Euro für Athen war „schwere Sünde“

05.12.2012 | 18:08 |  von Wolfgang Böhm (Die Presse)

Deutschlands ehemaliger Finanzminister Theo Waigel sprach in Wien über Geburtsprobleme und Erziehungsfehler der Währungsunion. Eine klare Absage erteilte Waigel Forderungen nach einer Teilung der Währungszone.

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Wien. „Griechenland hätte mit seiner Wirtschafts- und Finanzstruktur nie aufgenommen werden dürfen. Das war eine schwere Sünde“, sagt Theo Waigel heute. Der ehemalige deutsche Finanzminister war einer der Geburtshelfer des Euro und Initiator des Stabilitätspakts. Bei einem Vortrag des Hypo-Invest-Clubs erzählte er diese Woche in Wien von den Problemen bei der Gründung der Währungsunion, die er nach wie vor als richtige Entscheidung verteidigt. Leider habe es in den ersten Jahren der jungen Währung „schwere Erziehungsfehler“ gegeben, gesteht er allerdings ein. Deutschland habe mit der Aufweichung des Stabilitätspakts dabei eine Hauptrolle gespielt. Nach der Einführung des Euro sei ein „Schlendrian“ in die Fiskalpolitik eingezogen.

Der CSU-Politiker, der vor der Entscheidung über Athens Euroteilnahme die Regierung verlassen hatte, vergleicht Griechenland mit einem „blinden Passagier“, den heute viele über Bord werfen wollten. Doch ein Austritt sei jetzt keine Lösung. „Die Schulden des Landes würden sich über Nacht vervier- oder gar verfünffachen. Griechische Banken würden bankrott gehen.“ Die Auswirkungen für ganz Europa wären katastrophal.

Wer jetzt auf einen Zerfall der Währungsunion setze, wisse nicht, wie es vor der Gründung des Euro war. Waigel erinnert daran, dass in den 1990er-Jahren der Druck auf einzelne europäische Währungen wie das britische Pfund oder den französischen Franc enorm gewesen sei. Damals musste die Deutsche Bundesbank den Franc mit 90 Milliarden D-Mark stützen. „Auch frühere Währungssysteme haben etwas gekostet.“ Es habe damals ständig Krisensitzungen über Neubewertungen von Währungen gegeben, die Spannungen seien enorm gewesen.

 

Chirac verhinderte strengeren Pakt

Ohne den Euro wäre Europa zum Spielball der großen Währungsblöcke geworden. „Wir würden heute keine Rolle mehr spielen“, behauptet Waigel. Dennoch gibt der einstige Finanzminister von Helmut Kohl offen zu, dass die Konstruktion des Euro nicht optimal gewesen sei. Automatische Sanktionen gegen Budgetsünder, wie sie einst im Stabilitätspakt vorgesehen waren, seien am Widerstand von Frankreichs Präsident Jacques Chirac gescheitert. „Wir hatten damals einen ziemlichen Krach mit ihm“, antwortet Waigel auf eine Frage der „Presse“. Kohl habe Chirac sehr bedrängen müssen. Letztlich sei ein Kompromiss gefunden worden, der durch den neuen Fiskalpakt wieder ausgebessert wurde. Doch es komme nicht nur auf einen Vertrag an, sondern auch auf den Willen, ihn einzuhalten, so Waigel. „Die zehn Gebote kommen von Gott selbst, dennoch halten sich nicht alle Menschen daran.“

Auch die von Kohl geforderte politische Union als Basis der Währungsunion sei „nicht durchsetzbar“ gewesen. Im Maastricht-Vertrag sei eine gemeinsame Wirtschaftskoordination bereits angelegt worden. Sie konnte dann aber wegen des Widerstands einiger Mitgliedstaaten nicht realisiert werden.

Eine klare Absage erteilte Waigel Forderungen nach einer Teilung der Währungszone in einen Nord- und einen Südeuro. Im Norden wäre das eine Gruppe rund um Deutschland und Österreich, gemeinsam mit Finnland und den Niederlanden. Im Süden gebe es eine eigene Währung unter der Führung von Frankreich. Damit wäre Europa geteilt, alle Fortschritte, die es in den Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich gegeben habe, wären zunichte gemacht. Das wäre ein gefährliches „Abenteuer“.

Waigel warnte vor Politikern, die „den Leuten vorgaukeln, mit einem neuen Nationalismus sei das Problem zu lösen“. Ganz im Gegenteil: Für „dumpfen Europessimismus“ gebe es keinen Anlass. Auch frühere Probleme seien gelöst worden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2012)

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5 Kommentare

Lösungsansatz?

Hat er nicht. Weitermachen wie bisher. Er setzt also ernsthaft auf ein System, von dem er selbst sagt, dass in diesem nichtmal 3% der Gesamtwirtschaftsleistung wegbrechen darf. Ansonsten käme es zur Katastrophe.

Sorry, aber das sagt über dieses Konstrukt eh schon alles.

Zur Klarstellung: Theo ist Berater der Unicredito.

Das haben Sie mitverbockt. Die ganzen Raufereien der Währungen hätten den Schaden in Europa begrenzt, die Verluste den Verursachern zugeordnet und nicht nur sozialisiert.
Sie allesamt haben auf die Sollbruchstellen vergessen, Sie allesamt haben in einem großmachtsüchtigen System versagt. Das Schlimmste daran ist, dass Sie allesamt hergehen und Menschen als Nationalisten denunzieren, ohne die Ursachen zu erkennen, ohne auf die Menschen zu achten, die nicht wie Sie, die Sie in einer ungesunden Symbiose mit der virtuellen Finanzwelt leben, profitieren.

Ja, Herr Waigel, Sie mit Ihren "Freunden" treiben Europa in die Bedeutungslosigkeit.

Euro für Athen war „schwere Sünde“

es ist falsch was Herr Waigel sagt, Griechenland wurde von Politikern geplündert.
Schon seit Adolf war bekannt das Griechenland ÖL und Gas hat. Als Papadopoulos angefangen hat mit dem Bohren nach Öl nachdem er Griechenland wieder saniert hat und eine volle Kasse hinterlassen hat, kamen die Geier aus allen Ecken und wollten an das Öl. Jeder Politiker nachher hat geleugnet das es Öl und Gas in Griechenland gibt obwohl es kleine Ölförderungen schon lange existiert gab.
Griechenland ist ein reiches Land, aber mit einer der korruptesten Regierungen, auch jetzt festgestellt und nachlesbar, da kann man nicht überleben.
In der ganzen EU werden die Löhne und Gehälter immer niedriger werden und die Gewinne der Aktiengersellschaften immer höher. Die Endkapitalisierung der Völker werden zunehmen.
Die können reden was sie wollen, alle Großreiche haben den Abgang gemacht.
Schon F.J Strauss war der festen Überzeugung das die Europäische Union nur aus wenigen Ländern bestehen sollte.
Das Europa als solches ist überhaupt nicht das Problem.
Wenn die EU 5 Milliarden Subventionen vergibt und die verschwinden in den Ostländern einfach auf nimmer wiedersehen.
Frage wer bezahlt diese Gelder.
Wie war heute nachlesbar in einem Kommentar aus den USA;
Ein IQ-Test in Volkswirtschaft: Wenn die Staatsverschuldung nicht zählt, warum zahlen wir dann noch immer Einkommensteuer?


Re: Euro für Athen war „schwere Sünde“

Wo sind diese sagenhaften Erdöl- und -gasvorkommen in Griechenland? Bis heute wohl nicht angezapft? Warum, wenn die Verschuldung so leicht abgebaut werden kann? Wenn die Hunta so ein Wirtschaftserfolg war, warum ist sie nach 7 Jahren abgetreten? Haben Sie nichts vom zypriotischen Abenteuer gehört? Infolge dessen ist Zypern fast 40 Jahre geteilt. So einen Schwachsinn habe ich selten gelesen, obwohl Sie richtig sagen, daß Griechenland von Politikern geplündertt wurde, allerdings von den eigenen. Das Volk hat aber ziemlich viel mit künstlich hohen Gehältern, Pensionen, üppigen Krediten und anderen Pfründen mitgenascht.

Theo Waigel hat recht, Europa muß sich weiter zusammenraufen, so oder so !


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