Das europäische Rating-Gespenst

17.01.2012 | 18:18 |  JEANNINE HIERLÄNDER UND NIKOLAUS JILCH (Die Presse)

Kaum wird ein Euroland herabgestuft, kommt der Ruf nach einer europäischen Ratingagentur. Um von den großen US-Gesellschaften wie Standard & Poor's, Moody's und Fitch unabhängig zu werden.

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Wien. Lange kannten sie nur Insider, jetzt entlädt sich Volks- und Politikerwut an ihnen: die Ratingagenturen. Meist ist von Standard & Poor's, Moody's und Fitch die Rede. Die drei dominieren zwar den Markt, es gibt aber mehr als hundert weitere Agenturen. Zum Beispiel Egan-Jones, Weiss Ratings (beide USA) und die staatliche chinesische Agentur Dagong. Dass sie von den Europäern ignoriert werden, hat einen Grund: Ihre Benotungen fallen meist weit schlechter aus als die der „großen drei“. Deswegen fordern europäische Politiker in schöner Regelmäßigkeit eine „eigene europäische Ratingagentur“. Geschehen ist bisher wenig.

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1. Wie kam es zur Marktbeherrschung durch die „großen Drei“?

S&P, Moody's und Fitch verfügen über mehr Erfahrung, Reputation und Mitarbeiter als die übrigen Agenturen. Wirklich groß gemacht hat sie erst die Politik: Viele Regulierungsgesetze schreiben nämlich die Beachtung der Ratings vor. Die „großen drei“ werden dabei weltweit bevorzugt – was ihre Dominanz zementiert. So müssen sich große institutionelle Anleger, wie Versicherungen oder Pensionsfonds, an den Ratings der großen Agenturen orientieren.

2. Was steht hinter der Idee einer europäischen Ratingagentur?

Man wolle „unabhängig“ von den Urteilen der großen US-Agenturen werden, lautet oft die Begründung. Europa fühlt sich von den marktbeherrschenden Agenturen oft ungerecht behandelt. Theoretisch kann jedes Unternehmen seine eigenen Ratings erstellen – ob staatlich oder privat. Die entscheidende Frage ist, ob die Investoren auf deren Urteile vertrauen. Würde eine europäische Agentur bessere Noten verteilen als die Konkurrenz, würden Investoren vermutlich eher auf Letztere hören als auf die neue.

>>> Karte: Die Ratings der EU-Länder

3. Welche Vorschläge wurden bisher gemacht?

Der Kreativität von Politikern sind in Sachen Ratingagentur kaum Grenzen gesetzt. So sagte der deutsche Außenminister Guido Westerwelle gestern, Dienstag, die EU-Agentur müsse nach dem Vorbild von „Stiftung Warentest“ entstehen. Selbst ins Spiel gebracht hat sich der EU-Rechnungshof, andere fordern Ratings vom IWF, der Weltbank, der EZB oder der OECD.

4. Welche konkreten Pläne existieren schon?

Neben einigen privaten Initiativen findiger Geschäftsleute hat sich vor allem die deutsche Unternehmensberatungsfirma Roland Berger auf das Thema gestürzt: Sie hat ein Konzept für eine europäische Agentur ausgearbeitet, will diese aber nicht selbst betreiben. Stattdessen soll eine Stiftung das Projekt „Ratingagentur“ übernehmen.

5. Was wäre an einer europäischen Agentur anders?

Roland Berger schwebt ein anderes Bezahlmodell und eine Non-Profit-Ausrichtung der Agentur vor. Das zentrale Problem bleibt aber die Glaubwürdigkeit. Zu viele Politiker und EU-Bürokraten haben schon nach einer „beeinflussbaren“ europäischen Agentur verlangt.

6. Kann man Ratings nicht einfach verbieten?

Die Idee eines vorübergehenden Rating-Verbots hat EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier schon aufgebracht – um die Dinge „nicht noch zu verschärfen“. Doch dürfte dieser Plan nicht aufgehen: So ein Verbot wäre erstens ein Signal an die Investoren, dass es um die Bonität des Landes schlecht bestellt ist. Zweitens machen sich die Anleger ohnehin ihr eigenes Bild – und verlangen meist lange vor den Herabstufungen höhere Zinsen.

7. Mit welchen Problemen hätte eine europäische Agentur zu kämpfen?

Wäre sie staatlich oder ein Organ der EU, stünde sie unter dem Verdacht politischer Einflussnahme. Und eine neue private Agentur müsste sich auf dem Rating-Markt erst einmal behaupten: Dort zählen vor allem Expertise und ein guter Ruf. Das Wissen, das sich Moody's, S&P und Fitch über die Jahre aufgebaut haben, verleiht ihnen einen erheblichen Vorsprung gegenüber jeder neuen Gesellschaft.

(c) DiePresse

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.01.2012)

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14 Kommentare

Was steht hinter der Idee einer europäischen Ratingagentur?

wohl nichts anderes als die Statistik-Autria, welche den Regierenden ja auch immer sehr brav und auf Zuruf zur Seite steht ?

Es braucht aber (völlig unabhängige) Kontrollorgane, um all dem Unsinn der allein hier im kleinen Land herrscht, beobachtet und abgestraft werden kann !

Leider ist aber wie von unseren Stellen (FMA, RH, Korruptionsstaatsanwaltschaft ...) bekannt, dass solche fleissig pol. unterwandert werden, und somit eigentlich wertlose sind.

Ein RH bsp wollte nicht nur aufzeigen dürfen sondern auch Klage erheben können, da ohne Massnahmen bekanntlich niemals etwas geschieht !

Der eigentliche Sinn einer europäischen Ratingagentur wird hier gar nicht erwähnt!

Wie man aus diesem Text entnehmen kann, gibt es "viele Regulierungsgesetze, [die] . . große institutionelle Anleger, wie Versicherungen oder Pensionsfonds" zwingen, sich an die Ratings der großen US-Agenturen zu halten.

Wenn diese Gesetze aber vorschreiben, sich an die zukünftige europäische Agentur zu halten, kann man die Nachfrage nach europäischen Staatspapieren erhöhen und damit die Zinssätze, die die Staaten für ihre Schulden zahlen müssen, senken.

Das geht natürlich nur, wenn man die unabhängigen US-Agenturen durch eine von der Politik gesteuerte europäische Ratingagentur ersetzt!


und was soll das bringen?

die fundamentalprobleme (zuviel ausgaben, zuviel regulierungen, zuviel umverteilung) bleiben bestehen

das waere aehnlich sinnlos, wenn man um "die inflation zu bekaempfen" 2 nullen streicht von den euroscheinen und wir rechnen wieder in cent - wird aber wenn sich nichts aendern & genauso schnell wieder inflationiert werden

wer diese 45 Minuten durchhält


der weis solide Bescheid:
http://www.youtube.com/watch?v=OK2FWvnewJk

Christoph Minhoff diskutiert in der ersten Sendung UNTER DEN LINDEN mit:

Günter Verheugen (ehem. EU-Kommissar) und
Hans-Werner Sinn (Präsident ifo Institut für Wirtschaftsforschung)

Gast: trader1
17.01.2012 22:43
0

ganz einfach

regel1: vertraue niemandem ausser dir selbst
regel2: gehe zurück zu regel1 :-)

Selbst bewerten

Was soll bitte eine europäische Ratingagentur? Die Ratingagentur arbeitet doch im Auftrag der Gläubiger und nicht der Schuldner.

Die Selbstbewertung eines Schuldners interessiert doch niemanden.

Da gibt es wohl irgendwo ein paar Freunderln, die gerne raten (in beiderlei Leseart) wollen und gerade nichts zu tun haben.

Das ist unrichtig

Österreich engagiert die Rating Agenturen (kürzlich wurde S&P eingeladen und von der Ö. Finanzagentur mit 500.000 € honoriert) um als de Facto Schuldner z.B. ihre Anleihen bestmöglich platzieren zu können.

Machts doch eure EU-Rating-Agentu und bewertets dann Griechenland auf AAA+

dann wird sicher alles gut

(Die EUdSSR wird dann natürlich auch verbieten dass irgend jemand eine andere Meinung verbreitet)

Na passt wenn dann niemand mehr "AAA" ist sind wir mit "AA" eh wieder mit vorne dabei!


Gast: Leser_###
17.01.2012 20:42
9

Das versteh ich jetzt nicht

Solange wir ein spitzenmäßiges Rating hatten (und das hatten wir jahrzehntelang!), wurde niemals über die Ratingagenturen geschimpft.

Kaum ist die Wahrheit auf dem Tisch, sind die Ratingagenturen pfui...

Die EU wird an den Steueroasen krepieren!


Re: Die EU wird an den Steueroasen krepieren!

Ihr sinnloses Geschwätz wird auch durch die 100.te Wiederholung nicht intelligenter und richtiger !

Wenn die EU krepiert dann können die Europäer wenigstens weiter leben

Diese EUdSSR ist nämlich nichts anderes als ein Verarmungspojekt.

Wie den ehemaligen Gefangenen des Ost-Blocks geht es zumindest den Euro-Bürgern immer schlechter.

Ich hab das an meiner Tante gesehen die leider in der DDR leben musste. Nach dem Krieg waren alle gleich arm nur die DDRler blieben arm.

Und heute sich es bei meiner Schwester vor 5 Jahren waren wir ungefähr gleich wie die Schweizer heute verdient sie das doppelte bei gleichem Brutto-Lohn.

Re: Die EU wird an den Steueroasen krepieren!

Die Erfahrung lehrt, das bereits viele Leute in den Wüsten krepiert sind, aber nur wenige in Oasen.

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