Re.Comm Kitzbühel: Die seltsame Kultur der Defizite

Ökonom Tomáš Sedláček war einst Berater des tschechischen Präsidenten Havel. Seine Erfahrungen in der Politik helfen ihm aber auch nicht weiter: Schuldenmachen sei mittlerweile ein Fetisch, moniert er.

Die seltsame Kultur der Defizite
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Die seltsame Kultur der Defizite
Die seltsame Kultur der Defizite – (c) REUTERS (FRANCOIS LENOIR)

Kitzbühel. Tomáš Sedláček hat ein Problem mit Budgetdefiziten. Der 35-jährige Ökonom, der schon Berater des früheren tschechischen Präsidenten Václav Havel war, versteht die Kultur der Defizite einfach nicht. „Wenn ich mir 10.000 Euro ausborge, würde irgendjemand denken, dass ich um 10.000 Euro reicher bin? Wenn Regierungen das Gleiche machen, dann wird applaudiert und alle finden es toll, dass das BIP um ein paar Prozent gewachsen ist. Das ergibt keinen Sinn“, so Sedláček, der anlässlich der Re.Comm Kitzbühel besuchte.

Das Schuldenmachen sei mittlerweile zu einem Fetisch geworden. Und dieser mache unfrei. „Wir sind die Sklaven der Schulden geworden, die wir produziert haben.“ Defizite würden als Defizite im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt ausgewiesen. „Aber wenn ein Land Überschüsse produziert, dann gibt es nicht einmal ein Wort dafür.“

 

Überschüsse? Kein Thema

Dabei sollte es ganz normal sein, dass in guten Zeiten Geld für schlechte Zeiten auf die Seite gelegt wird. Regierungen würden aber gar nicht daran denken. „Die einzige Weisheit heutzutage ist, dass wir Defizite produzieren können. Von Überschüssen spricht niemand.“ Die Debatte drehe sich immer nur darum, zwar weiterhin Defizite zu machen, aber geringere. Also weiterhin Schulden zu machen, aber langsamer: „Das ist das einzig akzeptierte Heilmittel.“

Europa sieht Sedláček weniger in der Krise, als gemeinhin angenommen. „Die Schulden sind niedriger als jene der USA, das Wachstum ist gesünder.“ Deshalb verstehe er auch nicht, warum die aktuelle Krise eine „europäische Krise“ genannt wird. Gegenüber früherer Krisen in der Geschichte hätten die Europäer jedenfalls dazugelernt. „Das ist die erste Krise, in der wir uns nicht gegenseitig zu hassen beginnen. Im Gegenteil, wir sind uns nähergekommen“, sagt Sedláček in Richtung der Griechen-Hilfen. „Wenn Griechenland vor 60 Jahren passiert wäre, wäre das einzige Gesprächsthema, wie man das Land am besten attackiert. Heute versuchen wir, ihnen zu helfen. Das Problem ist, dass wir nicht wissen, wie.“

 

Europäische Krise?

Wenn die Griechen zweimal so viel gearbeitet hätten, dann hätten sie heute kein Problem, sagt Sedláček. Als Gegenbeispiel nennt er Irland: Das Land sei ein gutes Beispiel für einen manisch-depressiven Patienten, der während seiner manischen Phase Selbstmord begeht. „Hätten die irischen Banker nur halb so viel gearbeitet, hätte Irland heute kein Problem.“

Wenn die noch gesunden Länder nicht aufpassen, könnte es sein, dass sie bald wie Griechenland pleitegehen. Sedláček empfiehlt daher eine „schnelle Entgiftung – mit anderen Worten, unsere Schulden zurückzahlen“. Und ernsthaft festzulegen, in guten Zeiten keine zu machen und Geld auf die Seite zu legen. Gelddrucken sei jedenfalls nicht die Lösung, das sei viel zu gefährlich. Es habe schon seinen Sinn, dass die Chefs der Nationalbanken nicht demokratisch gewählt würden: Schließlich würde dann immer der Kandidat gewinnen, der verspricht, die Notenpresse zu verwenden. So wie eben die Politiker gewählt werden, die Geld ausgeben und nicht die, die sparen. „Aber wäre ich Finanzminister, würde ich es wahrscheinlich genauso machen. Wir haben es ja nicht mit dummen Politikern zu tun. Das Problem ist, dass das System so gestaltet ist, dass sie so handeln können.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2012)

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