Re.Comm Kitzbühel: Die seltsame Kultur der Defizite

06.12.2012 | 18:51 |  von jeannine Hierländer (Die Presse)

Ökonom Tomáš Sedláček war einst Berater des tschechischen Präsidenten Havel. Seine Erfahrungen in der Politik helfen ihm aber auch nicht weiter: Schuldenmachen sei mittlerweile ein Fetisch, moniert er.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Mehr zum Thema:

Kitzbühel. Tomáš Sedláček hat ein Problem mit Budgetdefiziten. Der 35-jährige Ökonom, der schon Berater des früheren tschechischen Präsidenten Václav Havel war, versteht die Kultur der Defizite einfach nicht. „Wenn ich mir 10.000 Euro ausborge, würde irgendjemand denken, dass ich um 10.000 Euro reicher bin? Wenn Regierungen das Gleiche machen, dann wird applaudiert und alle finden es toll, dass das BIP um ein paar Prozent gewachsen ist. Das ergibt keinen Sinn“, so Sedláček, der anlässlich der Re.Comm Kitzbühel besuchte.

Mehr zum Thema:

Das Schuldenmachen sei mittlerweile zu einem Fetisch geworden. Und dieser mache unfrei. „Wir sind die Sklaven der Schulden geworden, die wir produziert haben.“ Defizite würden als Defizite im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt ausgewiesen. „Aber wenn ein Land Überschüsse produziert, dann gibt es nicht einmal ein Wort dafür.“

 

Überschüsse? Kein Thema

Dabei sollte es ganz normal sein, dass in guten Zeiten Geld für schlechte Zeiten auf die Seite gelegt wird. Regierungen würden aber gar nicht daran denken. „Die einzige Weisheit heutzutage ist, dass wir Defizite produzieren können. Von Überschüssen spricht niemand.“ Die Debatte drehe sich immer nur darum, zwar weiterhin Defizite zu machen, aber geringere. Also weiterhin Schulden zu machen, aber langsamer: „Das ist das einzig akzeptierte Heilmittel.“

Europa sieht Sedláček weniger in der Krise, als gemeinhin angenommen. „Die Schulden sind niedriger als jene der USA, das Wachstum ist gesünder.“ Deshalb verstehe er auch nicht, warum die aktuelle Krise eine „europäische Krise“ genannt wird. Gegenüber früherer Krisen in der Geschichte hätten die Europäer jedenfalls dazugelernt. „Das ist die erste Krise, in der wir uns nicht gegenseitig zu hassen beginnen. Im Gegenteil, wir sind uns nähergekommen“, sagt Sedláček in Richtung der Griechen-Hilfen. „Wenn Griechenland vor 60 Jahren passiert wäre, wäre das einzige Gesprächsthema, wie man das Land am besten attackiert. Heute versuchen wir, ihnen zu helfen. Das Problem ist, dass wir nicht wissen, wie.“

 

Europäische Krise?

Wenn die Griechen zweimal so viel gearbeitet hätten, dann hätten sie heute kein Problem, sagt Sedláček. Als Gegenbeispiel nennt er Irland: Das Land sei ein gutes Beispiel für einen manisch-depressiven Patienten, der während seiner manischen Phase Selbstmord begeht. „Hätten die irischen Banker nur halb so viel gearbeitet, hätte Irland heute kein Problem.“

Wenn die noch gesunden Länder nicht aufpassen, könnte es sein, dass sie bald wie Griechenland pleitegehen. Sedláček empfiehlt daher eine „schnelle Entgiftung – mit anderen Worten, unsere Schulden zurückzahlen“. Und ernsthaft festzulegen, in guten Zeiten keine zu machen und Geld auf die Seite zu legen. Gelddrucken sei jedenfalls nicht die Lösung, das sei viel zu gefährlich. Es habe schon seinen Sinn, dass die Chefs der Nationalbanken nicht demokratisch gewählt würden: Schließlich würde dann immer der Kandidat gewinnen, der verspricht, die Notenpresse zu verwenden. So wie eben die Politiker gewählt werden, die Geld ausgeben und nicht die, die sparen. „Aber wäre ich Finanzminister, würde ich es wahrscheinlich genauso machen. Wir haben es ja nicht mit dummen Politikern zu tun. Das Problem ist, dass das System so gestaltet ist, dass sie so handeln können.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Lesen Sie hier weiter zum Thema:

Mehr aus dem Web

9 Kommentare

„Alles laden die Politiker dort ab,

wo es am einfachsten ist: In der Zukunft. Die Zukunft dient als Müllhalde aller Probleme“ (Matteo Renzi, Bürgermeister der Stadt Florenz, 37).

1 0

. . . die Schulden verdanken wir der Privilegien- und Pfründewirtschaft.


5 1

Das ist doch nicht seltsam!

Solange die Teuerungsrate höher ist, als die Zinsen, solange ist es billiger, Schulden zu machen, als zu sparen.

Re: Das ist doch nicht seltsam!

Theoretisch haben Sie recht, aber praktisch könnte sich der Spieß genau so schnell wieder umdrehen, wenn Schulden "haben" wieder teurer wird und die Zinsen steigen.

Re: Das ist doch nicht seltsam!

Ich denke, korrekter weise müßte man sagen:"..solange ist es billiger, das auszugeben was da ist, als zu sparen".

Bis jetzt hat es noch keiner geschafft, mir zu erklären, weshalb tatsächliche Staatsschulden für die Gesellschaft etwas Gutes bedeuten sollen.

Niemand kann diesen Berg an Schulden, ohne massive Auswirkungen auf die Bürger, noch zurückzahlen.

Re: Re: Das ist doch nicht seltsam!

Also die Idee (und die ist durchaus auch - bei allen Unterschieden im Detail auf private Investition umzulegen) ist: Der Staat macht Schulden und baut damit ein Kraftwerk. Unter´m Strich hat sich das in sagen wir mal 50 Jahren mit allen Finanzierungskosten gerechnet. Dann kommt im allerbesten Fall sogar noch eine Gewinnphase.

Soweit, so gut. Problematisch wird´s, wenn die Schulden in laufenden Betrieb gesteckt werden, d.h. keine Investition mehr darstellen. Verwaltung, Pensionen fallen da ein (und noch *vieles* mehr). Fast schon vorsätzlich wird´s, wenn damit isländische Staatsanleihen angeschafft werden;-)

Ihr Vorposter hat schon Recht - theoretisch ist auch das noch kein Problem, solange die Inflation hoch genug ist. Daher ja auch der Gedanke der Staaten, ihre Schulden wegzuinflationieren. Das ist nur blöderweise ein ziemlich schwierig unter Kontrolle zu haltender Prozess.

In Summe sollte man sich immer vor Augen führen, dass Schulden nicht nur Abhängigkeit bedeuten, sondern auch insofern hochgradig asoziale Auswirkungen haben, als dass der Arbeiter für Zins/Zinseszins an das Kapital herhalten muss.

Zinsen nehmen den budgetären Spielraum für Investitionen, wodurch diese entweder geringer werden oder mehr auf Pump finanziert werden müssen (höhere Finanzierungskosten). Damit rentiert sich´s später oder gar nicht, wodurch etc. etc.

Ich seh grade - ich bin auch gescheitert;-) Soviel zu Theorie und Praxis.

Re: Re: Re: Das ist doch nicht seltsam!

Mit der Theorie "jetzt kaufen, später zahlen" habe ich auch keine Probleme (z.B. sinnvolle Infrastrukturprojekte). Das macht im Einzelfall durchaus Sinn.

Probleme habe ich nur damit, dass inzwischen auch kleiner Anschaffungen (das meiste davon nicht besonders sinnvoll) genau so finanziert werden.

Re: Das ist doch nicht seltsam!

Ihr Kommentar ist zwar inhaltlich sowie ökonomisch vollkommen richtig, allerdings frage ich Sie dann auch, wie oft dies in den letzten 30 Jahren der Fall war? Und wenn es einmal einen Budgetüberschuss gab, wurde sofort darüber diskutiert, wie dieses Geld wieder schnellstmöglich in Umlauf gebracht werden könne als etwa Schulden vorzeitig zurückzuzahlen. Daher existiert diese Annahme nur auf dem Papier.

1 0

Re: Das ist doch nicht seltsam!

Dumm wird es nur, wenn dieser Leverage-Effekt kippt.

Umfrage

AnmeldenAnmelden