Griechenlands Wirtschaft noch nicht über dem Berg

05.02.2013 | 09:10 |   (DiePresse.com)

Das Griechenland-BIP 2013 wird wahrscheinlich um 23 Prozent unter 2008 liegen, schreibt das Wifo. Die hohe Arbeitslosigkeit dürfte weiter steigen.

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Griechenlands Wirtschaftsleistung wird 2013 voraussichtlich um 23 Prozent unter ihrem bisherigen Höchstwert im Jahr 2008 liegen. Damit sei Griechenlands Aufholprozess nicht nur zum Stillstand gekommen, sondern habe sich sogar umgekehrt, so Wifo-Chef Karl Aiginger in einem aktuellen Wifo-Arbeitspapier.

Die griechische Wirtschaft befindet sich demnach noch nicht über dem Berg. "Die von der griechischen Zentralbank im Jänner angedeutete Möglichkeit, Griechenland habe die schwersten Rückschläge schon hinter sich, kann ohne einen Kurswechsel in der Konsolidierungspolitik und ohne stärkere Investitionshilfen und Direktinvestitionen in Griechenland nicht nachvollzogen werden", so Aiginger.

Das Pro-Kopf-Einkommen der Griechen ist lauf Wifo von 1960 bis 2008 von 60 Prozent des EU-15-Wertes bis auf 84 Prozent gestiegen. 2012 sei es kaufkraftbereinigt wieder um 28 Prozent unter dem Durchschnitt der EU-15 gelegen. "Die Kluft war damit zwar noch kleiner als 1960 und auch etwas kleiner als für Portugal, aber dennoch hat sich der Einkommensrückstand deutlich vergrößert", so Aiginger. Die Arbeitslosenquote erhöhte sich von 2008 bis 2012 von 7,7 Prozent auf 19,7 Prozent und dürfte 2013 weiter steigen.

Strategiewechsel notwendig

Eine Trendwende ohne Strategiewechsel und Hilfe durch europäische Partner hält Aiginger nicht für möglich. Griechenland müsste selbst verstärkt aktiv werden und konkurrenzfähige Sektoren in der Industrie und im Dienstleistungsbereich ausbauen, die Tourismussaison verlängern und die Angebote mit Gesundheitsleistungen verbinden, schlägt der Wifo-Chef vor.

Weiters müssten die administrativen Strukturen geändert und die Steuereinhebung reformiert werden. Jugend und Frauen müssten in Verwaltung, Politik und Wirtschaft und vor allem im Reformprozess eine stärkere Rolle einnehmen.

Mehr Neugründungen

"Kern einer Wachstumsstrategie muss sein, Neugründungen zu forcieren, Direktinvestitionen attraktiv zu machen (etwa durch Schaffung von Industriezonen in der Nähe der Häfen), Industriecluster zu bilden (etwa im Pharmabereich) oder Wind- und Solartechnologie vorrangig zu nutzen", so Aiginger.

Von den für Griechenland reservierten Mitteln des Europäischen Investitionsfonds wurden nach einer Studie der Harvard University im Jahr 2012 13 Milliarden Euro (bzw. drei Prozent der griechischen Wirtschaftsleistung) nicht verwendet, d. h. sie wurden entweder nicht zugeteilt oder nicht abgerufen. Die Mittel der Europäischen Investitionsbank (EIB), die Mitte 2012 beschlossen und durch eine Kapitalerhöhung ermöglicht wurden, wurden bis Ende 2012 ebenfalls nicht wirksam, so das Wifo.

"Es ist ineffizient, finanzielle Unterstützung über Kredite und Haftungen von Staatsanleihen zu geben und gleichzeitig die notwendige aktive Komponente der Reformen dadurch zu verhindern, dass Strukturmittel nicht ausgeschöpft werden oder der Kreditvergabeprozess der Europäischen Investitionsbank für Südeuropa zu langsam funktioniert", kritisiert Aiginger.

Arbeitskosten überdurchschnittlich gestiegen

Die Arbeitskosten zogen in Griechenland laut Wifo zwischen 2000 und 2008 um sieben Prozent stärker an als im Durchschnitt der EU-15. Dabei waren die Lohnsteigerungen nicht stärker als zuvor, aber die Produktivitätssteigerungen kamen zum Stillstand. Hier war die Verringerung der Direktinvestitionen ein wichtiger Faktor. Seit 2008 wurden die Arbeitskosten so stark gesenkt, dass sie 2012 wieder um vier Prozent niedriger waren als 2000. Nur gegenüber Deutschland, wo besonders starke Lohnzurückhaltung geübt wird, waren die Lohnkosten noch um neun Prozent höher als 2000.

Das Defizit der Leistungsbilanz sank von 18 Prozent des BIP im Jahr 2008 auf acht Prozent 2012. Die Außenhandelsbilanz wäre nahezu ausgeglichen, wenn Griechenland nicht relativ hohe Rüstungsimporte und Erdölimporte aufweisen würde und die Tourismuseinnahmen nicht relativ zur Wirtschaftsleistung seit 2000 geschrumpft wären, so das Wifo. Der Anteil der Industrie an der Wertschöpfung verringerte sich seit den 1970er-Jahren von 16 Prozent auf 9 Prozent im Jahr 2008.

 

(APA)

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6 Kommentare

Griechenlands Wirtschaft noch nicht über dem Berg

man muß sich die Frage stellen welche Stückkosten sind hier gemeint.
Was will man mit Wind was anderes fällt diesen Ökonomen nicht ein.
Solaranlagen brauchen die Griechen nicht aus Europa, das würden die aus der USA bekommen dort sind sie selbst an solchen Firmen beteilgt.
Griechenland war einmal einer der größten Pharmahersteller in Europa.
In Griechenland gibt es alles außer Unternehmer die sich bei dieser Politik sagen lassen was sie zu machen haben.
Die Griechen sind die besten Geschäftsleute ausserhalb Griechenlands, woran das wohl liegt ???
In Griechenland gibt es keine Problemzonen wenn die Politik sich nicht in das Geschäft einmischt von dem sie absolut nichts verstehen.
Von pro Kopf Einkommen zu reden ist wohl als Scherz gedacht.

Keynsianische Theorie ist wie alle Theorien zeitlich unbegrenzt. Erst wenn eine Theorie in die Praxis umgewandelt wird oder in der Praxis Anwendung findet, ist sie zeitlich begrenzt.
Wissenschaft beruht auf dem Wissen des nichtfunktionierens nach einem Mißerfolg.
Wirtschaft ist ein komplexes System, sie beweist sich immer selbst, sie ist nur vom Mensch selbst abhängig und nie von einer Theorie.

Keyn`s ist hier nicht der richtige Ansatz das wäre schon eher August von Hayek.

Niemand ist Schuld an der Krise in Griechenland, ausser die Politiker die das Land Pleite gemacht haben.
Wie heißt es , die Botschaft höre ich wohl, allein mir fehlt der Glaube !!



Aiginger widerspricht den Erfahrungen von Schweden und Lettland

In Schweden und Lettland wurde ein anderer Weg gegangen, als der den Aiginger vorschlägt.

Dort wurde hart gespart, die Strukturprobleme wurden bekämpft und die Problemzonen abgebaut.
Der Effekt war, dass sich nach 2-3 Jahren ein erster Budgetüberschuss (ohne die Zinszahlungen) einstellte (was in GR gerade passiert ist).
In dieser Zeit wurden die Produktionskosten wieder attraktiv und die eigenen Leute bekamen wieder Selbstvertrauen, unternehmerisch aktiv zu werden.
Nach weiteren 3 Jahren war das Budget auch mit den Zinszahlungen positiv und die Wirtschaft auf einem nachhaltigen Aufstiegspfad. Natürlich von "2008" weit weg, aber 2008 war auch ein Jahr, wo Zahlen eher eine Blase waren, als ein Fels, auf dem man bauen kann.

Ich befürchte, dass Aiginger seine Felle davonschwimmen sieht, weil die Keynsianische Theorie in der derzeitigen Situation nicht wirkt, und daher gibt es solche "Ratschläge".

Ich meine eher: In einem verdreckten Aquarium sollte man es mal putzen (das machen gerade die Griechen) anstelle die Fische verstärkt zu füttern (das schlägt Aiginger vor). Weil den "dicken Fischen" geht irgendwann die Luft aus, und dann schwimmen sie oben.

noch nicht über dem Berg

Diese Nachricht kommt jetzt aber sehr überraschend. Wer hätte aber auch damit gerechnet?

Krise wird sich verschärfen

Für die Verschärfung der Krise ist die Fehlannahme der IWF-Experten, welche davon ausgegangen sind, dass eine Reduktion der Staatsausgaben defacto keine Auswirkung auf den privaten Konsum hat, mitverantwortlich.

Jeder Bürger mit etwas HAUSVERSTAND, weiß dass
wenn ich weniger Geld bekomme ich auch weniger ausgeben kann. Für solche Fehleinschätzungen sollten auch die Experten sowie deren Institutionen zur Schadenswiedergutmachung herangezogen werden.

Überhaupt sollten Parteien für ihre in Schlüsselpositionen gehievten Günstlinge eine wenn auch nur symbolische Haftung übernehmen müssen, damit sie aus Eigeninteresse Wert auf deren fachlichen Qualifikationen legen.

0 0

der

Berg ist allerdings nur mit einem Periskop sichtbar.

0 0

nicht übern Berg

ach wirklich.

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