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Torsten Hinrichs: "Die Warnungen wurden ignoriert"

21.01.2012 | 18:14 |  von Frank Lindscheid (Die Presse)

Der Deutschland-Chef von Standard & Poor's, Torsten Hinrichs, über Kritik an Ratingagenturen, Kriegserklärungen an den Euro – und die Tatsache, dass S&P das Schuldenproblem schon vor Jahren thematisierte.

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Hat die Ratingagentur Standard & Poor's dem Euro jetzt den Krieg erklärt, wie manche unterstellen? Und wenn ja: Wie fühlt man sich auf der dunklen Seite der Finanzmacht?

Torsten Hinrichs: Wir fühlen uns keineswegs auf der dunklen Seite der Macht – im Gegenteil. Es gibt auch viel Zuspruch von neutraler Seite – ich verweise auf die Chefökonomen der deutschen Banken oder den Chef des Ifo-Instituts, Professor Sinn, die unsere Gründe für die Herabstufungen in der Eurozone durchaus nachvollziehbar finden. Standard & Poor's hat absolut keine politische Agenda. Was sind Ratings? Das ist unsere analytische Meinung über die zukünftige Zahlungsfähigkeit von Schuldnern an den Kapitalmärkten. Wir erstellen diese Meinung auf der Basis transparenter Kriterien. Wir wenden überall die gleichen Prozesse an, und die Ergebnisse publizieren wir über Jahre hinweg.

 

Ihnen und Ihren Kollegen wird vorgeworfen, noch nicht begriffen zu haben, was Europa bereits auf den Weg gebracht hat, schimpft etwa Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble. Ist der Fiskalpakt irrelevant, ist Standard & Poor's tatsächlich ignorant?

Der ist keineswegs irrelevant für uns und wir haben auch begriffen, was die europäische Politik auf den Weg gebracht hat. Aber ich empfehle eine intensive Lektüre der Begründung unseres Ratings. Darin würdigen wir durchaus, dass Europa wichtige Maßnahmen ergriffen hat. Wir kommen aber zu dem Ergebnis, dass Haushaltsdisziplin allein nicht reicht, um die Krise zu bewältigen. Die Förderung von Wachstum ist absolut notwendig. Das Hauptproblem: Viele Staaten sind darauf angewiesen, große Kapitalsummen zu importieren. Diese Ungleichgewichte werden durch einen Fiskalpakt nicht ausgeräumt. Wir erkennen Fortschritte an, auch in Italien. Aber insgesamt reichen die Maßnahmen auf europäischer Ebene nicht.

Nicht nur Politiker, auch Wirtschaftsexperten kritisieren vermehrt die Macht der Agenturen.

Die Relevanz der Ratings haben wir uns durch hohe Treffgenauigkeit und analytische Qualität erarbeitet. Deshalb messen die Investoren unseren Urteilen große Bedeutung zu.


In der Bankenkrise lagen die Agenturen allerdings ordentlich daneben. Haben Sie das ausgeblendet?

Ich würde gerne etwas präziser argumentieren. In einem bestimmten Teilsegment des US-Finanzierungsmarktes – nämlich bei amerikanischen Hypothekenverbriefungen – sind unsere Annahmen, die wir in die Modelle eingepflegt haben, nicht eingetroffen. Entschuldigend könnte man hinzufügen, dass damals auch andere keine besseren Annahmen über Rahmendaten gehabt haben. Deshalb mussten wir Ratings in einer für uns unüblichen Weise herabstufen. Das ist uns sehr wohl bewusst. Alle anderen Ratings über Verbriefungen, Banken, Unternehmen oder Staaten haben eine ungebrochene Treffgenauigkeit. Sie sprechen also ein isoliertes Problem an.


Kritiker meinen, die Maßstäbe, die Ratingagenturen für ihre Bewertungen ansetzen, seien intransparent. Spielen Sie nicht mit offenen Karten?

Über diesen Vorwurf bin ich sehr verwundert. Auf unserer Website reichen ein paar Mausklicks, um sich über die Kriterien zu informieren. Wer das behauptet, macht sich nicht die Mühe, unsere umfangreichen Informationen abzurufen.


Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy drängen auf die Gründung einer europäischen Ratingagentur. Gibt es Ihrer Meinung nach daran etwas auszusetzen? Oder finden Sie mehr Wettbewerb auch gut?

Wir begrüßen mehr Wettbewerb. Ob es dabei auf das Merkmal „europäisch“ ankommt und welche Erwartungshaltung damit verbunden wird, sei dahingestellt. Grundsätzlich gilt aber: Wenn es Agenturen gibt, die etwas anders begründete analytische Meinungen vertreten, trägt das zur Meinungsvielfalt bei. Zum anderen: Ich würde nicht von der Macht der Agenturen sprechen. Sie haben sich Einfluss und Bedeutung erarbeitet aufgrund jahrzehntelanger Treffgenauigkeit. Das kann man schwer „brechen“, Investoren erkennen das an.


Die deutsche Regierung will Gesetzesänderungen, damit Banken und Versicherungen nicht mehr an Topratings gebunden sein sollen, wenn sie Anleihen kaufen. Trifft Sie diese Misstrauenserklärung?

Das betrifft das Thema „Abhängigkeit“, das auf EU-Ebene stark diskutiert wird. Grundsätzlich begrüßen wir eine Verminderung der mechanischen Bezugnahme auf Ratings durch Regulierungen. Wir wollen über die Qualität unseres Produktes „Rating“ Anerkennung finden bei Investoren, nicht Teil eines automatischen Regelwerks sein.


Fühlen Sie sich selbst als Prügelknabe für eine überforderte Politik?

Wir sehen uns im Augenblick als eine der letzten Bastionen für eine unabhängige analytische Meinung. Ob sie bequem oder unbequem ist, darf keine Rolle spielen.


Was muss die Politik tun, um S&P zu überzeugen, dass der Euro solide ist und Europa auf dem Weg zur Besserung?

Wir haben keinerlei Zweifel daran, dass der Euro ein solides Produkt ist, aber wir bewerten nicht den Euro als solches. Wir verbreiten unsere Meinung darüber, inwieweit eine pünktliche und solide Zahlung bei der Bedienung von Schulden einzelner Staaten möglich ist.

Das Schuldenproblem ist erst im letzten Jahr auf die Märkte richtig durchgeschlagen. Warum wurde es von den Analysten so lange ignoriert?

Da muss ich widersprechen. Standard & Poor's hat das Verschuldungsproblem bereits vor Jahren thematisiert. Wir haben zum Beispiel schon im Jahre 2004 begonnen, Griechenland herabzustufen. Im Jahre 2005 haben wir publiziert, dass wir den Statistiken aus Athen keinen Glauben mehr schenken können. Die Finanzmärkte haben unsere frühen Warnungen allerdings ignoriert.

Warum kommen die beiden anderen großen Ratingagenturen Moody's und Fitch zu positiveren Bewertungen der Bonität als Ihre Agentur?

Das ist eben Ausdruck der bereits existierenden analytischen Meinungsvielfalt.

Warum musste denn auch der Rettungsschirm EFSF abgewertet werden, da steht ja auch Deutschland mit seiner besten Bonitätsstufe dahinter?

Das Triple A des EFSF stellt ab auf das Toprating der garantierenden Staaten. Zwei davon – Frankreich und Österreich – sind gerade weggefallen. Damit ist die Herabstufung der Bonität des EFSF eine logische Konsequenz.

Muss man jetzt ein Downgrading auch für den dauerhaften Schirm ESM erwarten?

Der ESM wird mit eigenem Kapital ausgestattet, ist also etwas unabhängiger von den Ratings der einzelnen Länder.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2012)

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