Griechenlands Wirtschaft noch nicht über dem Berg

Das Griechenland-BIP 2013 wird wahrscheinlich um 23 Prozent unter 2008 liegen, schreibt das Wifo. Die hohe Arbeitslosigkeit dürfte weiter steigen.

Griechenlands Wirtschaft noch nicht
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Griechenlands Wirtschaft noch nicht
(c) EPA (GEORGE CHRISTAKIS)

Griechenlands Wirtschaftsleistung wird 2013 voraussichtlich um 23 Prozent unter ihrem bisherigen Höchstwert im Jahr 2008 liegen. Damit sei Griechenlands Aufholprozess nicht nur zum Stillstand gekommen, sondern habe sich sogar umgekehrt, so Wifo-Chef Karl Aiginger in einem aktuellen Wifo-Arbeitspapier.

Die griechische Wirtschaft befindet sich demnach noch nicht über dem Berg. "Die von der griechischen Zentralbank im Jänner angedeutete Möglichkeit, Griechenland habe die schwersten Rückschläge schon hinter sich, kann ohne einen Kurswechsel in der Konsolidierungspolitik und ohne stärkere Investitionshilfen und Direktinvestitionen in Griechenland nicht nachvollzogen werden", so Aiginger.

Das Pro-Kopf-Einkommen der Griechen ist lauf Wifo von 1960 bis 2008 von 60 Prozent des EU-15-Wertes bis auf 84 Prozent gestiegen. 2012 sei es kaufkraftbereinigt wieder um 28 Prozent unter dem Durchschnitt der EU-15 gelegen. "Die Kluft war damit zwar noch kleiner als 1960 und auch etwas kleiner als für Portugal, aber dennoch hat sich der Einkommensrückstand deutlich vergrößert", so Aiginger. Die Arbeitslosenquote erhöhte sich von 2008 bis 2012 von 7,7 Prozent auf 19,7 Prozent und dürfte 2013 weiter steigen.

Strategiewechsel notwendig

Eine Trendwende ohne Strategiewechsel und Hilfe durch europäische Partner hält Aiginger nicht für möglich. Griechenland müsste selbst verstärkt aktiv werden und konkurrenzfähige Sektoren in der Industrie und im Dienstleistungsbereich ausbauen, die Tourismussaison verlängern und die Angebote mit Gesundheitsleistungen verbinden, schlägt der Wifo-Chef vor.

Weiters müssten die administrativen Strukturen geändert und die Steuereinhebung reformiert werden. Jugend und Frauen müssten in Verwaltung, Politik und Wirtschaft und vor allem im Reformprozess eine stärkere Rolle einnehmen.

Mehr Neugründungen

"Kern einer Wachstumsstrategie muss sein, Neugründungen zu forcieren, Direktinvestitionen attraktiv zu machen (etwa durch Schaffung von Industriezonen in der Nähe der Häfen), Industriecluster zu bilden (etwa im Pharmabereich) oder Wind- und Solartechnologie vorrangig zu nutzen", so Aiginger.

Von den für Griechenland reservierten Mitteln des Europäischen Investitionsfonds wurden nach einer Studie der Harvard University im Jahr 2012 13 Milliarden Euro (bzw. drei Prozent der griechischen Wirtschaftsleistung) nicht verwendet, d. h. sie wurden entweder nicht zugeteilt oder nicht abgerufen. Die Mittel der Europäischen Investitionsbank (EIB), die Mitte 2012 beschlossen und durch eine Kapitalerhöhung ermöglicht wurden, wurden bis Ende 2012 ebenfalls nicht wirksam, so das Wifo.

"Es ist ineffizient, finanzielle Unterstützung über Kredite und Haftungen von Staatsanleihen zu geben und gleichzeitig die notwendige aktive Komponente der Reformen dadurch zu verhindern, dass Strukturmittel nicht ausgeschöpft werden oder der Kreditvergabeprozess der Europäischen Investitionsbank für Südeuropa zu langsam funktioniert", kritisiert Aiginger.

Arbeitskosten überdurchschnittlich gestiegen

Die Arbeitskosten zogen in Griechenland laut Wifo zwischen 2000 und 2008 um sieben Prozent stärker an als im Durchschnitt der EU-15. Dabei waren die Lohnsteigerungen nicht stärker als zuvor, aber die Produktivitätssteigerungen kamen zum Stillstand. Hier war die Verringerung der Direktinvestitionen ein wichtiger Faktor. Seit 2008 wurden die Arbeitskosten so stark gesenkt, dass sie 2012 wieder um vier Prozent niedriger waren als 2000. Nur gegenüber Deutschland, wo besonders starke Lohnzurückhaltung geübt wird, waren die Lohnkosten noch um neun Prozent höher als 2000.

Das Defizit der Leistungsbilanz sank von 18 Prozent des BIP im Jahr 2008 auf acht Prozent 2012. Die Außenhandelsbilanz wäre nahezu ausgeglichen, wenn Griechenland nicht relativ hohe Rüstungsimporte und Erdölimporte aufweisen würde und die Tourismuseinnahmen nicht relativ zur Wirtschaftsleistung seit 2000 geschrumpft wären, so das Wifo. Der Anteil der Industrie an der Wertschöpfung verringerte sich seit den 1970er-Jahren von 16 Prozent auf 9 Prozent im Jahr 2008.

 

(APA)

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