Stiglitz: "Überdosis Sparen macht alles nur schlimmer"

Der Schuldenerlass für Griechenland sei viel zu gering ausgefallen, sagt der Nobelpreisträger. Er ist überzeugt, dass eine Transferunion den Euro rettet.

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(c) EPA (Jean-christophe Bott)

Der US-Ökonom Joseph Stiglitz übt scharfe Kritik am europäischen Krisenmanagement. Eurokrisenländer wie Griechenland oder Portugal hätten keine Chance, die vorgegebenen Sparziele zu erreichen: Durch den Wirtschaftsabschwung würden nämlich die Steuereinnahmen sinken und die Sozialabgaben steigen.

"Eine Überdosis Sparen macht alles nur schlimmer", sagt Stiglitz in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" (Mittwochsausgabe). Der Nobelpreisträger vergleicht die Rettungsversuche der Euro-Zone mit mittelalterlichen Methoden: "Wenn ein Patient starb, hieß es: Der Arzt hat den Aderlass zu früh beendet, es war noch etwas Blut in ihm".

Die Euro-Zone hätte eine Staatspleite Griechenlands zulassen sollen, so der US-Wirtschaftsforscher: "Der Bankrott - auch von Staaten - gehört zum modernen Kapitalismus". Der Schuldenerlass sei viel zu gering ausgefallen. "Es war gerade der Versuch, die Pleite zu verhindern, der für Europa zum großen Problem wurde".

"Sehr harte" Jahre für Europa

Europa drohe die zweite Rezession in kurzer Zeit: Die nächsten Jahre würden "sehr hart" werden. Stiglitz befürchtet außerdem, dass die Wut und Unzufriedenheit in den Krisenländern weiter zunimmt.

Sparen ist für den US-Ökonomen der falsche Weg. Er appelliert an die europäischen Regierungen, die Staatsausgaben in Krisenzeiten zu erhöhen anstatt zu senken. Außerdem tritt er für Finanztransaktionssteuern ein - und fordert, dass die Europäische Investitionsbank kleinere und mittlere Unternehmen verstärkt mit Krediten unterstützt.

Langfristig brauchen die Euro-Länder Stiglitz zufolge eine gemeinsame Haushaltsbehörde, die Unterschiede ausgleicht. "Ich spreche von der sogenannten Transferunion, die von vielen Deutschen so gehasst wird", erklärt der Ökonom im Gespräch mit der "Süddeutschen".

Verschiebung des Machtzentrums nach Asien

Die Euro-Krise und die schwächelnde US-Wirtschaft würden den Einfluss von China und Indien auf die Weltwirtschaft verstärken, so Stiglitz. Das sei auch gut so: Damit werde nämlich endlich eine "Anomalie der Geschichte" korrigiert. 1820 habe Asien schließlich noch für die Hälfte der weltweiten Wirtschaftsleistung gestanden, bevor die Region an Einfluss verlor.

Geschmeidig werde der Machtwechsel zurück zu den Schwellenländern aber nicht verlaufen. Stiglitz erwartet "eine ganze Menge geopolitische und wirtschaftliche Auseinandersetzungen". 

Joseph Stiglitz (69)

Der Wirtschaftsforscher Joseph Siglitz war Chefökonom der Weltbank und unterrichtet an der New Yorker Columbia University. Im Jahr 2001 erhielt er den Wirtschaftsnobelpreis für eine Arbeit über das Verhältnis von Information und Märkten. Er ist Mitbegründer des Institute for New Economic Thinking, in dem neue Denkansätze für die Volkswirtschaftslehre entwickelt werden sollen.

(Red.)

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