Euro nicht!

Daher ist die Abwertung der Währung und damit die Aufrechterhaltung der Wettbewerbsfähigkeit gegeben. Interessant daß dieser Aspekt in der Untersuchung fehlt, oder wurde er unterdrückt?

Re: Polen hat einen weiteren riesigen Vorteil, es hat den Euro nicht!

Allerdings wertet der Zloty eher auf als ab, also das spielt einmal keine Rolle.

 
12

Umfrage

» Jetzt unter mehr als 6.000 Jobs
die perfekte Stelle finden.

AnmeldenAnmelden