Zypern: Ein Land, in dem nur noch Bargeld zählt

Auf der Mittelmeerinsel geht ohne Geldscheine gar nichts mehr. Die Bürger des EU-Landes sind plötzlich mit Mangelwirtschaft konfrontiert.

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(c) REUTERS (YANNIS BEHRAKIS)

Nikosia/Wien . Mitte vergangener Woche landete eine mit dem Union Jack verzierte Militärmaschine auf der britischen Basis Akrotiri westlich der zypriotischen Stadt Limassol. Die brisante Fracht: eine Million Euro in kleinen Scheinen. Das Verteidigungsministerium in London wollte so sicherstellen, dass die rund 3500 britischen Militärangehörigen auf der wirtschaftlich mehr als angeschlagenen Mittelmeerinsel auch dann noch ein paar Euro für die notwendigsten Einkäufe in der Tasche haben, wenn im Rest Zyperns gar nichts mehr geht.

Die etwas panisch anmutende Vorsichtsmaßnahme ist nicht ganz unbegründet: Seit einer Woche probt das Land unfreiwillig die Wiedereinführung der Bargeldgesellschaft. Banken sind geschlossen, Sparbücher können nicht „verflüssigt“ werden, Onlinebanking funktioniert nicht, Überweisungen sind nicht möglich. Denn das Ringen um die Rettung der beiden größten Banken des Landes und damit der (andernfalls zum Bankrott verurteilten) Republik Zypern ist offen. Und ein Aufsperren der Banken in dieser Situation würde unweigerlich zum großflächigen Abzug der Bankeinlagen und damit zu deren sicherer Pleite führen.

 

Nur Bankomaten funktionieren

Zyperns Bürgern beschert das ein Wechselbad der Gefühle: Durch die plötzliche Mangelwirtschaft realisiert man erstmals hautnah, dass die Lage wirklich ernst geworden ist. Dass man möglicherweise vor einem Staatsbankrott und dem damit verbundenen abrupten Abschied von der Wohlstandsgesellschaft steht.

Das Einzige, was noch funktioniert, sind die Bankomaten. Die spucken, je nach Bank, zwischen 260 und 800 Euro pro Tag und Karte aus. Offiziell – und theoretisch. Denn unterdessen häufen sich die Berichte, dass einzelne Automaten statt der erhofften Hunderter nur noch ein paar Zehner pro Transaktion herausrücken.

So sie nicht schon geleert sind. Denn die Banken kommen mit dem Nachfüllen der Automaten kaum nach. Schließlich versucht jeder Bankkunde, noch möglichst viel von seinem Konto zu retten, bevor der befürchtete Kollaps eintritt. Wenn er kann: Viele Pensionisten haben keine EC-Karte.

Macht nichts, denkt sich Konstantin Normalverbraucher: Wozu gibt es Kreditkarten? Ein trügerischer Gedanke. Denn in den meisten Restaurants, Hotels und Geschäften werden die kleinen Plastikkärtchen einfach nicht mehr akzeptiert. Nicht ohne Grund: Die Kreditkartenrechnung wird ja auf das Konto überwiesen. Und auf das hat man keinen Zugriff. Auch nicht, um Lieferanten oder Angestellte zu bezahlen.

Dasselbe gilt an Tankstellen: Dort gibt es Treibstoff nur noch gegen Cash. Denn der Tankstellenbetreiber braucht Bargeld, um seine Treibstofflieferungen bezahlen zu können. Der Nebeneffekt: Im an sich schon beschaulichen Nikosia ist es noch ruhiger geworden, der Autoverkehr hat deutlich nachgelassen.

Zypern ist also zumindest vorübergehend zur Bargeldwirtschaft zurückgekehrt. So richtig funktioniert das freilich nicht. Denn größere Anschaffungen lassen sich mit dem Geld aus dem Bankomaten nicht tätigen. Möbel- und Autohändler berichten, sie hätten seit Tagen keinen Kunden mehr gesehen. Aber auch in kleinen Geschäften sind die Umsätze sehr überschaubar geworden. Hier kommt manchmal eine ganz alte Methode der Geschäftsankurbelung zum Einsatz: Für gute Kunden wird „angeschrieben“.

Auf der Makroebene funktioniert die Bargeldgesellschaft naturgemäß gar nicht: Die Importe und Exporte des Landes sind – mangels der Möglichkeit von bargeldlosen Transaktionen – praktisch zum Erliegen gekommen.

Wenn das noch länger andauert, dann wird man in den Geschäften auch mit Bargeld bald nichts mehr bekommen.

Was funktioniert noch?

Bargeld ist das einzig wirklich akzeptierte Zahlungsmittel. Bankomaten funktionieren, bei vielen ist die Auszahlung aber begrenzt. Münzen (Wechselgeld!) werden langsam knapp, weshalb beispielsweise Taxifahrer dazu übergehen, Pauschalsummen in „Scheingröße“ (fünf, zehn, 15, 20Euro) zu verlangen.

Kreditkarten, EC-Karten. Bargeldloses Zahlen wird in Restaurants, Hotels, Geschäften etc. fast nirgends mehr akzeptiert, weil Geschäftsleute fürchten, auf ihre Konten nicht mehr zugreifen zu können.

Überweisungen sind, solange die Banken geschlossen halten, nicht möglich. Auch Internetbanking funktioniert nicht, die Onlinebankingsysteme sind deaktiviert.

Sparbücher. Banken sind geschlossen, Internetbanking ist deaktiviert, es gibt also zurzeit keinen Zugriff auf Sparkonten bei zypriotischen Banken.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.03.2013)

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