Frankfurt/Paris/Red./Ag. Keine Frohbotschaft hatten die wichtigsten Akteure in der Schuldenkrise zu Weihnachten parat: Immer mehr Wirtschaftsprognostiker rechnen mit einer zwar kurzen, aber heftigen Rezession in der Eurozone zu Beginn des kommenden Jahres, die Chefin des Internationalen Währungsfonds sieht dadurch sogar die Weltwirtschaft gefährdet. Der Chefökonom der Deutschen Bank glaubt, dass sich die Schuldenberge in Europa nur durch hohe Inflationsraten abbauen lassen und meint, schon in den ersten drei Monaten werde sich in Italien entscheiden, ob der Euro in der derzeitigen Form Bestand habe oder nicht.
Für die Konjunktur sieht es jedenfalls düsterer als bisher angenommen aus: Der Chefökonom der Deutschen Bank, Thomas Mayer, sagte in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, in Deutschland werde es zwar keinen wirklich großen Abschwung geben. Über den Winter werde die wichtigste Volkswirtschaft der Eurozone aber zwei Quartale in Folge schrumpfen. Und das erste Halbjahr 2012 werde „schlimmer, als die meisten jetzt noch erwarten“. Im zweiten Halbjahr würde aber eine positive Entwicklung in den Schwellenländern (vor allem in China) sowie die „erstaunlich solide Entwicklung in den USA“ für einen Aufschwung sorgen.
Kurze Rezession in Deutschland
Die Konjunktursorgen werden von deutschen Wirtschaftsforschern offenbart geteilt: Erst kürzlich hatte das Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung seine Wachstumsprognose für Deutschland 2012 auf 0,4 Prozent zurückgenommen. Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) rechnet sogar mit einem BIP-Rückgang um 0,1 Prozent. Die Deutsche Regierung hält in ihrer offiziellen Prognose zwar noch an einem Prozent Wachstum fest.
Über Weihnachten waren in deutschen Finanzkreisen aber Gerüchte aufgekommen, wonach auch die Regierung ihre Prognose bei der Vorlage ihres Jahreswirtschaftsberichts Mitte Jänner nach unten korrigieren werde. Eine Sprecherin der Regierung widersprach dem freilich.
Der Internationale Währungsfonds beginnt sich allerdings ernste Sorgen um die europäische Konjunktur zu machen: IWF-Chefin Christine Lagarde sagte, die Schuldenturbulenzen der Eurozone hätten die Weltwirtschaft in eine „gefährliche Lage“ gebracht. Der EU-Krisengipfel Anfang Dezember habe keine Erleichterung verschafft, weil die Regierungschefs dabei „zu wenig ins Detail“ gegangen seien. „Es wäre hilfreich, wenn die Europäer mit einer Stimme sprächen und einen einfachen und detaillierten Zeitplan in Aussicht stellten“, sagte Lagarde der französischen Zeitung „Journal du Dimanche“: „Die Investoren warten darauf. Große Prinzipien beeindrucken die nicht.“
Schon in der Vorwoche hatte Lagarde erklärt, der IWF werde seine Prognose für die Weltwirtschaft (derzeit vier Prozent) absenken. Wie stark diese Korrektur ausfallen könnte, ließ die IWF-Chefin allerdings offen.
Schulden werden weginflationiert
Der Schlüssel für den Euro liegt in Italien, meint Deutsche-Bank-Chefökonom Mayer. Das hoch verschuldete Land hat im ersten Quartal sehr hohe Refinanzierungsverpflichtungen, für die es die Kapitalmärkte anzapfen muss. Gleichzeitig werde Italien gleich zu Jahresbeginn in eine „tiefe Rezession“ stürzen. Wenn es dem Land gelinge, vor den für Mai angekündigten Neuwahlen aus diesem Schlamassel herauszukommen, könnte Italien zum „Vorbild für alle südeuropäischen Staaten“ werden. Wenn nicht, werde die Eurozone zerbrechen.
Der Chefvolkswirt der größten deutschen Bank rechnet freilich auch noch mit anderen Unannehmlichkeiten. So werde etwa die Finanzkrise weiter die Stabilität der Banken untergraben. Und zwar nicht nur im kommenden Jahr, sondern „im ganzen Jahrzehnt“.
Die Staaten wiederum würden ihre Schulden nur durch erhöhte Inflationsraten abtragen können, ist der Experte überzeugt. Im kommenden Jahr werde sich der Inflationsdruck rezessionsbedingt zwar erst einmal abschwächen und die EZB werde die Zinsen noch einmal auf 0,5 Prozent senken. Mit dem Aufschwung werde aber auch die Inflation zurückkehren: „Die EZB wird das Problem ähnlich lösen wie die amerikanische Fed – sie wird einen Teil der Schulden weginflationieren.“
Die Eurozone wird Anfang nächsten Jahres eine kurze, aber vor allem in Südeuropa heftige Rezession erleben, in der sich das Schicksal des Euro entscheiden wird: Wenn Italien seine Probleme nicht kurzfristig in den Griff bekommt, könnte der Euro zerbrechen, fürchtet der Chefvolkswirt der größten deutschen Bank.
Der Internationale Währungsfonds fürchtet unterdessen, dass die Rezession in Europa die gesamte Weltwirtschaft schwer in Mitleidenschaft ziehen könnte.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.12.2011)

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