"Sicherer-Hafen-Effekt": Deutschland profitiert von Krise

Das Land spart sich bis 2023 mindestens 15 Milliarden Euro Zinskosten. Ab 2015 wird der Bund zur Finanzierung seiner Ausgaben keine neuen Schulden machen.

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Deutschland spart durch EuroSchuldenkrise
Deutschland spart durch EuroSchuldenkrise – (c9 EPA (Karl-Josef Hildenbrand)

Die deutsche Regierung zählt zu den Profiteuren der Euro-Schuldenkrise. Nach Berechnungen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) spart der Bund bis 2023 Zinskosten in Höhe von mindestens 15 Milliarden Euro, weil Deutschland bei Investoren als sicherer Hafen gilt. So ist die Nachfrage nach Bundesanleihen besonders groß, während zahlreiche Krisenländer Anleger mit wesentlich höheren Zinsen locken müssen oder sogar ganz vom Kapitalmarkt abgeschnitten sind. Nach den IfW-Berechnungen für die Nachrichtenagentur Reuters wird die "Krisen-Rendite" weiter steigen, wenn die Niedrigzinsphase anhält.

IfW-Experte Jens Boysen-Hogrefe sagte am Montag, allein 2013 mache der Effekt ungefähr zwei Milliarden Euro aus. Die Zinsersparnis spielt eine wichtige Rolle bei der Konsolidierung des Bundeshaushaltes. International wird Deutschland immer wieder vorgeworfen, Krisenländern wie Griechenland harte Sparauflagen zu diktieren, selbst aber zu den Profiteuren der Krise zu gehören.

Der "Sicherer-Hafen-Effekt"

Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble muss jedes Jahr rund ein Fünftel seines Schuldenbergs von 1,3 Billionen Euro umschulden - in diesem Jahr rund 250 Milliarden Euro. Dem IfW zufolge profitiert er seit 2009 vom allgemeinen Rückgang des Zinsniveaus in Höhe von mehr als 80 Milliarden Euro: Diesen Betrag hätte er bis 2023 mehr an Zinsen zahlen müssen, wenn er sich zum durchschnittlichen Zinssatz der Vorjahre hätte verschulden müssen. Von den 80 Milliarden Euro gehen dem IfW zufolge gut 15 Milliarden Euro alleine auf den "Sicherer-Hafen-Effekt" zurück.

Die Zinsersparnis hilft Schäuble - neben den hohen Steuereinnahmen - bei der Rückführung der Neuverschuldung. So konnte die deutsche Regierung wegen der niedrigen Zinsen in ihren Eckwerten für den Bundeshaushalt 2014 die Zinsausgaben gegenüber der bisherigen Planung um vier Milliarden Euro geringer ansetzen. 2015 rechnet die deutsche Regierung damit, dass der Bund zur Finanzierung seiner Ausgaben keine neuen Schulden mehr machen muss, in den Jahren danach sollen Überschüsse anfallen. Viele andere Euro-Länder sind dagegen noch immer weit davon entfernt, wieder solide zu haushalten oder die EU-Vorgaben zur Neuverschuldung einzuhalten.

Flucht in Bundesanleihen erst seit 2011

Das IfW verglich zur Berechnung der Zinsersparnis in einem ersten Schritt die derzeitigen Zinsen bei Anleihe-Emissionen des Bundes mit den durchschnittlichen Zinsen, die von Einführung des Euro 1999 bis zum Ausbruch der Schuldenkrise 2009 gezahlt wurden. Um den Effekt des sichereren Hafens zu isolieren, setzte es in einem zweiten Schritt die vom Bund gezahlten Zinsen ins Verhältnis zum EZB-Leitzins und errechnete daraus die Ersparnis, die durch das für Deutschland günstigere Zinsverhältnis zustande kommt.

Dabei stellte sich heraus, dass die Investoren erst ab 2011 massiv in Bundesanleihen flüchteten: Seit dieser Zeit sind die Bundespapiere im Vergleich zum EZB-Zins deutlich günstiger als davor. In der zweitgrößten Euro-Volkswirtschaft Frankreich habe sich das Zinsverhältnis dagegen kaum verändert, erklärte Boysen-Hogrefe.

(APA/Reuters)

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