In Griechenland boomen die Pfandleiher

Im fünften Jahr nach Ausbruch der griechischen Dauerkrise wird zunehmend auch die Mittelschicht von Armut erfasst. Die Zahl der Pfandleihhäuser hat sich in Athen seit dem Jahr 2010 daher von 81 auf 750 fast verzehnfacht.

Griechenland boomen Pfandleiher
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Griechenland boomen Pfandleiher
(c) Dapd (Axel Schmidt)

Athen/Dpa. Es ist dunkel in Athen. Eine 72-jährige Pensionistin schleicht aus einem kleinen Geschäft. Gerade hat sie etwas gemacht, wofür sie sich schämt: einen Ring aus hochkarätigem Gold in einem Pfandhaus im Athener Stadtteil Kypseli verscherbelt. „Er stammt von meiner Uroma. Ich habe dafür 140 Euro gekriegt, obwohl er ein Vielfaches wert ist“, sagt Lilly Sarri. Dass sie ihn jemals zurückbekommt, glaubt sie nicht. „Nur wenn ich im Lotto gewinne“, seufzt sie. Aber immerhin könne sie nun ihre Strom- und Wasserrechnung bezahlen.

Ärmere Griechen kennen die Demütigung schon lange. Die Kirche und humanitäre Organisationen versorgen fast eine halbe Million Menschen mit Lebensmitteln. Nach drei Jahren Sparpolitik kommt nun zunehmend die ehemalige Mittelklasse dran. In allen Stadtteilen Athens und der anderer größeren Städte blüht ein neues Geschäft: die Pfandleihe.

Bis 2009 waren Pfandleiher für viele Griechen ein unbekannter Beruf. Nur im Zentrum der Hauptstadt gab es einige Geschäfte. Wer dort Kunde war, galt als jemand, der mit seinem Geld nicht umgehen konnte oder etwa spielsüchtig war. „Eine Schande ist das, wenn man da reingeht – habe ich immer geglaubt“, sagt Pensionistin Sarri. „Nun muss auch ich das erleben. Ich schäme mich.“

 

Viele verkappte Hehler

Wie Pilze schießen die neuen Pfandhäuser aus dem Boden. 2010 gab es in der Millionenstadt 81 Pfandleiher, heute sind es mehr als 750. Die Steuerfahndung ist sich sicher: Unter den neuen Firmen sind auch Hehler am Werk. Diebstähle haben in den vergangenen Jahren spektakulär zugenommen. Fast täglich wird in der griechischen Presse von Einbrüchen und Raubüberfällen berichtet. In einem Pfandhaus im Zentrum Athens wurde entdeckt, dass seine Besitzer 135 Kilogramm Gold und 750 Kilogramm Silber geschmolzen und das Edelmetall ins Ausland verschafft hatten.

Das Leben in den griechischen Großstädten hat sich dramatisch verändert. Viele Bewohner verspüren keine Lust mehr, in die Innenstadt zu gehen. In der traditionsreichen Athener Einkaufsstraße Patission hat fast jedes zweite Geschäft geschlossen. Auch bei Alltagsgegenständen herrscht Mangel. „Größe 45? Haben wir nicht. Wir verkaufen nur noch das, was wir im Lager haben. Neue Schuhe können wir uns nicht holen“, sagt der Inhaber eines Schuhgeschäfts im Stadtzentrum. Auch Restaurants haben zugemacht. Nur Imbissbuden mit dem traditionellen Gyros-Souvlaki haben noch zu tun. Dort kann man für fünf Euro satt werden.

Unter den Sparmaßnahmen leidet auch die Umwelt. Im Oktober stiegen wegen neuer Steuern die Preise für Heizöl verglichen mit dem Vorjahr um mehr als 50 Prozent. Die Menschen suchen nach Alternativen und verbrennen seitdem zunehmend Holz.

Nach Messungen des Umweltministeriums wurde der zulässige Feinstaubgrenzwert in den vergangenen Wochen wiederholt überschritten. Im Norden Athens wurden Werte um 150 Mikrogramm pro Kubikmeter gemessen – erlaubt sind 50. Die Ärztekammer mahnte, das Phänomen habe bedrohliche Dimensionen angenommen und setze das Leben von Millionen Bürgern – vor allem Kindern und chronisch Kranken – Gefahren aus.

 

Regierung ist optimistisch

Die Regierung ist dennoch optimistisch. Finanzminister Ioannis Stournaras sagt, er sei zu 100 Prozent sicher, dass das Land Ende 2013 erstmals nach sechs Jahren wieder ein kleines Wachstum verzeichnen werde. Experten fragen sich aber, ob das soziale Netz bis dahin hält. Jeder Vierte ist arbeitslos. Das Gesundheitssystem bricht zusammen. Viele Ärzte behandeln nur noch gegen Barzahlung. Die Mitarbeiter von Krankenhäusern traten zuletzt am Donnerstag in den Streik, um gegen Gehaltskürzungen zu protestieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2013)

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