Dänische Schuldenparty: Billige Kredite laufen aus

Verlockend günstige Darlehen machten die Dänen zum am stärksten verschuldeten EU-Volk. Nun müssen die ersten Kredite abbezahlt werden. Experten warnen vor einer Pleitewelle.

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Daenische Schuldenparty Billige kredite – (c) Erwin Wodicka (Erwin Wodicka)

Kopenhagen. Es klingt verlockend: Mit Minimalzinsen und zehnjähriger Tilgungsfreiheit bieten die dänischen Hypothekenanstalten potenziellen Hauskäufern billiges Geld in Hülle und Fülle. Wer sich eine halbe Million Euro borgen will, braucht monatlich netto nur knapp 400 Euro zu zahlen. 80 Prozent des Immobilienwertes lassen sich mit den günstigen Krediten beleihen. Das klingt zu gut, um wahr zu sein – und das ist es auch: Das dicke Ende kommt, wenn es nach zehn Jahren an die Rückzahlung geht.

Nun warnen Experten vor einer Pleitewelle, die den früher so stabilen dänischen Immobilienmarkt erschüttern und zehntausende Familien in den Ruin treiben könnte. Die günstigen Kredite haben aus den Dänen das am schwersten verschuldete Volk der EU gemacht: Die private Verschuldung beträgt 322 Prozent der verfügbaren Einkommen, rund viermal so viel wie in Deutschland oder Österreich. 85 Prozent davon entfallen auf den Wohnungsmarkt. Dort sind mittlerweile mehr als die Hälfte aller Darlehen tilgungsfrei, es werden also nur die Zinsen bezahlt.

Der IWF drängt Gesetzgeber und Banken in Dänemark, die riskanten Hypothekenkredite aufzugeben. In vielen Ländern sei diese Art von Darlehen verboten. Angesichts eines Kreditvolumens von 1,3 Billionen Kronen (175 Mrd. Euro) ist die Abschaffung keine Option, doch man möge erwägen, die Beleihung von 80 auf 60 Prozent des Immobilienwerts zurückzufahren, so der IWF. Die Ratingagentur Standard & Poor's warnt vor einer Destabilisierung des dänischen Hypothekenmarkts und einem kräftigen Anstieg von Schuldenrückständen und Zwangsauktionen. Die dänische Zentralbank kritisierte schon vor zwei Jahren, dass die tilgungsfreien Kredite stark zur Immobilienblase beigetragen hätten, durch die Dänemark von der Finanzkrise besonders hart getroffen wurde.

Dabei hat die damalige bürgerliche Regierung die Kreditform gepriesen, als sie 2003 dafür grünes Licht gab. Die tilgungsfreie Periode würde auch Kunden den Kauf eines Eigenheims ermöglichen, die sich sonst keines leisten könnten. Betuchte könnten das billige Geld nutzen, um andere teurere Schulden zu begleichen. Das Risiko sei gleich null, behauptete der konservative Sprecher Lars Barfoed: Wenn die Tilgungsfreiheit nach zehn Jahren ablaufe, sei der Wert des Hauses so gestiegen, dass man innerhalb der 80-Prozent-Beleihungsgrenze einfach ein neues Darlehen aufnehmen könne.

 

Preise explodiert, Blase geplatzt

Die Wirklichkeit war eine andere. Durch die billigen Kredite explodierten die Immobilienpreise. Hausbesitzer reizten die Möglichkeiten voll aus und kauften mit frischen Darlehen teure Küchen, Swimmingpools und Autos. Nur wenige nutzten die Mittel, um sich finanziell zu konsolidieren. So waren die Dänen schwerer verschuldet als je zuvor, als die Finanzkrise den Wohnungsmarkt voll traf, die Preise absackten und die Häuser nicht mehr zu verkaufen waren. Von diesem Rückschlag hat sich der Immobilienmarkt nicht wieder erholt, was vor allem Familien trifft, die ihre Häuser auf dem Höhepunkt des Booms 2006 und 2007 gekauft haben. Jetzt sind sie durchschnittlich 25 Prozent weniger wert. Die Schulden übertreffen den Immobilienwert oft bei Weitem.

Nun ist die Schuldenparty vorbei. Die ersten Kunden, die vor zehn Jahren die tilgungsfreien Kredite zeichneten, müssen heuer ihre Darlehen umlegen oder mit der Abzahlung beginnen. Vorerst sind nur relativ wenige Hauseigner betroffen. Doch 2016 und 2017 steht die Refinanzierung der teuersten Darlehen an. Laut einer Studie der Universität Odense könnten über 100.000 Familien die Rückzahlung nicht ohne Hilfe schaffen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.04.2013)

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