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Staatsschulden: "Länder müssen pleitegehen können"

01.03.2012 | 18:27 |  ALEXANDER WEBER (Die Presse)

Deutsche Spitzenökonomen warnen davor, in der Schuldenkrise zu sehr auf die EZB zu vertrauen. Ohne Insolvenzrecht gehe Haushaltsdisziplin verloren.

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Frankfurt/Wien. Seit die Europäische Zentralbank (EZB) im Dezember das erste Mal ihre „Bazooka“ gezückt und Europas Banken mit 500 Mrd. Euro überschüttet hat, mehren sich in Europa die Zeichen der Entspannung. Am Mittwoch durften die Institute ein zweites Mal zugreifen und sich von der Zentralbank billiges Geld leihen. Zuvor waren die Währungshüter schon auf dem Anleihenmarkt in Erscheinung getreten, indem sie die Schuldtitel von Italien, Spanien oder Portugal aufkauften.

Viele Ökonomen warnen davor, die Zentralbank als Allzweckwaffe zu begreifen. „Wenn die EZB weiter Staatsanleihen aufkauft, geht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit jegliche Haushaltsdisziplin verloren“, sagte die Schweizer Professorin Beatrice Weder di Mauro in Frankfurt bei ihrem letzten Auftritt als deutsche „Wirtschaftsweise“.

Umgekehrt sei es aber zu spät, Griechenland fallen zu lassen und allein dem Markt zu vertrauen. Am „Institutional Money Congress“ warb di Mauro daher für einen „Schuldentilgungspakt“, den sie und die vier anderen Wirtschaftsweisen erarbeitet haben. Dieser sieht vor, dass sich die Staaten bis zum Jahr 2035 untereinander aushelfen, um ihre Schuldenberge abzubauen. Erst dann könne ein „glaubwürdiger Insolvenzmechanismus“ eingeführt werden, der Geldgebern zur Vorsicht und verschuldeten Staaten zur Haushaltsdisziplin verhelfen soll.

Funktionieren soll das so: Staatsschulden, die die Grenze von 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts überschreiten, werden in einen gemeinsamen Fonds eingebracht. Gleichzeitig wird für jedes Land ein Fahrplan festgelegt, der den Abbau des Schuldenbergs innerhalb von 20 bis 25 Jahren festlegt. Dabei sollen Sparmaßnahmen und eigens eingehobene Steuern helfen.

Im Gegenzug finanzieren sich die teilnehmenden Länder günstig über Anleihen, die der Fonds auflegt. Mit der Zeit sollen die Schulden kontinuierlich sinken (siehe Grafik). Verpflichtende Schuldenbremsen sollen dafür sorgen, dass die Schuldenquoten am Ende nicht wieder über 60 Prozent steigen. Ein erneutes Auflegen oder eine Ausweitung des Fonds wäre ausgeschlossen.

Am Ende des Schuldenabbaus auf ein erträgliches Maß müsse eine „No Bail-out“-Klausel installiert werden, um öffentlichen Haushalten über den Umweg der Märkte Disziplin einzuimpfen, so Weder di Mauro. Dafür plädierte in Frankfurt auch der Chef des Ifo-Instituts, Hans Werner Sinn. „Länder müssen pleitegehen können. Nur das führt zu einem in sich geschlossenen System.“

 

Beispiel USA der 1840er-Jahre

Den bisherigen Bemühungen um die Rettung Griechenlands stellte Sinn ein schlechtes Zeugnis aus: „Der Lebensstandard wird auf einem unnatürlich hohen Niveau gehalten. Dadurch wird nur die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit zementiert.“

Beide Ökonomen führten bei ihren Argumenten für die Sinnhaftigkeit von Staatsinsolvenzen den amerikanischen Gründungsvater Alexander Hamilton ins Feld. Was dieser mit der heutigen Situation zu tun hat, erklärte der Wirtschaftsnobelpreisträger Thomas Sargent: Nachdem sich die US-Bundesstaaten in den 1840er-Jahren bis über beide Ohren verschuldet hatten, fragten sie in Washington nach einem „Bail-out“ (den sie nach dem Unabhängigkeitskrieg schon einmal erhalten hatten).

Hamilton, der erste US-Finanzminister, erteilte dem aber eine Absage. Eine der Folgen war, dass Anleger den US-Anleihen eine ganze Generation lang nicht mehr über den Weg trauten. Eine andere war, dass die US-Bundesstaaten allesamt Schuldenbremsen in ihre Verfassungen aufnahmen. Diese sind bis heute spürbar: Erreicht das Schuldenniveau ein bestimmtes Limit, müssen vielerorts Beamte entlassen oder Nationalparks zugesperrt werden.

Meistens seien es Finanzkrisen gewesen, die große politische Veränderungen hervorgebracht hätten, sagte Sargent. Das sei heute auch in Europa möglich – etwa in Form eines groß angelegten Machttransfers nach Brüssel. Auch, wenn dieser Jahre dauert.

Grafik: Die Presse

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2012)

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9 Kommentare

Wie soll etwas pleitegehen können, was man nicht pfänden kann?


Antworten Gast: Anarchie2013
02.03.2012 19:49
0 0

Re: Wie soll etwas pleitegehen können, was man nicht pfänden kann?

In letzter Konsequenz haften SIE als StaatsBÜRGEr des Landes -
Schulden werden nicht "zurückgezahlt" - das geht eig. gesamt gar nicht - der Staatsanleihenbesitzer aus China hat auch nicht direkt Zugriff auf "ihr Häuschen" - aber der Staat wird "motiviert werden" ihnen ausreichend wegzunehmen - man "zahlt ab" durch Gesamteinbruch des Lebensstandards durch Inflation bis "Enteignung"(offen oder indirekt) in extremis (was ja auch der Sinn der Sache war)

0 0

genau so

Genau so wird es kommen, wenn der Verstand die Oberhand behält und nicht mit irgendwelchen Völkern in Europa das Gefühl durchgeht ... aber sicher kann man sich ja nie sein, dass die Helden nicht ausflippen!

Wofür die Banken das viele Geld der EZB brauchen

http://www.format.at/articles/1209/521/320806_s2/wofuer-banken-geld-ezb

Gast: Senf-Geber
02.03.2012 08:20
0 1

ein souveräner Staat - stirbt NIE !

er kann aber seine Schulden für "obsolet" und man beginnt einen Währungstausch ....

Nur weil Europas Staaten "nicht mehr SOUVERÄN sind,
die EU aber kein Staat ist und keine echte Zentralgewalt hat, und die WährungsUnion obendrein nicht die "EU" ist, sondern nur ein Teil vom ganzen,
und weil alles nur Verträge sind und diese die Zustimmung der "souveränen Staatsgewalt" der Vertragsländer bei jeder neuen Lösung erfordern, ....

ALSO zuerst
die VEREINIGTEN STAATEN von EUROPA schaffen ...
und diese UNION hat dann eine "Zentralgewalt" eine Zentralbank" und eine "EUROpäische Währung"!
...

ist doch einfach irgendwie ....

Gast: EFF EFF
02.03.2012 05:23
0 1

tot ist ein superlativ, totsparen ebenfalls

Bis 2035 wird man bestimmt nicht warten müssen, bis tote Staaten, bzw. tote Bankenlandschaften nicht mehr künstlich am Leben erhalten werden. Solange sollte man unbedingt genau beobachten, wie tot ein Staat nun wirklich ist.
Gegebenfalls empfehle ich Elektroschocker, um nochmals die letzten Zucken zu simulieren und genau zu analysieren. Vielleicht gibt's ja doch noch was zu holen.

Konfusionismus, der neue Denkstil.

Genau jene Schulden ÜBER 60% sollen plötzlich in den GEMEINSAMEN Topf und vermittels irgenwelcher "Übereinkommen" irgendwann abgebaut werden. Kann sich jeder vorstellen, wie das klappt. Um diesen wackeligen Gedankengebäude einen seriösen Touch zu geben, darf Werner Sinn für eine "No Bail-out-Klausel" werben und eine Professorin ein bisschen vor dem Aufkauf von Staatsanleihen durch die Zentralbank warnen. Im Kern gehts aber - nur leicht verbrämt - um die Vergemeinschaftung von überbordenden Schulden.

Gast: Guy Y
01.03.2012 19:42
2 5

Unsere Bundesländer gehen eh ständig fast pleite,

reicht das nicht? Kärnten überall?

Antworten Gast: Saiffenstayn
02.03.2012 08:22
0 1

Re: Unsere Bundesländer gehen eh ständig fast pleite,

der Prölli von Niederösterreich kann´s besser
ein großes Maul
und noch größere Schulden ....

aber eine SUPER-FORSCHUNGS-ISTA und die Republik zahlt ... 100 Jahre im Voraus ....

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