Das europäische Rating-Gespenst

Kaum wird ein Euroland herabgestuft, kommt der Ruf nach einer europäischen Ratingagentur. Um von den großen US-Gesellschaften wie Standard & Poor's, Moody's und Fitch unabhängig zu werden.

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(c) EPA (OLIVER�BERG)

Wien. Lange kannten sie nur Insider, jetzt entlädt sich Volks- und Politikerwut an ihnen: die Ratingagenturen. Meist ist von Standard & Poor's, Moody's und Fitch die Rede. Die drei dominieren zwar den Markt, es gibt aber mehr als hundert weitere Agenturen. Zum Beispiel Egan-Jones, Weiss Ratings (beide USA) und die staatliche chinesische Agentur Dagong. Dass sie von den Europäern ignoriert werden, hat einen Grund: Ihre Benotungen fallen meist weit schlechter aus als die der „großen drei“. Deswegen fordern europäische Politiker in schöner Regelmäßigkeit eine „eigene europäische Ratingagentur“. Geschehen ist bisher wenig.

1. Wie kam es zur Marktbeherrschung durch die „großen Drei“?

S&P, Moody's und Fitch verfügen über mehr Erfahrung, Reputation und Mitarbeiter als die übrigen Agenturen. Wirklich groß gemacht hat sie erst die Politik: Viele Regulierungsgesetze schreiben nämlich die Beachtung der Ratings vor. Die „großen drei“ werden dabei weltweit bevorzugt – was ihre Dominanz zementiert. So müssen sich große institutionelle Anleger, wie Versicherungen oder Pensionsfonds, an den Ratings der großen Agenturen orientieren.

2. Was steht hinter der Idee einer europäischen Ratingagentur?

Man wolle „unabhängig“ von den Urteilen der großen US-Agenturen werden, lautet oft die Begründung. Europa fühlt sich von den marktbeherrschenden Agenturen oft ungerecht behandelt. Theoretisch kann jedes Unternehmen seine eigenen Ratings erstellen – ob staatlich oder privat. Die entscheidende Frage ist, ob die Investoren auf deren Urteile vertrauen. Würde eine europäische Agentur bessere Noten verteilen als die Konkurrenz, würden Investoren vermutlich eher auf Letztere hören als auf die neue.

>>> Karte: Die Ratings der EU-Länder

3. Welche Vorschläge wurden bisher gemacht?

Der Kreativität von Politikern sind in Sachen Ratingagentur kaum Grenzen gesetzt. So sagte der deutsche Außenminister Guido Westerwelle gestern, Dienstag, die EU-Agentur müsse nach dem Vorbild von „Stiftung Warentest“ entstehen. Selbst ins Spiel gebracht hat sich der EU-Rechnungshof, andere fordern Ratings vom IWF, der Weltbank, der EZB oder der OECD.

4. Welche konkreten Pläne existieren schon?

Neben einigen privaten Initiativen findiger Geschäftsleute hat sich vor allem die deutsche Unternehmensberatungsfirma Roland Berger auf das Thema gestürzt: Sie hat ein Konzept für eine europäische Agentur ausgearbeitet, will diese aber nicht selbst betreiben. Stattdessen soll eine Stiftung das Projekt „Ratingagentur“ übernehmen.

5. Was wäre an einer europäischen Agentur anders?

Roland Berger schwebt ein anderes Bezahlmodell und eine Non-Profit-Ausrichtung der Agentur vor. Das zentrale Problem bleibt aber die Glaubwürdigkeit. Zu viele Politiker und EU-Bürokraten haben schon nach einer „beeinflussbaren“ europäischen Agentur verlangt.

6. Kann man Ratings nicht einfach verbieten?

Die Idee eines vorübergehenden Rating-Verbots hat EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier schon aufgebracht – um die Dinge „nicht noch zu verschärfen“. Doch dürfte dieser Plan nicht aufgehen: So ein Verbot wäre erstens ein Signal an die Investoren, dass es um die Bonität des Landes schlecht bestellt ist. Zweitens machen sich die Anleger ohnehin ihr eigenes Bild – und verlangen meist lange vor den Herabstufungen höhere Zinsen.

7. Mit welchen Problemen hätte eine europäische Agentur zu kämpfen?

Wäre sie staatlich oder ein Organ der EU, stünde sie unter dem Verdacht politischer Einflussnahme. Und eine neue private Agentur müsste sich auf dem Rating-Markt erst einmal behaupten: Dort zählen vor allem Expertise und ein guter Ruf. Das Wissen, das sich Moody's, S&P und Fitch über die Jahre aufgebaut haben, verleiht ihnen einen erheblichen Vorsprung gegenüber jeder neuen Gesellschaft.

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(c) DiePresse

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.01.2012)

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