London: Kahlschlag in der Finanzwirtschaft

21.01.2013 | 16:56 |   (Die Presse)

In der Londoner City rollt eine neuerliche Kündigungswelle. Die britische Finanzwirtschaft hat schon mehr als zehn Prozent der Stellen abgebaut. Betroffen sind durchaus auch prominente und große Institute.

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London/Bloomberg. Die Finanzwirtschaft baut im Gefolge der Finanzkrise weltweit massiv Arbeitsplätze ab. Das wichtigste europäische Finanzzentrum, London, ist naturgemäß eines der Epizentren dieser Entwicklung: Im Halbjahreszeitraum von Oktober 2012 bis März 2013 wird die britische Finanzindustrie in Summe 43.000 Arbeitsplätze verlieren. Der Grund: Die Finanzunternehmen schrumpfen und versuchen, ihre Kosten massiv zu senken. Das geht aus einer Prognose des Branchenverbands Confederation of British Industry (CBI) hervor.

Bitterer Winter für die Banken

Die Beschäftigten der britischen Finanzinstitute erleben somit einen bitteren Winter: Banken, Versicherungen, Vermögensverwalter und andere Finanzdienstleister haben in den letzten drei Monaten des Jahres 2012 schon 25.000 Arbeitsplätze gestrichen. Im ersten Quartal 2013 werden wohl weitere 18.000 Jobs wegfallen, geht aus der Studie hervor, die CBI und PricewaterhouseCoopers LLP (PwC) am Montag in London vorgestellt haben.

Weltweit haben die Finanzunternehmen seit 2012 nach Daten der amerikanischen Finanzagentur Bloomberg über 115.000 Arbeitsplätze abgebaut. Sie wollen damit unter anderem den Vergütungsaufwand unter Kontrolle bringen und ziehen sich aus kapitalintensiven Geschäftsbereichen zurück.

Betroffen sind durchaus auch prominente und große Institute: Morgan Stanley, auch in London mit einem Investmentbankengeschäft aktiv, plant, in den kommenden Wochen rund 1600 Jobs zu streichen. Der Abbau ist noch nicht offiziell bekannt gegeben worden, die Pläne sickerten aber bereits durch. Die New Yorker Citigroup teilte schon im Dezember mit, dass bei ihr über 11.000 Arbeitsplätze wegfallen werden und sich die Bank aus einigen Schwellenländermärkten zurückziehen werde, um die Kosten zu senken.

„Was wir sehen, ist ein Ausstieg aus bestimmten Produktlinien oder aus Regionen – oder eine Restrukturierung der Aktivitäten. Außerdem gibt es stark erhöhte Anforderungen vonseiten der Aufsichtsbehörden an die Banken“, sagte Kevin Burrowes, Leiter Finanzdienstleistungen bei PwC.

Strengere Eigenkapitalanforderungen führen dazu, dass Banken wie die Schweizer UBS die risikogewichteten Aktiva ihrer Investmentbankensparten deutlich verringern. HSBC Holdings, Europas größte Bank, hat bereits einige Geschäftsbereiche verkauft, um die Profitabilität zu verbessern. Barclays teilte mit, sie werde Geschäftsbereiche, die nicht genug Gewinn erwirtschaften oder den Ruf der Bank schädigen, deutlich zurückstutzen.
Der laufende Stellenabbau in der britischen Finanzwirtschaft bedeutet, dass seit dem Höhepunkt im vierten Quartal 2008 – damals beschäftigte die Branche rund eine Million Menschen – bereits an die 132.000 Arbeitsplätze verloren gegangen sind.

Weniger offene Stellen in der City

CBI hat für die nun präsentierte Studie im Zeitraum vom 19. November bis zum 6. Dezember 94 Banken, Versicherungen, Genossenschaftsbanken, Vermögensverwalter und Investmentbanken befragt.

Aus einer separaten Untersuchung der Personalberatung Morgan McKinley, die ebenfalls am Montag vorgestellt wurde, geht hervor, dass die Zahl der offenen Stellen in der Londoner City, dem Finanzviertel, im Dezember um 36 Prozent auf 1323 zurückgegangen ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2013)

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9 Kommentare
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1000ende Mitarbeiter werden gekündigt ?

Unglaublich wie enorm aufgeblasen dieser Finanzsektor noch immer ist.

Da muss wohl noch so einiges passieren, um diesen Sektor wieder ins richtige Verhältnis zur Realwirtschaft zu setzen.


finito

wenn sich Cameron aus der EU verabschieden will,wird der Finanzplatz London endgültig bedeutungslos

Re: finito

Das ist vielleicht Wunschdenken. Die Welt besteht nicht nur aus der EU. Deren Bevölkerungsanteil liegt am Weltmassstab gemessen bei 8% und auch deren Wirtschaftsanteil liegt bei nur noch etwa 25%, beides mit sinkender Tendenz. Zudem dürfte GB schon deshalb interessanter werden, weil es seine Geschäftsmodelle dann ohne Einmischunng aus Brüssel gestalten kann.

Re: Re: finito

Zum einen wird der Finanzsektor gerade beginnend bereinigt. Da werden schon noch mehrere Jobs fliegen.
Was will London denn groß eigenes gestalten zum anderen? Die haben Schulden, von denen nur geschwiegen wird, weil sie einerseits eine eigene unabhängige Notenbank haben und zum anderen die Finanzcity ihren Playground noch in Ruhe lässt. Zurückzahlen werden sie die niemals können und im Vergleich dazu ist Griechenland eine Art Taschengeld. Spätestens wenn der Dollar kippt (die USA sind ja im gleich maroden Zustand), wird auch England in den Abgrund blicken müssen. Vermutlich auch Japan, wobei letzteres den Vorteil hat, wenigstens nicht deindustrialisiert zu sein.

Re: Re: Re: finito

Kann sein. Aber auch in der EU erfolgt eine Bereinigung des Finanzsektors und reduzieren Banken ihr Personal. Der Schuldenstand Grossbritanniens ist gemessen am BIP kleiner als derjenige der Eurozone. Und zur Rückzahlung der Schulden: Da steht die Eurozone vor dem grösseren Problem als GB. Weshalb soll also GB deswegen schneller untergehen als die EU?

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Re: Re: Re: Re: finito

Es werden alle abbeißen. Wer jetzt der erste sein wird, der aufgeben muß, ist gar nicht die Hauptsache.
Meiner Meinung ist die Weltwirtschaft nach angloamerikansichem Muster nicht mehr zukunftsfähig. Leider schaut es ganz so aus, daß keiner eine Ahnung hat, was deshalb jetzt schon notwendig wäre zu tun, damit das Desaster sich in Grenzen hält, falls es wirklich zum Zusammenbruch kommt.

Leider hat sich die Menschheitsgeschichte eigentlich immer darum gedreht, daß der, der die Macht hat, den anderen etwas wegnimmt und damit besser lebt als die anderen. Eine Hochkultur oder Schöngeister haben da noch nie viel bedeutet! Leider ist da die Menschheit überhaupt nicht über die Bedürfnisse, die die Natur vorgibt, hinweggekommen. Ein Leben auf Vernunftbasis scheint unmöglich zu sein. Das ist der springende Punkt! Und deshalb wird es auch immer wieder von Zeit zu Zeit einen Umsturz der bestehenden Ordnung geben.

Re: Re: Re: Re: Re: finito

Mit dieser Einschätzung liegen wir nicht weit auseinander.

Was mich bei solchen Diskussionen stört, und das tritt gerade im Fall GB bei vielen Forumsbeiträgen deutlich hervor, ist die Haltung der EU-Befürworter, die allen Staaten, die nicht der EU beitreten oder gar austreten wollen, alles Schlechte wünschen. Warum eigentlich? Wenn die EU ein derartiges Erfolgs- und Glücksmodell ist, dann müsste man doch konsequenterweise mit diesen Staaten eher Mitleid haben und Ihnen trotz des "Irrweges" alles Gute wünschen. Ich habe den Eindruck, dass da eben ein versteckter Neid- oder Frustkomplex vorhanden ist. Man weiss ganz genau, dass es sich ausserhalb der EU mindestens so gut, wenn nicht besser, leben lässt. Aber das darf nicht sein.

Re: Re: Re: Re: Re: Re: finito

@Monte Rosa
weder Neid-noch Frustkomplex im Gegenteil,ich mag die Engländer und wie das Wort es schon sagt sollte man sich tunlichst von Großmachtträumen verabschieden,UK ist nicht mehr und wenn Schottland auch weg ist wird es eng auf der Insel,womit will man noch punkten wenn man ständig vor Zollschranken steht und die Wirtschaft des Landes ausser Mini Cooper,der längst nicht mehr in englischen Händen ist,nicht viel mehr zu exportieren hat
die EU ist einer der stärksten Wirtschaftsräume auf dem Planeten und der Finanzplatz Frankfurt ist gut aufgestellt,sogesehen fällt es der EU um einiges leichter auf die Bänker in London zu verzichten als umgekehrt

Re: finito

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