Spanien: Proteststurm der Senioren

09.01.2013 | 18:14 |  Von unserem Korrespondenten RALPH SCHULZE (Die Presse)

Die „Yayoflautas“ kämpfen gegen Sparpolitik, Finanzhilfen für Banken und für die jüngere Generation. Die Arbeitslosigkeit in Spanien beträgt über 26 Prozent.

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Madrid. Sie gehören keineswegs zum alten Eisen: Mit Pfeifen und Tröten bewaffnet stürmen 30 Senioren die Filiale der spanischen Pleite-Großbank Bankia in Madrid. Entrollen ein Transparent, auf dem steht: „Keinen Euro für die Rettung der Banken.“ Die grauhaarigen Bankbesetzer in leuchtend gelben Warnwesten skandieren: „Das ist keine Krise, sondern Betrug.“ Dann verlesen die Pensionisten ein Protestmanifest, in dem sie bekennen, den Kampf für die Zukunft ihrer Kinder nicht aufgeben zu wollen.

Überall im Krisenland Spanien spielen sich derzeit ähnliche Szenen ab: Senioren besetzen Geldinstitute, Behörden, Gesundheitszentren und Büros der Sozialversicherung. Demonstrieren gegen die „brutale Sparpolitik“ der konservativen spanischen Regierung, welche zu Kürzungen bei den Ausgaben für Bildung, Gesundheit, Pflege, Renten und Familienförderung führt. Die alte Generation des südlichen Schulden-Eurostaates, der auf die Zahlungsunfähigkeit zutreibt, ist aus dem Ruhestand zurückgekehrt und klettert auf die Barrikaden.

Und das nicht erst, seit vergangenes Wochenende bekannt geworden ist, dass die spanische Regierung in der Finanznot die Pensionskasse geplündert hat. Vielmehr kämpfen die selbst ernannten „Yayoflautas“, also „Opaflöten“, für die Rechte der jungen Generation und gegen die Vormachtstellung der Banken. „Den Bankern wird das Geld in den Hintern geschoben, und die kleinen Leute müssen sehen, wie sie zurechtkommen“, empören sie sich. Die Yayoflautas haben wenig Verständnis für die milliardenschweren Hilfen, mit denen Staat und EU marode spanische Banken vor der Pleite bewahren.

 

Jede vierte Familie unter Armutsschwelle

Die gleichen Banken, welche nun am Rettungstropf hängen, haben bereits zehntausende Menschen aus ihren Wohnungen geklagt, weil die Bewohner ihre Hypotheken nicht mehr zahlen können. Hohe Arbeitslosigkeit, Steuererhöhungen und Einkommensverluste treiben immer mehr Spanier in die Armut. Inzwischen lebt fast jede vierte Familie unter der Armutsschwelle. Die öffentlichen und karitativen Suppenküchen schaffen es nicht mehr, all jenen eine warme Mahlzeit zu geben, die es nötig hätten.

„Wir können nicht tatenlos zusehen“, sagt die 65-jährige Pilar Goytre. „Wir sind auf dem Wege, alles zu verlieren, was wir bisher erreicht haben“, zürnt sie. „Wir Pensionäre müssen nun unseren Kindern beistehen“, pflichtet ein rüstiger Rentner bei. „Meine Tochter und auch ihr Ehemann haben ihre Jobs verloren.“

 

Wichtiges Sozialnetz

Mehr als 26 Prozent der aktiven Bevölkerung, annähernd sechs Millionen Menschen, sind derzeit in Spanien arbeitslos, wie neue Zahlen des europäischen Statistikamts Eurostat zeigen. Bei den unter 25-Jährigen stehen 56 Prozent auf der Straße.

Spaniens Rentnergeneration ist das wichtigste soziale Netz in Spanien, da es wenig Hilfen vom Staat gibt. Auch wenn die spanischen Pensionäre eine Durchschnittsrente von lediglich 835 Euro erhalten, wäre ohne ihre Solidarität das Land vielleicht längst zusammengebrochen: Hunderttausende Senioren machen sich als Babysitter um ihre Enkel verdient. Sie bieten ihren erwachsenen Kindern Asyl, wenn diese Arbeit und Wohnung verlieren. Manche Alte schleppen mit ihrem Ruhegehalt sogar ganze Großfamilien durch.

Und auch auf der Straße, wo lange Zeit die junge Protestgeneration der „Indignados“, der Empörten, den Ton angab, mischen sich die Yayoflautas nun immer mehr ein.

Manche aber zerbrechen an ihrer Verzweiflung: Erst vergangene Woche gab es im Ferienort Málaga zwei Selbstanzündungen. Beide Männer, 57 und 63 Jahre alt, erlagen später ihren schweren Verletzungen. In den vergangenen Monaten nahm die Zahl der Selbstmordversuche dramatisch zu.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2013)

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5 Kommentare

bei uns wählens nach wie vor die Sozis!


Schon mal ein Vorgeschmack

wie es in ein paar Jahren im gesamten € Raum aussehen wird.

die Blase wird platzen und dann sind alle € Länder pleite. Das System EZB vergibt billiges Geld an alle Banken, die kaufen Staatsanleihen, erhöhen damit die Staatsschulden und wenn Sie pleite sind werden Sie von EZB und ESM geretten um anschließend wieder billige Kredite zu bekommen wird nicht gutgehen.
Die neue Enteignungsklausel bei Staatsanleihen wird für höhere Zinsen und Schulden sorgen, die man zwar per Schuldenschnitt dann leicht los wird man aber im Gegenzug wieder die Banken vor dem Untergang mittels ESM retten muss, wobei die € Staaten für den ESM haften diese Summen aber nicht zur Staatsverschuldung zählen.
Spanien wird bald nicht mal mehr die Renten zahlen können weil Sie die Kasse geplündert hat um nicht unter einen Rettungsschirm zu müssen. Mich würde nicht überraschen wenn man das im einklang mit der EU getan hat und die EU versprochen hat nach der Wahl in D Spanien per Rettungsschirm zu stützen.
Wir werden ein Debakel erleben das ist aus meiner Sicht unausweichlich.
CH rüstet sich schon, Banken haben dort ihre AGB´s zu gefasst und dort verankert das auch "NegativZinsen" für Anleger und normale Kontobesitzer möglich sind. Damit will man erreichen das bei einem € Kollaps zuviele ihr Geld in die Schweiz bringen um es zu retten und damit den Franken stark aufwerten.
Der € Raum, wird in Nibelungentreue, in seiner heutigen Form wohl untergehen.

Spanien macht derzeit ein paar Dinge falsch

Leider sparen sie derzeit am falschen Ort.

Spanien bekämpft derzeit ein Finanzproblem, das es nicht hat.
Die Verschuldung ist ok, die Neuverschuldung nicht, aber das liegt an Strukturproblemen.

Das Strukturproblem liegt einerseits an der noch nicht verdauten explodierte Immobilienblase.
Zapatero (Sozialist) hat hier zu Gunsten der Banken nicht einfach harte Schritte unternommen, die den Markt bereinigt hätten und endlich verstellte Möglichkeiten (freie Wohnungen und unnatürlich hohe Mieten) nutzbar gemacht hätte.
Außerdem würden die Spanier endlich aus ihrem "Wohnungskauf-Fetisch" rauskommen und endlich ein wenig Unternehmertum üben.

Das zweite Strukturproblem: Die Abfertigungen. Nach einigen Jahren in einer Unternehmung hat man horrende Abfertiungsansprüche (bis zu 43 Brutto-Monatsgehälter). Das hindert besonders KMUs daran, Neue anzustellen, weil das Risiko wenn es nicht gut geht viel zu hoch ist.
Ein österreichisches Modell würde hier eine extreme Verbesserung bringen.
Das Modell wird aber von Rajoy nicht umgesetzt, weil er sich vor den Gewerkschaften fürchtet. Da die Pensionsten in Spanien schlechter organsiert sind, holt er sich das Geld von dort.

Die Spanier hätten ohne viel Geldaufwand große Chancen. Leider stehen sie sich selbst im Weg.

2 0

diese unsoziale euro-eu bankenlobbyunion wird europas bürger, steuerzahler und asvg pensionisten nur armut und schulden hinterlassen.


down to ground

Leider muss ich stets wiederholen, dass 26% nicht korrekt sind. Es werden weder die Jugendlichen, die noch nie im Arbeitsmarkt waren, noch die jetzt arbeitslosen Selbstständigen, berechnet. So gesehen, kann man mit mind. 30% rechnen. Solche 'Verschönerungen' werden in allen Ländern vorgenommen, aber in Spanien wohl noch viel mehr.

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