Eurokrise: "Deutschland muss teurer werden"

Der Wirtschaftsweise Bofinger und das IMK-Institut treten eine neue Debatte los: Um Europa zu stabilisieren, sollen die Löhne in Deutschland steigen.

Spardose - piggy bank
Schließen
Spardose - piggy bank
www.BilderBox.com

Deutschland sollte nach Ansicht des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) mit starken Lohnerhöhungen helfen, die Euro-Krise zu lösen. Die Anstiege sollten künftig deutlich über der durchschnittlichen Gehaltsentwicklung im Währungsraum liegen, forderten die gewerkschaftsnahen Forscher am Montag. "Aus Gründen der europäischen und der deutschen Stabilität dürften es in den nächsten zwei, drei Jahren vier Prozent oder vielleicht sogar etwas mehr sein", sagte IMK-Direktor Gustav Horn in Berlin. Dies sei ein Beitrag zur Stabilisierung der Eurozone und "kein Opfer". Denn höhere Einkommen würden die Binnennachfrage ankurbeln. Zudem würden die deutschen Importe steigen und damit die Exportchancen der Krisenstaaten verbessern, sagte Horn.

Bofinger fordert fünf Prozent mehr

"Deutschland muss teurer werden", fordert auch der Wirtschaftsweise Peter Bofinger im "Spiegel". Das Land würde so an Wettbewerbsfähigkeit verlieren, wodurch Länder wie Italien, Spanien und Frankreich aufschließen könnten. Bofinger tritt für ein Fünfprozentplus auf breiter Front ein. Das heißt, das nicht nur die Löhne, sondern auch Pensionen und Hartz-IV-Bezüge dementsprechend steigen müssten. "Wir haben nur die Wahl zwischen hässlichen Alternativen: entweder eine zeitweise höhere Inflationsrate bei uns oder eine Deflation in Südeuropa", so Bofinger.

Das IMK Spielraum sieht langfristig Spielraum für Lohnerhöhungen um etwa drei Prozent über alle Branchen hinweg. Ein noch stärkeres Plus in den nächsten Jahren würde der guten Wettbewerbsfähigkeit laut Horn kaum schaden, auch wenn man den "einen oder anderen Exportauftrag von außerhalb der Eurozone" verliere. Die Unternehmen müssten ihre Gewinnmargen etwas eindampfen.

Der neue Präsident des Industrieverbandes BDI, Ulrich Grillo, warnt hingegen vor stark steigenden Einkommen. Denn gerade die lange moderate Lohnentwicklung habe die Firmen fitter für den internationalen Konkurrenzkampf gemacht. "Wir haben in den letzten Jahren eine hervorragende Wettbewerbsposition in Deutschland erarbeitet." Die Lohnstückkosten seien "hervorragend wettbewerbsfähig", betonte Grillo und mahnte: "Wir müssen aufpassen, dass wir diese Position nicht riskieren."

"Fast alle versuchen gleichzeitig zu sparen"

Das IMK rechnet mit 0,8 Prozent für 2013. "Das ist keine Katastrophe und keine Rezession, aber auch kein Wert, an dem man sich berauschen kann", sagte Horn. Das IMK bekräftigte seine Forderung an die Euro-Krisenmanager, von einem zu harten Sparkurs auf die Stärkung des Wachstums umzuschwenken. Die Strategie von EU-Kommission, Internationalem Währungsfonds und Europäischer Zentralbank habe sich als falsch erwiesen, monierte Horn. Eine Belastung sei zudem, wenn die halbe Welt an der gleichen Schraube drehe: "Fast alle Staaten versuchen gleichzeitig zu sparen", sagte Horn. Länder mit fiskalpolitischem Spielraum wie Deutschland müssten vielmehr für Impulse sorgen. Horn plädierte für Investitionen in Bildung oder die ökologische Modernisierung, die über höhere Einkommensteuern bei Spitzenverdienern gegenfinanziert werden sollten.

(APA/Reuters/Red.)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Kommentar zu Artikel:

Eurokrise: "Deutschland muss teurer werden"

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen