Börsianer geben Griechenland kaum noch Chance

Viele Analysten haben das hochverschuldete Land bereits abgeschrieben. Einige sehen als einzigen Auswegen den Euro-Austritt.

GREECE FINANCIAL CRISIS
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(c) EPA (Simela Pantzartzi)

Sonderkonto, Sparkommissar, Lohnsenkungen: Mit immer neuen Vorschlägen erhöht Europa den Druck auf Griechenland, seine Schuldenkrise in den Griff zu bekommen. Doch viele Börsianer haben das Land bereits abgeschrieben. "Die Troika hat die Zügel so weit angezogen, dass Griechenland keine andere Wahl hat, als den Euro zu verlassen", sagt Marktanalyst Heino Ruland von Ruland Research. So weit will sich sein Kollege Giuseppe Amato vom Brokerhaus Lang & Schwarz nicht aus dem Fenster lehnen, aber auch er ist sich sicher: "Es läuft alles auf eine geordnete Insolvenz hinaus." Dies würde einen umfassenden Schuldenschnitt beinhalten und nicht nur einen freiwilligen Forderungsverzicht privater Gläubiger, wie er bisher verhandelt wird.

Auch Eugen Keller, Analyst des Bankhauses Metzler, zweifelt an der Reformfähigkeit Griechenlands. "Die Umsetzung der verhandelten Kompromisse kann nicht gelingen, solange sich die Parteien dagegen stemmen und Gewerkschaften, ja zum Teil sogar Arbeitgeber, zum Protest aufrufen. Es fehlt einfach die tiefgreifende Bereitschaft, etwas zu ändern - auch wenn die Frustration der Bevölkerung natürlich nachvollziehbar ist. Und natürlich muss man auch immer im Kopf haben, dass das Kaputtsparen eines Landes allein keine Lösung sein kann."

"Was da abläuft, ist völlig unberechenbar"

Das parteipolitische Gezänk um die Annahme des Sparauflagen geht vielen Börsianern bereits gehörig auf die Nerven. "Was da abläuft, ist völlig unberechenbar und der Ausgang total unklar", klagt ein Aktienhändler. "Was sich allerdings andeutet ist, dass eine Pleite unter den Politikern offenbar immer stärker in Erwägung gezogen wird. Die Scheu, Griechenland in die Insolvenz zu schicken, ist nicht mehr so groß. Das liegt wohl auch daran, dass die Bereitschaft zu tiefgreifenden Reformen in Griechenland bisher nicht zu erkennen ist."

Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker hat bereits mit einem Tabu gebrochen und schließt eine Pleite Griechenlands nicht mehr aus, wenn die geforderten Reformen nicht umgesetzt würden. Auch Neelie Kroes, Vizepräsidentin der EU-Kommission, verabschiedet sich von einem Euro-Mantra. "Es hieß immer, wenn man ein Land gehen lässt oder es um Austritt bittet, stürzt das gesamte Gebäude ein. Das stimmt einfach nicht."

Dennoch hoffen einige Börsianer, dass es Griechenland doch noch schafft und mit Hilfe drastischer Einsparungen und Reformen die Insolvenz noch abwendet. "Die Griechen versuchen natürlich mit allem, was sie haben, sich gegen diese aufgedrückten Sparpakete zu wehren", sagt Oliver Roth, Chefhändler der Close Brothers Seydler Bank. "Das kann man auch verstehen. Fakt ist aber, dass auch die Griechen ihren Teil dazu beitragen müssen, um die Europäische Union und den Euro wieder zu stabilisieren. Kurzfristig müssen sie wahrscheinlich die Sparpakete akzeptieren." HSBC Trinkaus-Volkswirtin Jana Meier sieht es ähnlich. "Griechenland hat keine andere Wahl als die Auflagen zu akzeptieren, denn alles andere käme das Land noch viel teurer."

Sorgen um Portugal

Ein anderer Börsianer weist zudem auf unkalkulierbare Risiken einer Griechenland-Insolvenz hin. "Die Wahrscheinlichkeit, dass damit eine Lawine ausgelöst wird und vor allem Portugal als nächstes in den Pleite-Strudel gerät, ist sehr groß." Marktanalyst Ruland sieht möglichen Spekulationen von Investoren gegen Portugal allerdings gelassen entgegen. "Da werden sie sich die Zähne ausbeißen." Das Land stehe um einiges besser da als Griechenland.

Die Verschuldung Portugals liegt derzeit bei 111 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) und damit nur etwa halb so hoch wie in Griechenland. Das Haushaltsdefizit wird 2012 voraussichtlich bei 4,5 Prozent des BIP liegen, statt bei sieben Prozent wie in Griechenland.

(APA)

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