Brüssel. Es sind noch nicht viele, doch ihre Zahl steigt rasant: Seit Beginn der Wirtschaftskrise wandern immer mehr Portugiesen, Iren, Griechen und Spanier nach Österreich ein. Laut neuesten Zahlen der Statistik Austria verdoppelte sich die Zahl der Zuwanderer aus diesen vier besonders hart von der Eurokrise gebeutelten Ländern in den Jahren 2008 bis 2011 von 1416 auf 2805.
Und jene, die kommen, bleiben öfter als früher: 2008 waren es nach Abzug der Rückwanderer 476 Bürger der oft abschätzig PIGS-Staaten genannten Gruppe, die in Österreich blieben. Das war also knapp jeder Dritte. Drei Jahre später betrug die Nettozuwanderung aus diesen Staaten 1279 Menschen. Es blieb also beinahe jeder Zweite.
Die Statistik Austria erhebt nicht die Gründe für die Zu- und Auswanderung nach Österreich. Doch dass es einen Zusammenhang gibt, ist unbestreitbar. "Seit Beginn der Wirtschaftskrise gab es einen leichten Zuwachs von Arbeitsuchenden aus Spanien, Griechenland und Irland", erklärte bereits im September 2011 Beate Sprenger vom Arbeitsmarktservice auf Anfrage der "Presse“.
So wanderten zum Beispiel im Jahr 2008 365 Griechen nach Österreich, von denen 78 blieben. Drei Rezessionsjahre in Griechenland später blieben von den 863 nach Österreich zugewanderten Griechen schon 449. Aus Spanien wanderten 2008 brutto 567 Menschen zu, 2011 waren es 1130. Netto, also nach Abzug der Rückwanderer, blieben 231 beziehungsweise 474 von ihnen.
Diese Zahlen zeigen erstens, dass sogar aus Ländern, für die Österreich traditionell kein Auswanderungsziel war, im Zug der Wirtschaftskrise wesentlich mehr Menschen kommen. Zweitens sind es aber in absoluten Zahlen noch immer sehr wenige Portugiesen, Iren, Griechen und Spanier, die sich in die Alpenrepublik wagen.
Schwacher EU-Arbeitsmarkt
Das zeigt einmal mehr, wie schlecht der grenzüberschreitende Arbeitsmarkt in der EU noch immer funktioniert. Bürokratische Hürden und vor allem fehlendes Geld zum Neustart in der Fremde halten noch immer viele Europäer davon ab, ihre Berufslaufbahn im Ausland fortzusetzen. So erklärten zum Beispiel Anfang 2011 in einem Eurobarometer der Europäischen Kommission 53Prozent von 57.000 befragten jungen Europäern zwischen 15 und 35 Jahren, dass sie bereit oder zumindest daran interessiert wären, in einem anderen Land zu arbeiten. Doch gleichzeitig gab jeder Dritte an, selbst nicht genug Geld zu haben, um als ersten Schritt zumindest einen Teil der Ausbildung fern der Heimat zu bestreiten.
So ist es wenig verwunderlich, dass nur rund drei von hundert europäischen Erwerbstätigen außerhalb ihres Heimatlandes arbeiten. Dabei sind die bürokratischen Hürden für Unionsbürger, die sich in Österreich niederlassen wollen, nicht außergewöhnlich hoch. „Außer der polizeilichen Meldung und der Anmeldebescheinigung bei den Bezirksbehörden für Personen, die länger als drei Monate im Land bleiben, sind keine Meldungen vorgeschrieben“, hielt Beate Sprenger vom AMS fest.
Vor allem Junge trifft es hart
Es bleibt mit Aufmerksamkeit zu beobachten, ob die triste Lage an den Arbeitsmärkten in den südlichen Euroländern diesen Trend verstärkt. Vor allem junge Menschen trifft es hart. In Griechenland sind 53,8Prozent der Jungen ohne Job, in Spanien 51,1Prozent, in Portugal 36,1Prozent.
Paradoxerweise ist diese Generation so gut wie keine zuvor ausgebildet. Gleichzeitig fehlen in Österreich vielerorts lernwillige Facharbeiter. Mit großem Interesse wartet man darum bei der Wirtschaftskammer auf deutsche Erfahrungsberichte mit Jobmessen in Spanien. „Wir beobachten sehr genau, wie sich Angebot und Nachfrage hier zusammenbringen lassen“, sagte Margit Kreuzhuber von der Kammer zur „Presse“.
Österreich hat mit vier Prozent die niedrigste Arbeitslosenrate Europas. Das scheint nun immer mehr Bürger aus den Krisenländern an den Rändern der Eurozone dazu zu bewegen, ihr Glück auf dem hiesigen Arbeitsmarkt zu versuchen.
Die Zahl der Zuwanderer aus Portugal, Irland, Griechenland und Spanien hat sich seit dem Jahr 2008 auf 2805 verdoppelt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2012)

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