Russland: Wie aus Oligarchen Magnaten wurden

02.04.2013 | 18:31 |  Von unserem Korrespondenten EDUARD STEINER (Die Presse)

Die Bankenkrise auf Zypern hat die russischen Oligarchen wieder einmal ins Blickfeld gerückt. Zwar ist ihr politischer Einfluss in Russland geringer geworden, ihre wirtschaftliche Macht ist aber nicht zu unterschätzen. Auch weil der Staat nicht wirklich ohne sie auskommt.

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Moskau. Schnell hatte sich der Wind gedreht: Nach anfänglicher Empörung über die Europäische Union ist das offizielle Russland in der Causa Zypern auffällig ruhig geworden. Kein Wort mehr von der Enteignung der Russen, die ihr Geld in dem kleinen Euroland geparkt haben.

Nun ist von russischer Seite vielmehr zu hören, dass man erst dann aushelfen werde, wenn ein russischer Staatskonzern von der Abwicklung der zwei zypriotischen Banken betroffen sei. Aber wenn sonst „jemand betroffen ist und Geld verliert, ist das zwar sehr schade, nur unternehmen wird der Staat in dieser Situation nichts“, erklärte Vizepremier Igor Schuwalow. Die Reaktion im Inland folgte prompt. Die Zeitung „Wedomosti“ kommentierte, dass die Beamten Russlands daran Freude zu haben scheinen, wenn reiche Russen, denen man das Leben selbst schwer machen wollte, nun in Zypern eine auf die Rübe bekommen – quasi als späte Rache des Staates an den verhassten Oligarchen.

 

Politisch an Einfluss verloren

Was auf den ersten Blick logisch aussehen mag, ist in Wahrheit komplizierter. Das ach so straff geführte Regime Wladimir Putins sei durch seine Tatenlosigkeit mitverantwortlich, dass die Oligarchen ihre Industrieaktiva in Offshore-Zonen registriert haben, analysiert Wladimir Inosemzev, Chef des Moskauer Instituts für postindustrielle Gesellschaft. Inosemzev vermutet dahinter das Kalkül, dass im Verbund mit den Oligarchen auch Topbeamte ihre Firmenbeteiligungen vor dem Fiskus verstecken konnten. Russlands anfängliche Empörung über die Bankenabwicklung dürfte also in direktem Zusammenhang damit stehen, zunächst zu evaluieren, wie viele Beamte aus dem eigenen Stall betroffen sind. Die übrigen „Oligarchen“ aber haben zum Schaden auch den Spott.

Denn Kreml-Chef Wladimir Putin wollte die Oligarchen schon vor vielen Jahren „als Klasse“ der schier omnipotenten Aufsteiger der 1990er-Jahre ausrotten. Ausgerottet hat er sie nicht, aber durch die abschreckende Inhaftierung des vormals reichsten Russen Michail Chodorkowski 2003 immerhin politisch entmannt, sodass der Begriff „Oligarch“ längst veraltet ist. Wer sich nicht mit Putin anlegte, durfte seine Aktiva behalten. Das direkte Vertrautenumfeld von Putin aber bildete fortan ein knappes Dutzend anderer Leute aus Militär und Geheimdienst. Sie erhielten die Oberaufsicht über ganze Wirtschaftssektoren und machten sich im weitgehend renationalisierten Öl- und Gasgeschäft breit.

Und dennoch: Die „alten Oligarchen“ haben zwar politisch an Einfluss verloren, als wirtschaftliche Magnaten aber sind sie nicht aus dem Geschäft. Ja, selbst politisch können sie Einfluss geltend machen, wie Inosemzev erklärt: Jetzt diktieren die Großunternehmer „dem Staat nicht so sehr ihren Willen, sondern treten vielmehr in seinem Namen auf“. Als Abgeordnete würden sie die Interessen ihrer Unternehmensgruppen durchsetzen.

 

Griff in die Trickkiste

Wirtschaftslobbying auf russische Art also. Nicht gegen Putin, sondern mit ihm. Dass es im eigenen Interesse geschieht, ist kein Widerspruch. Das zeigte sich zu Beginn der Finanzkrise. Zwar hoch verschuldet, griffen die Magnaten in die Trickkiste, warnten die Regierung aber davor, dass die verschuldeten Betriebe ausländischen Gläubigern zufallen oder Mitarbeiter strauchelnder Unternehmen sich zum Straßenprotest versammeln könnten.

Der Staat fiel darauf herein. Und mit einem Mal war die seltsame Symbiose zutage getreten, die sich zwischen Putin und den Magnaten gebildet hatte. Putin griff ihnen mit Milliardenbeträgen unter die Arme – auch deshalb, weil er selbst keine besseren Leute für das Management großer Industriekonglomerate parat hatte. Am Ende war es also selbst in der Krise nicht zu jener „umfangreichen Umverteilung von Vermögenswerten“ gekommen, die ein Magnat ursprünglich befürchtet hatte. Und am Ende hatte Putin die Krise nicht genützt, um die von ihm propagierte Entoligarchisierung zu vollziehen und die Wirtschaft des Landes zu entmonopolisieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2013)

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2 Kommentare

monaco, rockefeller?

ich verstehe die aufregung nicht: fast alle grossen vermögen sind durch verbrechen zustande gekommen.
sobald dann genug geld da ist kaufen sich die leute gesetze und alles ist schön.
warum sollte das in russland anders sein?

Re: monaco, rockefeller?

Und es fängt bei den Politikern an die die dafür notwendigen Rahmenbedingungen schaffen oder nicht schaffen.


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