Pensionist klagt Standard & Poor's

17.01.2013 | 18:32 |   (Die Presse)

Der deutsche Bundesgerichtshof erlaubt einem Rentner, Standard & Poor's wegen eines seiner Ratings zu klagen. Es ist nicht das erste Urteil, das Agenturen das Leben schwer macht.

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Wien/Weber. Lange schienen die Ratingagenturen immun gegen Klagen geschädigter Anleger. Doch das Blatt beginnt sich zu wenden. Ein deutsches Gericht hat erstmals einem Anleger erlaubt, die Ratingagentur Standard & Poor's in Deutschland auf Schadenersatz zu klagen. Der Pensionist Jürgen Hillebrand hatte seine Ersparnisse in Zertifikate der Bank Lehman Brothers investiert. Als diese im September 2008 pleite ging, verlor er alles. Standard & Poor's hatte die Papiere jedoch mit einem sehr guten „A+“ benotet. Deswegen will Hillebrand von den Amerikanern 30.000 Euro.

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Eine Hürde auf dem Weg dorthin hat der 63-Jährige jetzt genommen. Der deutsche Bundesgerichtshof – vergleichbar mit dem OGH – hat ihm erlaubt, S&P in Deutschland zu klagen. Als Begründung führte der BGH an, der Kläger habe seinen Wohnsitz in Deutschland. Das reichte dem Gericht. Dieser Beschluss ist bitter für die Agenturen: Bislang hatten sie stets jede Verantwortung für die Ratings, die sie veröffentlichen, von sich gewiesen.

Nach deutschem Recht sähe die Sache aber anders aus: Wird dieses im nun folgenden Prozess angewandt, läge ein schuldhaftes Verhalten vor, sagte Wolfgang Däuble, Professor für Wirtschaftsrecht an der Universität Bremen, dem „Handelsblatt“. Es kann aber auch sein, dass amerikanisches Recht angewandt wird. Dann hätte die Klage weniger Chancen.

 

Durchbruch für Anlegerklagen

Das Urteil des BGH geht aber weit über den Einzelfall hinaus. In Deutschland haben allein 50.000 Menschen ihr Geld mit Lehman-Zertifikaten verloren. Ihnen allen steht nun der Weg zu deutschen Gerichten frei. Hillebrands Anwalt Jens-Peter Gieschen wertet das Urteil daher auch als Durchbruch für Klagen gegen Ratingagenturen. „Mit seinem Beschluss hat das höchste deutsche Zivilgericht letztlich den Weg frei gemacht für Schadenersatzklagen von tausenden Investoren, die im Vertrauen auf die amerikanischen Ratingagenturen zig Millionen Euro Verlust gemacht haben“, erklärte Gieschen. S&P wollte das Urteil nicht kommentieren.

In Österreich waren von Lehman garantierte Zertifikate nicht ganz so verbreitet. Ein Währungszertifikat der Bank („Dragon FX Garant“), das die damalige Constantia Privatbank in Österreich vertrieben hat, hält die Gerichte zwar auch auf Trab. Allerdings richten sich die Klagen hier gegen die Bank, nicht gegen Ratingagenturen. Aktuell liegt die Sache beim Europäischen Gerichtshof.

 

Schadenersatz in Australien

Die Ratingagenturen geraten weltweit wegen ihrer Urteile aus den Zeiten der Finanzkrise unter Druck. In Australien hatte ein Gericht S&P unlängst zu einer Schadenersatzzahlung von 30 Millionen Australischen Dollar (23,6 Millionen Euro) verurteilt, weil sich mehrere Gemeinden beim Kauf einiger Wertpapiere auf das „AAA“ – die Bestnote – der Ratingagentur verlassen hatten. Zu Unrecht, wie sich später herausstellte, denn die Papiere verloren während der Finanzkrise ihren Wert.

Zudem hat das Europaparlament diese Woche beschlossen, dass die Agenturen in Zukunft für grobe Fehler haftbar gemacht werden können („Die Presse“ berichtete). Anleger und Emittenten von benoteten Wertpapieren können die Ratingagenturen künftig auf Schadenersatz klagen. Außerdem sollen die Offenlegung der Entscheidungskriterien und eine verstärkte Begründungspflicht zu einer besseren Qualität der Ratings beitragen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.01.2013)

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25 Kommentare
 
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Wahrsagern - Rating-Agenturen sind nichts anderes - kann man glauben oder auch nicht, aber verklagen wegen falscher Vorhersagen? Das hat es noch nie gegeben!


Lauter Widersprüche...

Wo ein Geschäft einzig auf nichtnachweislichen Fakten beruht, haben wir ein Problem mit der Redlichkeit. Wenn ich einen später nachweislichen Sche.. kaufe, kann ich Garantieleistung erzwingen. Wenn ich "Risiko" kaufe, muss ich zwar einen Haufen Steuern bei Erfolg zahlen, aber bekomm keinerlei Entschädigung bei Verlust. Das ist das Faktum. Veranlagungen sind Risikos. Auch wenn mir jemand was falsches eingeredet hat, hab ich und nicht jemand andere falsch entschieden. Sicherheit gibts da keine! Also was Solls.... Wer sein Cash Finanzmärkten anvertraut, soll wissen, dass es "weg" sein kann. Und deshalb finde ich die KEST einen totalen Widerspruch!

daher darf

auch ich unsere Regierung wegen falscher Bewertungen (jede Menge nachweisbar) klagen?

Das bezahlte Kaffeesudlesen...

...Im Prinzip spricht ja nichts gegen Ratingagenturen.
Zumindest nicht gegen solche, die von den Investoren betrieben werden.
Äh, Moment - wer zahlt denn nun Standard

standard & poors

Nur mit Hilfe der Luegen von den Ratings Agenturen konnten die US Banken ihre fast wertlosen Derivatives an andere Geldinstitute verkaufen. Die US Regierung entschied Lehman Brothers fallen zu lassen. Andere Institute und Banken wurden mit TARP Geld der US Regierung am finanziellen Leben erhalten.
Folglich finde ich es gerecht wenn man die Urbeher dieser Luegen aufs schwerste bestraft, denn sie sind mitschuldig dass die ganze US Wirtschaft beinahe zum Abstuerzenkam.

Wofür Schadenersatz?

Ich mag die Ratingagenturen auch nicht. Aber wie soll denn das mit Schadenersatz gehen? Jedes Rating gibt doch nur eine Ausfallswahrscheinlichkeit an. Wirtschaft ist keine exakte Wissenschaft, also können das nur Schätzungen sein. Und nicht einmal ob die halbwegs korrekt berechnet war wird sich beweisen oder widerlegen lassen. Wenigstens kann ich mir nicht vorstellen, wie das gehen sollten.

Re: Wofür Schadenersatz?

Ratingagenturen argumentieren damit, dass sie nur ihre Meinung kundtun, man kann sich daran halten oder nicht und eine Meinungsäußerung verpflichtet niemanden.
Dass ein Gericht so eine Klage zulässt ist für Deutschland neu und war bisher nur in USA gängige Praxis. Allerdings lässt sich ein deutsches Urteil in den USA nicht vollstrecken und hätte daher wohl eher symbolischen Charakter.

Re: Wofür Schadenersatz?

Ein wunderschönes Bild das Sie zeichnen. Aber stünde es dann den Ratingagenturen nicht besser zu Gesicht, wenn sie, wie eine Gaucklergruppe mit ihren Computern, die die Qualität von Handlesen und Kartenaufschlagen haben, herumziehen ? Den schwarzen Nadelstreif gegen bunte Talare und spitze Hüte tauschen, damit man die Schelme gleich erkenne ( = preussische Kleiderordnung für Advokaten unter Friedrich dem Grossen ) . Die Agenturen selbst sehen sich selbst - leider - nicht so.

Re: Re: Wofür Schadenersatz?

Schön wären auch Tarot-Karten statt Solitaire am Laptop.

Re: Wofür Schadenersatz?

der Pensionist hat recht. Auch wenn Lehmann getrickst hat, so wie zuvor Enron und etliche Anleger ins Chaos riess, so kann es doch nicht sein, dass wir uns auf Dinge verlassen.

Wenn im Lebensmittelbereich die Kontrolle des Marktamtes versagen würde?

Wir haben schon genug Chaos des Marktes.

Da könnte man auch gleich einer Novomatic frei Hand lassen, damit Spielsucht und Kriminalität weiter wächst.

Re: Wofür Schadenersatz?

Warum? Wenn es den Banken nutzt, dann wird das sehr ernst genommen. Beispielsweise wenn die bonität für ein Unternehmen abgewertet wird und dadurch die Zinsen erhöht werden können.

A+ ist alles andere als eine Ausfallswahrscheinlichkeit. Wenn man von etwas keine Ahnung hat, dann soll man es halt nicht machen. Ich biete ja auch keine Flüge auf den Mars an.

Re: Re: Wofür Schadenersatz?

Ich denke um Zinsen zu berechnen sind solche Schätzungen hilfreicher als gar nichts. Es sind schon Ausfallswahrscheinlichkeiten, was denn sonst? Bei A ist diese zwar klein, aber insolvent werden kann jeder.

selbst schuld

wer sich in den finanzmarkt begibt ist selbst schuld

0

Re: selbst schuld

Sie haben es schon längst getan!

Re: selbst schuld

sehe ich auch so.

Re: selbst schuld

@Sochard

Wir sind eindeutig Menschen die keine Ahnung von der Materie haben.


Stimmt ich habe keine Ahnung

Tut mir Leid.

die kleinen Anlegerschafe *haha*

Selbst Schuld wenn man in Sachen ( wertlose Papier ) investiert von denen man keine Ahnung hat.

Meine Brüder und Schwestern ihr werdet noch so ziemlich alles verlieren.

Re: die kleinen Anlegerschafe *haha*

Das stimmt nicht, denn zu dem Zeitpunkt zu dem sie investiert haben waren die Papiere schon etwas wert.

Nur sie haben den Zeitpunkt verpasst, rechtzeitig abzuspringen.

"Meine Brüder und Schwestern ihr werdet noch so ziemlich alles verlieren."
So spricht jemand, der selbst nix mehr hat...

Re: Re: die kleinen Anlegerschafe *haha*

kein Feedback mehr , schade

Re: Re: die kleinen Anlegerschafe *haha*

haha

wir werden schon sehn wer nachher noch etwas hat und wer nicht.
na dann

P.S.: Papier hat den Wert=Null

Papier hat den Wert=Null

Rein physikalisch gesehen gibt es zumindest den Heizwert. ;-)

Meinen Sie jetzt Zertifikate, Optionen etc. oder Wertpapiere im allgemeinen?

Denn zumindest Aktien verbriefen ja Anteile an Unternehmen?
Wie vieles im Leben erhält es den Wert dadurch, was die Masse/Gesellschaft ihm gibt.

Ansonsten hätte jeder von uns - gut, der eine mehr, der andere weniger - 100 Schafe und 20 Rinder im Stall und keine Banknoten in der Brieftasche od. ein virtuelles Konto auf dem Server seiner Hausbank.

Aber es freut mich dennoch, dass Sie so gut gelaunt sind. Humor ist wenn man trotzdem lacht.

Re: Papier hat den Wert=Null

in der jetzige Zeit halte sich sehr sehr wenig von jeglicher Art Papier.Jedoch Anteile an Unternhemen sind grundsätzlich nichts schlechtes ( wenns nicht gerade Facebook,etc, sind ) und wenn wir uns im richtigen Zyklus befinden würden.


Sie sind eindeutig ein Mensch der keine Ahnung von der Materie hat, ...

denn andernfalls würden sie zumindest diese Menschen nicht so verunglimpfen!

Re: Sie sind eindeutig ein Mensch der keine Ahnung von der Materie hat, ...

hier auch kein Feedback mehr , auch Schade

hihi

 
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