London: Kahlschlag in der Finanzwirtschaft

In der Londoner City rollt eine neuerliche Kündigungswelle. Die britische Finanzwirtschaft hat schon mehr als zehn Prozent der Stellen abgebaut. Betroffen sind durchaus auch prominente und große Institute.

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Symbolbild – (c) Reuters (PAUL HACKETT)

London/Bloomberg. Die Finanzwirtschaft baut im Gefolge der Finanzkrise weltweit massiv Arbeitsplätze ab. Das wichtigste europäische Finanzzentrum, London, ist naturgemäß eines der Epizentren dieser Entwicklung: Im Halbjahreszeitraum von Oktober 2012 bis März 2013 wird die britische Finanzindustrie in Summe 43.000 Arbeitsplätze verlieren. Der Grund: Die Finanzunternehmen schrumpfen und versuchen, ihre Kosten massiv zu senken. Das geht aus einer Prognose des Branchenverbands Confederation of British Industry (CBI) hervor.

Bitterer Winter für die Banken

Die Beschäftigten der britischen Finanzinstitute erleben somit einen bitteren Winter: Banken, Versicherungen, Vermögensverwalter und andere Finanzdienstleister haben in den letzten drei Monaten des Jahres 2012 schon 25.000 Arbeitsplätze gestrichen. Im ersten Quartal 2013 werden wohl weitere 18.000 Jobs wegfallen, geht aus der Studie hervor, die CBI und PricewaterhouseCoopers LLP (PwC) am Montag in London vorgestellt haben.

Weltweit haben die Finanzunternehmen seit 2012 nach Daten der amerikanischen Finanzagentur Bloomberg über 115.000 Arbeitsplätze abgebaut. Sie wollen damit unter anderem den Vergütungsaufwand unter Kontrolle bringen und ziehen sich aus kapitalintensiven Geschäftsbereichen zurück.

Betroffen sind durchaus auch prominente und große Institute: Morgan Stanley, auch in London mit einem Investmentbankengeschäft aktiv, plant, in den kommenden Wochen rund 1600 Jobs zu streichen. Der Abbau ist noch nicht offiziell bekannt gegeben worden, die Pläne sickerten aber bereits durch. Die New Yorker Citigroup teilte schon im Dezember mit, dass bei ihr über 11.000 Arbeitsplätze wegfallen werden und sich die Bank aus einigen Schwellenländermärkten zurückziehen werde, um die Kosten zu senken.

„Was wir sehen, ist ein Ausstieg aus bestimmten Produktlinien oder aus Regionen – oder eine Restrukturierung der Aktivitäten. Außerdem gibt es stark erhöhte Anforderungen vonseiten der Aufsichtsbehörden an die Banken“, sagte Kevin Burrowes, Leiter Finanzdienstleistungen bei PwC.

Strengere Eigenkapitalanforderungen führen dazu, dass Banken wie die Schweizer UBS die risikogewichteten Aktiva ihrer Investmentbankensparten deutlich verringern. HSBC Holdings, Europas größte Bank, hat bereits einige Geschäftsbereiche verkauft, um die Profitabilität zu verbessern. Barclays teilte mit, sie werde Geschäftsbereiche, die nicht genug Gewinn erwirtschaften oder den Ruf der Bank schädigen, deutlich zurückstutzen.
Der laufende Stellenabbau in der britischen Finanzwirtschaft bedeutet, dass seit dem Höhepunkt im vierten Quartal 2008 – damals beschäftigte die Branche rund eine Million Menschen – bereits an die 132.000 Arbeitsplätze verloren gegangen sind.

Weniger offene Stellen in der City

CBI hat für die nun präsentierte Studie im Zeitraum vom 19. November bis zum 6. Dezember 94 Banken, Versicherungen, Genossenschaftsbanken, Vermögensverwalter und Investmentbanken befragt.

Aus einer separaten Untersuchung der Personalberatung Morgan McKinley, die ebenfalls am Montag vorgestellt wurde, geht hervor, dass die Zahl der offenen Stellen in der Londoner City, dem Finanzviertel, im Dezember um 36 Prozent auf 1323 zurückgegangen ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2013)

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